Donnerstag, 20. Juni 2013

Zwischen Humor und Vorwurf

14. 06. 2012

Museum Montanelli zeigt Werke von Xu Zhen

Als Enfants Terribles gelten Personen, die sich gesellschaftlichen Normen vehement widersetzen. Es sind Menschen, die nicht nur gegen den Strom schwimmen, sondern bewusst allerhand Turbulenzen erzeugen. In diese Kategorie dürfte zweifelsohne auch Xu Zhen fallen. Der 1977 in Shanghai geborene Künstler hat in den vergangenen Jahren mehrfach mit provokanten Arbeiten für Irritation, Unverständnis und Entsetzen gesorgt – und dies nicht nur in seinem Heimatland China.

So zum Beispiel im Jahre 1999, als er in seiner Performance “Not Doing Anything” („Nichts tun“) eine tote Katze so lange gegen eine Wand schlug, bis vom Körper des Tieres nur noch blutige Fragmente übrig blieben. Es folgten zahlreiche umstrittene Aktionen, deren Videodokumentationen von so mancher Ausstellung ausgeschlossen wurden. Heute zählt Zhen zu den radikalsten Künstlern Chinas. Das Terrain, auf dem sich Zhen dabei bewegt, wird hauptsächlich von multimedialen Werken, Installationen, Fotografien und Skulpturen geprägt.

Weniger grenzwertige Arbeiten des Künstlers zeigt derzeit das Museum Montanelli auf der Prager Kleinseite. In der Ausstellung „Die verbotene Burg“ wird vor allem die humorvolle und gesellschaftskritische Seite des Querkopfes gezeigt. Der Namensgeber der Exposition begegnet dem Besucher gleich mit dem Eintritt in die Gallerieräume. Die Installation „Untitled“ ist ein aus 160.000 Einzelteilen errichtetes Kartenhaus und eine Nachbildung des Potala-Palastes in Lhasa, der im 17. Jahrhundert als Regierungssitz der Dalai Lamas diente. Am Fuße des weltweit größten geschlossenen Burgareals, dem Prager Hradschin, steht nun für die Dauer der Ausstellung die größte Kartenburg der Welt. Da sie instabil konzipiert wurde, stürzt die papierne Festung im Verlauf der nächsten Tage und Wochen Stück für Stück ein. Nicht voraussagbar indes ist, wann die letzte Karte umfallen wird.

Mit einem Augenzwinkern dokumentiert Zhen nicht nur menschlichen Größenwahn sowie Konzepte von Herrschaft und Glaube, sondern auch „bahnbrechende Leistungen“ wie den ersten Schritt Neil Armstrongs auf dem Mond. „Just Did It“ („Geschafft“) komprimiert diesen ersten extraterrestrischen Fußabdruck auf die Größe eines Sandkorns, das der Betrachter mithilfe eines Mikroskops erkunden kann. Der „größte Schritt der Menschheit“ schrumpft hier zum wohl kleinsten Kunstwerk der Welt.

Neben diesen ironischen Arbeiten sind auch kritische Beiträge Zhens vertreten. Bedrückend ist die Videoarbeit „The Starving of Sudan“ („Das Hungern des Sudans“), eine nachgestellte Szenerie der 1993 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten, heftig in Kritik geratenen Fotografie von Kevin Carter. Diese zeigte ein sudanesisches, halb verhungertes Kleinkind, das von einem Geier beobachtet wird. Im Video treten ein fotografierendes Publikum sowie die Kindsmutter hinzu, die ihren Nachwuchs immer wieder zurecht rückt, denn beide wurden als Schauspieler für die Nachstellung extra engagiert. Und so bewegt sich Zhen stets mehrdeutig auf einem schmalen Grat zwischen Gefallen und Abscheu, Lachen und Schmerz.

Xu Zhen: „Die verbotene Burg“, bis 22. Juli 2012, MuMO Museum Montanelli (Nerudova 13, Prag 1), geöffnet: Dienstag bis Samstag 12–18 Uhr, Sonntag 12–16 Uhr, Eintritt: 80 Kronen (ermäßigt 40 Kronen), www.muzeummontanelli.com

Text: Franziska Neudert, Foto: Museum Montanelli

^ nach oben