18. Oktober 2017,

Schöne neue Welt

Michele Fanolis „Politics in an Oyster House“

09. 11. 2016

Mit Revere und Rauschenberg: Nationalgalerie nimmt Besucher mit auf eine Reise durch die Geschichte der Vereinigten Staaten

Selten war Geschichte so schön anzusehen. Mehr als 300 Jahre in lebhaften Bildern – romantisch und düster, kitschig und schrill, realistisch und ironisch. Sie zeigen nicht nur die Ent­deckung einer schönen neuen Welt, sondern auch Sklavenhandel und Krieg. Im Messepalast präsentiert die National­galerie 140 Grafiken aus der Bildergalerie in Washington, die die Geschichte der Vereinigten Staaten vom frühen 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart widerspiegeln. Zu sehen sind Meilensteine der Druckgrafik wie Paul Reveres „Boston Massacre“ und moderne Ikonen wie Andy Warhols „Marilyn“.

Die Reise durch die amerikanische Vergangenheit beginnt Anfang des 18. Jahrhunderts. Die Künstler stammten damals meist aus England, Frankreich und anderen europäischen Ländern. Sie kamen als Handwerker nach Amerika und sollten mit ihren Bilder vor allem die unbekannte, exotische neue Welt vorstellen – ihre Ureinwohner, die Landschaft und historische Ereignisse. Der Druckgrafik kam von Anfang an eine besondere Rolle zu. Eine einzige Kupferplatte reichte, um hunderte Drucke zu produzieren. Das machte sie zu einem günstigen Medium, mit dem sich zugleich bestimmte Vorstellungen einfach verbreiten ließen. Zielpublikum waren zunächst die Kolonialmächte, die nach Neuigkeiten aus Amerika gierten.

„New York“ von Louis Lozowick

Der nächste Teil der Ausstellung widmet sich dem Kampf um Unabhängigkeit und Freiheit. Oftmals kommentierten die Grafiken historische Ereignisse kritisch, wie Reveres Darstellung des Massakers von Boston während der Amerikanischen Revolution. Der Kupferstich entstand drei Wochen nach dem Vorfall vom 5. März 1770, bei dem britische Soldaten fünf Zivilisten töteten. Revere stellte sich mit seinem Bild auf die Seite der Opfer.

Das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert prägte der wirtschaftlicher Aufschwung. Sichtbar wird er in expressive Bildern, die jegliche romantisierende Elemente verloren haben. Zu sehen sind auch Werke – beispielsweise von Mary Cassatt und Edward Hopper – aus der berühmten „Armory Show“. Die Ausstellung wurde erstmals 1913 in New York gezeigt und hatte erheblichen Einfluss auf die Entwicklung der modernen amerikanischen Kunst.

Die Zeit des Wohlstands nach dem Zweiten Weltkrieg reflektiert die Pop Art, die vor allem Massenkonsum und -produktion thematisiert. Nach Werken bekannter Künstler wie Jasper Johns, Claes Oldenburg, Robert Rauschenberg und Roy Lichtenstein landet der Betrachter schließlich in der Gegenwart. Seit den Sechzigern prägen stilistische und thematische Vielfalt die amerikanische Grafik. Abstraktion findet sich genauso wie ernüchternder Realismus. Es geht um Alltag, Diskriminierung und soziale Fragen, aber auch um Spiele mit der Wahrnehmung.

Americká grafika tří století. Messepalast (Veletržní palác, Dukelských hrdinů 47, Prag 7), geöffnet: täglich außer montags 10 bis 18 Uhr, Eintritt: 150 CZK (ermäßigt 80 CZK), bis 8. Januar, www.ngprague.cz

Text: Franziska Neudert, Bilder: National Gallery of Art

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