18. Oktober 2017,

Mitten im Geschehen

Szene aus dem russischen Alltag: Zwei Mitarbeiterinnen eines Restaurants in Sankt Petersburg

17. 02. 2016

Die Galerie Zahradník zeigt 100 Bilder des World-Press-Photo-Preisträgers Sergey Maximishin

Feiernde Gefängnisinsassen, ein Theater-Ensemble von Menschen mit Trisomie 21, ein Res­taurant mit Mao-Portrait an der Wand, zweifelhafte Unternehmer, die ihren Reichtum zur Schau stellen: Je weiter man auf dem verwinkelten Weg durch die Galerie Zahradník bis in ihr kahles Kellergeschoss vordringt, desto tiefer taucht man in das Russland von Sergey Maximishin ein. Der Fotograf erzählt in eindrücklichen Details von seiner Heimat, schaut unter die Oberfläche und hinter die Kulissen, fängt unbeobachtete Momente ein.

Da gibt es eine Frau, die mit ihrem Einkauf an einem Kreml-Modell aus Eisquadern vorbeiläuft, Bankangestellte, die in einem Nachtclub nackt auf dem Tisch tanzen, eine Dame zwischen antiken Büsten in der Sankt Petersburger Eremitage. In jedem Bild steckt eine Geschichte; Maximishins persönliche Verbindung zu den Orten und ihren Menschen verleihen seinen Fotos Seele. Selbst sein Putin-Portrait ist vertraulich, düster und fernab gefälliger Blitzlichtaufnahmen, die alltäglich in der Presse präsentiert werden.

Alternatives Fortbewegungsmittel in Moskau (2004)

Zwei Motive kehren in Maximishins Fotografien aus Russland immer wieder: der lange Schatten der kommunistischen Vergangenheit und die Allgegenwart des Militarismus. Kinder halten echte Waffen wie ein Spielzeug in der Hand, ein Soldat bespaßt den Besucher eines Jugendclubs. Daran schließen sich Aufnahmen aus dem Tschetschenienkrieg, von nordkoreanischen Grenz­soldaten oder einer Rekrutenausbildung in Afghanistan an. Aus Ländern wie Indien, Kuba oder Kenia zeigt Maximishin Menschen, die schwerer Arbeit nachgehen und in einfachsten Verhältnissen leben, bei Hochzeiten und religiösen Ritualen.

Themen und Aufnahmeorte der ausgestellten Fotos geben Hinweise auf die Biografie des Fotografen. 1964 geboren, war er zwischen 1985 und 1987 als junger Armeefotograf mit den sowjetischen Truppen auf Kuba stationiert. Später, nach seinem Studium der Kernphysik, arbeitete er in den Wissenschaftslaboratorien der Eremitage in Sankt Petersburg. Erst 1998 machte er seinen Abschluss als Fotojournalist, war zunächst für die russische „Izvestia“ tätig und ist seit 2003 bei der deutschen Agentur „Focus“ engagiert.

Salzabbau von Hand im indischen Goa (2008)

Seitdem ist Maximishin viermal im Wettbewerb Russia Press Photo und zweimal im Rahmen des World Press Photo ausgezeichnet worden. Seine Kamera ist nie außenstehender Beobachter, sondern immer ganz nah dran an den Menschen. Die Ausstellung in der Galerie Zahradník präsentiert in 100 Fotografien höchst eindrückliche Porträts und Momentaufnahmen, die nie voyeuristisch sind, aber den Betrachter mitten ins Geschehen ziehen.

 

Sergey Maximishin – 100 Fotografien. Galerie Zahradník (V Jámě 8, Prag 1), geöffnet: Di.– So. 12 bis 19 Uhr, Eintritt: 60 CZK (ermäßigt: 40 CZK), bis 28. Februar

Text: Daniela Honigmann, Fotos: Sergey Maximishin

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