Modernität in anderem Licht
20. 06. 2012
Náprstek-Museum präsentiert ungewöhnliche Exponate aus den europäischen Völkerkundemuseen
Ein Sarg in Handy-Form, eine CD als Nasenschmuck oder eine rituelle Mpungu-Figur aus Vorhängeschlössern. Was mancher Person befremdlich erscheint, ist für das Prager Náprstek-Museum vor allem nur eines: modern. „Fetiš modernity“ („Fetisch der Modernität“) heißt die neue Ausstellung, die dort seit Mittwoch zu sehen ist. Sie präsentiert über 100 außereuropäische Objekte aller Art – von Vasen über Masken bis hin zu Fotografien und Bekleidung, darunter viele ungewöhnliche Exemplare.
„Die Zusammenstellung der Exponate aus zehn ethnologischen Museen Europas ist einmalig. Viele davon sind mehrere 100 Jahre alt und ihr Wert unersetzlich“, betont Kuratorin Jana Jiroušková und verrät dabei auch gleich, was hinter dem Namen dieser Sammlung steckt. „Ein Fetisch ist etwas, das verehrt wird. Und modern ist etwas, was jeder sein will.“ Wer modern sei, bringe einen neuen Aspekt ins Alte und Gewohnte. „So werden in Afrika Kronkorken statt Perlen zur Verzierung verwendet oder CDs dienen als Nasenschmuck“, so Jiroušková.
Im Rahmen eines von der europäischen Kommission geförderten Projekts startete die Wanderausstellung 2008 im belgischen Terveuren und wird 2013 in Stockholm enden. Zu den Teilnehmern zählen unter anderem das Náprstek-Museum in Prag, das Pariser „Musée du quai Branly“, das „Pitt Rivers Museum“ in Oxford und das „Linden-Museum“ in Stuttgart. Ziel ist es, gemeinsam die Rolle der ethnographischen Präsentation kritisch zu hinterfragen und neue Ausstellungskonzepte zu diskutieren. Denn die Rolle der ethnologischen Museen hat sich gewandelt.
Zahlreiche Exponate stammen aus der Zeit der kolonialen Expansion. Sie repräsentieren somit ein Sammelsurium aus Exotika, die Missionare, Handelsreisende und Kolonialbeamte nach Europa verschafften und zur Schau stellten. „Heute geht es nicht darum, was ausgestellt wird, sondern wie“, erklärt Doris Kurella vom Linden-Museum Stuttgart, dessen Objekt-Beiträge auch in Prag zu sehen sein werden. „Es ist wichtig, dass sich die europäischen Museen mehr öffnen und dass sie die Einheimischen vor Ort verstärkt in die Auswahl der Kunstwerke einbeziehen, sie also am Ausstellungsprozess teilhaben lassen.“
In diesem Zusammenhang will das Gemeinschaftsprojekt auch auf die Problematik des Begriffs der Modernität hinweisen, den der „zivilisierte Westen“ überheblich für sich beansprucht. Aber auch Völker außerhalb der westlichen Welt können modern sein. Laut Kuratorin Jiroušková sind die verschiedenen Kulturen durch die Migration miteinander verflochten und bereichern sich gegenseitig. Die Verknüpfung zwischen der globalen und der traditionellen Welt spiegle sich in vielen Exemplaren wider.
Da der Aspekt der Aktualität bei „Fetiš modernity“ eine große Rolle spielt, wird die Ausstellung von zahlreichen Aktionen zeitgenössischer Künstler begleitet. So gibt es Workshops über Körperarbeit und Stimme, wie etwa mit der algerischen Sängerin Ridma Ahmed und dem kongolesischen Tänzer und Choreographen Maurice Yeka. Zudem bieten Ethnologie-Studenten der Karls-Universität kommentierte Führungen an, und bei einer Modenschau können Kollektionen aus verschiedenen Erdteilen bestaunt werden. „Menschen aus anderen Ländern sehen und erleben die Welt anders, sie nehmen eine andere Perspektive ein“, so Jiroušková, die sehr gespannt ist, was die Öffentlichkeit von der Sammlung halten wird. „Die Ausstellung ist sehr anspruchsvoll, denn die Besucher müssen nachdenken und akzeptieren, dass sie als Europäer nicht der Nabel der Welt sind.“
„Fetiš modernity“,
bis 16. September, Náprstek-Museum (Betlémské náměstí 1, Prag 1), geöffnet: Dienstag bis Sonntag 10–18 Uhr, Mittwoch 9–18 Uhr, Eintritt:
80 Kronen (ermäßigt 50 Kronen), www.nm.cz

