50 Jahre Večerníček

50 Jahre Večerníček

Das tschechische Sandmännchen schickt mit seinen Gute-Nacht-Geschichten bereits seit einem halben Jahrhundert Kinder zu Bett

7. 1. 2015 - Text: Sabina PoláčekText: Sabine Poláček; Foto: Radek Pilař

Ohne Večerníček ins Bett zu gehen, ist für viele tschechische Kinder undenkbar. Jeden Abend um 18.45 Uhr bringen das öffentlich-rechtliche Fernsehen ČT2 und der Kinderkanal ČT:D die Kultfigur in die Wohnzimmer. Es ist immer dasselbe Ritual: Das Männchen mit schwarzen Haaren, Augen in Sternenform und Papiermütze auf dem Kopf verbeugt sich, sagt Guten Abend und – Zeitungsblätter in die Luft werfend – läuft er beschwingt eine Treppe hinauf. Er wippt auf einem Schaukelpferd, fährt Auto und balanciert zum Schluss auf einem Einrad: Das Märchen beginnt. Danach verabschiedet er sich mit „Dobrou noc“ und verschwindet wieder im nächtlichen Sternenhimmel.

Entworfen hat die Zeichentrickfigur der Illustrator und Grafiker Radek Pilař (1931–1993). Die Stimme lieh ihm der damals fünfjährige Michal Citavý, die Musik komponierte Ladislav Simon. „In einem Monat waren wir fertig. Wir machten nur eine Version. Nur bei der Musik wählten wir dann eine zweite Variante“, erinnerte sich Regisseur Václav Bedřich 1981 in der Sendung „Televizní klub mladých“.

Der berühmte Zeichentrickvorspann und die vielen legendären Geschichten sind bis heute eine Institution. Am 2. Januar 2015 feiert Večerníček (wörtlich übersetzt etwa Abendmännchen) seinen 50. Geburtstag. Aus diesem Anlass strahlt das Tschechische Fernsehen ein Sonderprogramm aus: den Vorläufer der Večerníček-Sendung aus dem Jahr 1964. Das so genannte „Stříbrné Zrcátko“ („Silbernes Spieglein“) begann mit dem damals populären Märchen „Robot Emil“ („Emil, der Roboter“). „Ich bin sicher, dass sich darüber nicht nur Kinder freuen, sondern auch die Erwachsenen, die diese Geschichten noch aus ihrer Kindheit kennen“, sagt Petr Dvořák, Generaldirektor des Tschechischen Fernsehens.

Wie alles begann
Die Sendereihe blickt auf eine ereignisreiche Geschichte zurück: Von 1965 bis 2014 wurden nach Angaben des Tschechischen Fernsehens etwa 370 Serien ausgestrahlt. Den Anfang machte am 2. Januar 1965 die erste Folge von „Kluk a kometa“ („Der Junge und der Komet“) – eine Serie, die in Zusammenarbeit mit dem Schwarzlichttheater von Jiří Srnec entstand.

Während Večerníček die Kinder in den ersten Jahren noch in Schwarzweiß und nur sonntags begrüßte, erschien er ab 1973 in Farbe, und das jeden Tag. Neben den Autoren und Dramaturgen sind vor allem viele Schauspieler in Erinnerung geblieben, zum Beispiel Jiřina Bohdalová und Josef Dvořák, die Märchenfiguren wie „Křemílek & Vochomůrka“, „Maxipes Fík“ und „Bob & Bobek“ ihre Stimme liehen.

Die siebziger Jahre galten als die Blütezeit des tschechoslowakischen Kinder- und Animationsfilms. Damals entstanden zahlreiche internationale Koproduktionen – unter anderem mit dem Westdeutschen Rundfunk („Pan Tau“, „Der kleine Maulwurf“). „Es war eine schöne Zeit. Obwohl die Arbeit auch viel Verantwortung mit sich brachte“, erinnert sich Marie Kšajtová, die dreißig Jahre lang als Dramaturgin an den Večerníček-Sendungen „Broučci“ („Die Käferchen“) oder „Maxipes Fík“ mitwirkte. „Schließlich haben sich die Märchen nicht nur Kinder angeschaut, sondern die ganze Familie.“ Laut Kšajtová habe es manchmal allerdings auch Ärger gegeben: So sei es in der sozialistischen Zeit vorgekommen, dass die Dramaturgen der Leitung des Tschechoslowakischen Fernsehens Rechenschaft darüber ablegen mussten, warum einige Večerníček-Serien nicht so gut liefen. Schließlich sollten die Fernsehgeräte eingeschaltet bleiben, weil nach dem „Sandmännchen“ die Nachrichten gezeigt wurden.

Die beliebteste Večerníček-Sendung überhaupt ist laut einer im Februar 2013 durchgeführten Zuschauerumfrage des Tschechischen Fernsehens die 1974 entstandene TV-Serie „Krkonošské pohádky“ („Märchen aus dem Riesengebirge“) über den Geizhals Trautenberg und seinen mächtigen Nachbarn Krakonoš (Rübezahl). Während des Sozialismus gelang es, die wahre Autorin des Drehbuchs, Božena Šimková, zu verschweigen. Wegen ihrer Kritik an der totalitären Politik stand sie auf der Schwarzen Liste. Sie war nicht die einzige, die die Zensur fürchten lernte. Rudolf Čechura, der im Oktober vergangenen Jahres verstorbene Schöpfer von „Maxi­pes Fík“, wurde 1969 als Redakteur beim Tschechoslowakischen Rundfunk aus politischen Gründen entlassen.

Originelle Umsetzung
Auch nach der Wende bauten die Produktionsstudios auf internationale Kooperationen. So arbeiteten bei „Broučci“ 1995 das Studio Jiří Trnka, das Comité Francais de Rádio Télévision und die britische Jerusalem Productions eng zusammen.

Manche Zuschauerreaktionen hielten währenddessen so manche Überraschungen bereit. Im Jahr 2007 reichte laut Protokoll des Fernsehrats ein Zuschauer eine Beschwerde ein. Er war der Meinung, dass das tschechische Sandmännchen für Kinder kein gutes Vorbild sei. Denn im Vorspann halte es sich nicht an die Straßenverkehrsordnung. Auch die Sicherheitsvorkehrungen seien mangelhaft: Der Treppe fehlt ein Geländer, Večerníček legt im Auto keinen Sicherheitsgurt an, fährt ohne Schutzhelm Fahrrad und wirft mit Papier um sich, anstatt es in die Recyclingtonne zu werfen. Doch die Kritik brachte weder den Fernsehrat noch Večerníček aus dem Konzept, die allabendlichen Märchen blieben Kult.

Miloš Zvěřina, seit zwölf Jahren Dramaturg von Večerníček, weiß warum: „Večerníček hat viel Fantasie, ist liebevoll und originell.“ Für dieses Jahr sind insgesamt vier Premieren und neue Fortsetzungen geplant. „Das Fundament bildet nach wie vor eine gute literarische Vorlage, eine originelle künstlerische Umsetzung und eine individuelle Note des Regisseurs“, erklärt Petr Koliha, geschäftsführender Direktor des Kinderkanals ČT:D.  „Der zeitliche Ablauf der Animationsfilme ist zwar dynamischer geworden. Doch die Seele der Kinder ist dieselbe geblieben. Sie sehnt sich nach Liebe, Verständnis und Harmonie. Večerníček verkörpert all das.“



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