16. November 2018,

„Die Serie ist nicht anti-deutsch“

03. 06. 2015

Ein Gespräch mit der Autorin von „Urlaub im Protektorat“ Zora Cejnková


Die 45-jährige Zora Cejnková ist seit über 20 Jahren im Filmgeschäft tätig. Zunächst beim Fernsehen als Reporterin für den Privatsender Nova, seit 2000 konzentriert sie sich auf Dokumentarfilme und Werbevideos. Mit PZ-Redakteurin Katharina Wiegmann sprach die Autorin von „Urlaub im Protektorat“ über ihre Motivation und das Konzept der Sendung.

Wie kamen Sie auf die Idee für dieses Format?

Zora Cejnková: „Urlaub im Protektorat“ basiert auf Erinnerungen meiner eigenen Familie. Meine Großeltern lebten zu dieser Zeit in Mähren und haben mir viel vom Alltag während der Okkupation erzählt. Es werden meist nur die großen Geschichten erzählt, ich finde aber gerade die kleinen faszinierend. Wie gingen die Menschen mit den Schwierigkeiten dieser Zeit um, wie mit der Angst um die Familienmitglieder? Ein Bruder meines Großvaters wurde in Mauthausen ermordet. Das Thema ist sehr emotional für mich.

Die Serie erinnert mehr an eine Dokumentation als an eine gewöhnliche Reality-Show.

Cejnková: Zunächst muss ich sagen, dass ich wirklich überrascht war von den vielen empörten und negativen Kommentaren im Vorfeld. In der deutschen Presse war von „Big Brother Auschwitz“ die Rede. Der Mediensturm ging schon Anfang Mai los, dabei hatte zu diesem Zeitpunkt noch gar niemand die Sendung gesehen, wir hatten vorab kein Material veröffentlicht. „Urlaub im Protektorat“ ist zwar keine Dokumentation, aber auch keine Reality-Show wie „Big Brother“ und war auch nie als solche geplant. Wir haben diese Genre-Bezeichnung nie verwendet. Ich würde es Situationsdrama nennen. Die Episoden haben einen vorgegebenen Handlungsrahmen, die Schauspieler halten sich an ihre mit Hilfe von Historikern erstellten Skripts. Die Familie kann daraus machen, was sie will – oder kann.

Aber können Sie nachvollziehen, dass der Titel und das Konzept heftige Reaktionen hervorruft, auf tschechischer wie auf deutscher Seite?

Cejnková: Die Serie ist nicht anti-deutsch, wie uns oft vorgeworfen wurde. Es geht um universelle Fragen: Wie würde ich mich verhalten, wenn ich auf einmal in so einer furchtbaren Situation wäre? Wie würde ich reagieren, wenn mich jemand um Hilfe bitten würde und ich wüsste, dass damit Gefahren für mich und meine Familie verbunden sind?

Die Großelten der Familie, Jarmila und Jiří, haben die Okkupation durch die Nationalsozia­listen noch miterlebt. Hatten Sie keine Sorge, dass eine erneute Konfrontation mit dem Thema vielleicht traumatisch sein könnte?

Cejnková: Wir haben den ganzen Aufbau der Sendung sehr sorgfältig vorbereitet. Schon beim Casting der Familien waren Psychologen vor Ort, die uns dabei geholfen haben, eine Familie mit sehr starken Charakteren auszuwählen. Natürlich gab es während der Dreharbeiten harte Momente, aber alles in allem sind die Großeltern sehr gut damit umgegangen und waren begeistert vom Projekt. Wahrscheinlich auch, weil sie alles gemeinsam mit Kindern und Enkeln stemmen mussten und alle viel Zeit miteinander verbracht haben. Wir wollten von Anfang an unbedingt drei Generationen dabei haben, um zu sehen, wie unterschiedlich die Reaktionen ausfallen würden. Für alle war es eine große Herausforderung.

Waren Sie von manchen Familienmitgliedern und ihren Reaktionen besonders überrascht?

Cejnková: Die Familie hatte keinerlei Richtlinien, nur die Schauspieler. Wirklich überrascht hat uns, wie schnell alle Familienmitglieder in ihre Rollen und die Zeit eingetaucht sind und wie ernst sie alle Figuren genommen haben, die ihnen begegneten. Den Lehrer haben sie zum Beispiel alle richtig gehasst. Der war für sie ein Kolla­borateur ohne Rückgrat. Und dies obwohl sie ja wussten, dass es nur gespielt ist. Den Lebensmittelhändler dagegen, bei dem die Familie einmal die Woche einkaufen konnte, mochten alle sehr gerne. „Er ist die Sonne in unserem Leben“, hat Jarmila einmal gesagt, ihr gefielen seine Scherze.

Gibt es eine andere Zeitspanne, die Sie für eine eventuelle neue Staffel der Serie besonders interessieren würde?

Cejnková: Vielleicht die fünfziger Jahre, die Nachkriegszeit in der Tschechoslowakei nach der kommunistischen Machtübernahme. Das war auch eine sehr dunkle Periode und es wäre interessant zu sehen, wie normale Bürger ihren Alltag erlebten. Es ist immer gut, die Leute an solch schwierige Zeiten zu erinnern.

Interview: Katharina Wiegmann, Foto: Zora Cejnková

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