Tod dem Henker
17. 05. 2012
Sonderausstellungen zum 70. Jahrestag des Attentates auf Reinhard Heydrich in Prag
Es waren dramatische Szenen, die sich am Morgen des 27. Mai 1942 an der Vychovatelna im Prager Stadtteil Libeň abspielten. Der Stellvertretende Reichsprotektor von Böhmen und Mähren, Obergruppenführer der SS und Leiter des Reichssicherheitshauptamtes war im offenen Mercedes auf dem Weg zu seinem Amtssitz auf der Prager Burg. An einer Haarnadelkurve warteten Jozef Gabčík und Jan Kubíš auf den gefürchteten Reinhard Heydrich. Die beiden tschechoslowakischen Fallschirmspringer befanden sich schon seit Dezember 1941 in ihrem Heimatland, aus dem sie nach der Okkupation durch die Deutschen flüchteten. Im britischen Exil wurden sie dafür ausgebildet, in feindlichem Gebiet verdeckt zu operieren. Ihr Auftrag nach der Landung östlich von Pilsen lautete: Durchschlagen nach Prag, Erkundung von Arbeitsweg, Gewohnheiten und Sicherheitsmaßnahmen des Stellvertreters Hitlers vornehmen, Anschlag auf diesen. Die Mission mit dem Namen „Anthropoid“ war die spektakulärste und folgenreichste Widerstandsaktion im Protektorat. Nachdem ihnen Josef Valčík, ein weiterer Agent, per Spiegel das Zeichen gab, dass Heydrichs Wagen auf die Kurve zufuhr, holte Gabčík seine Maschinenpistole vom Typ „Sten-Gun“ heraus und drückte ab. Doch hinderte eine Ladehemmung das Abfeuern der tödlichen Kugeln. Heydrich befahl seinem Fahrer anzuhalten, um den Attentäter zu stellen. In jenem Moment sprang Kubíš aus der Deckung und warf eine Handgranate unter den Mercedes. Die Detonation fügte Heydrich mittelschwere innere Verletzungen zu, deren Folgen eine Infektion war. Rund eine Woche später starb er an Gasbrand. Die Attentäter konnten fliehen und tauchten in der Hauptstadt unter. Die Tat war ein Schock für die Nationalsozialisten und wurde von den Alliierten als großer Erfolg gefeiert.
Verschiedene kulturelle Einrichtungen und offizielle Stellen erinnern an den 70. Jahrestag des Attentats mittels speziell dafür konzipierten Ausstellungen. Vom 23. Mai bis zum 19. Juni wird auf dem Karlsplatz (Karlovo náměstí) eine Freiluftschau der historischen Gesellschaft „Post Bellum“, unter anderem in Zusammenarbeit mit dem Zentralen Militärarchiv Prag und dem Deutschen Bundesarchiv in Koblenz, zu besichtigen sein. Darin werden das Attentat selbst sowie die Zeit der „Heydrichiada“ beleuchtet. Das tschechische Institut zur Erforschung totalitärer Regime lädt vom 25. Mai bis zum 15. Juli im Wallenstein-Garten des Senats ebenfalls zu einer Sonderausstellung zu dem Thema. An diesem Projekt beteiligten sich offizielle politische Behörden wie das Verteidigungsministerium und der tschechische Senat.
Widerstand und Kollaboration
Bereits seit dem 4. Mai widmet sich im Museum der nationalen Gedenkstätte auf dem Vítkov-Hügel eine Ausstellung mit dem Titel „Protektorat: Widerstand und Kollaboration“ dem Spannungsfeld zwischen Anpassung und Opposition. Die grundlegende Frage nach der Entscheidung, wie die Menschen in jener Zeit auf die Okkupation reagieren konnten, wird gleich zu Beginn als Kernpunkt der Diskussion aufgenommen. Abgesehen von politisch überzeugten und ethisch „natürlichen“ Feinden der Nationalsozialisten (Kommunisten, Juden etc.) stand eine Mehrheit der tschechischen Bevölkerung vor einer folgenschweren Wahl. Denn es stellte sich schnell heraus, dass die Besetzer nur spartanisches Pflichtbewusstsein und absolute Unterordnung der slawischen Mehrheit des Landes duldeten. Widerstand wurde auch bei kleinen Verstössen gegen die neue Ordnung als solcher deklariert, rigoros verfolgt und bestraft.
Der 1. Reichsprotektor Konstantin von Neurath konnte sich bald auf ein beachtliches Netz aus schon bestehenden faschistischen und rechtsextremen Organisationen stützen. Diese, wie zum Beispiel die „Národní obec fašistická“ (NOF, „Nationale faschistische Bewegung“) oder die sogenannte „Vlajka“-Bewegung („Banner“) von Jan Rsy-Rozsevac, begrüssten die neuen Verhältnisse. Sie dienten sich den Deutschen als willige Vollstrecker, Agenten, Denunzianten und Helfer an. Ein beachtlicher Teil der Schau widmet sich diesen Organisationen und den führenden Köpfen der Kollaborateure, wie dem Wendehals Emanuel Moravec. Zuerst entschiedener Gegner der Deutschen, stieg er im Protektorat zum Bildungs- und Propagandaminister auf und stülpte sich die nationalsozialistische Idee regelrecht von einem Tag zum anderen über.
Auf der anderen Seite werden ebenso widerständische Militärs, Politiker, Partisanen und sonstige im Untergrund Aktive porträtiert. Der erste von den Nationalsozialisten installierte Premierminister, Alois Eliáš, war zwar ein konservativer Militär, aber eben auch Patriot. Er unterhielt heimlich Kontakt zur Exilregierung um Edvard Beneš in London. Als dies aufflog, wurde er hingerichtet. Insgesamt zählten die Macher der Ausstellung 11.500 tschechische Kollaborateure in der Tschechoslowakei, die nach dem Krieg auch vor Gericht standen. Zum Vergleich: Im wesentlich größeren Frankreich war die Anzahl in etwa gleich groß – was allerdings auch mit der unterschiedlich konsequent angewendeten Siegerjustiz in Ost- und Westeuropa zu tun hatte. Der Widerstand im Protektorat war vielseitig und von unterschiedlichsten politischen Milieus organisiert. Die Bandbreite reicht von Einzeltätern bis zu kommunistischen Partisaneneinheiten.
Der Höhepunkt der Widerstandsaktionen, das Attentat auf Heydrich, erhält zwar eine eigene Nische im Ostflügel des Museums, fällt aber enttäuschend klein aus. Bewusst wollte man den Fokus auf den realen Alltag, die einfachen Menschen und kleinen Taten lenken und nicht nur auf den Anschlag auf den Reichsprotektor richten. Dies ist an und für sich verständlich und gut gedacht, allerdings sollte man dann aber nicht derart offensiv mit dem Konterfei Heydrichs für die Ausstellung werben. Es scheint dies eine werbestrategische Maßnahme gewesen zu sein, denn es ist auch hierzulande ein medialer, populärwissenschaftlischer Rummel um ranghohe Nazis und Dokumentationen verschiedenster Art über diese festzustellen. So fasziniert alles, was irgendwie mit dem Dritten Reich und seinen Finsterlingen zu tun hat. Natürlich steht da das „diabolische“ Gehirn hinter dem Holocaust weit oben auf der Liste. Wenigstens bekommt der Besucher einzigartige Ausstellungsstücke zu sehen: So zum Beispiel persönliche Gegenstände der untergetauchten Gruppe von Männern, die in der Kirche St. Kyrill und Method den Tod durch ihre SS-Häscher fanden, oder Tatortaufnahmen und Dokumentationen der deutschen Polizei. Wenige, aber doch eindrückliche Zeitzeugen vermitteln so ein fragmentarisches Bild der folgenschweren Tat.
Bis zum bitteren Ende
Am 18. Juni 1942 stellten SS-Truppen nach dem Verrat durch Karel Čurda Gabčík, Kubíš und weitere Untergrundkämpfer vor der besagten Kirche nahe des Karlplatzes. Zuvor waren zehn Millionen Kronen für die Ergreifung, später bereits für entscheidende Hinweise zur Festnahme ausgeschrieben worden. Die meisten der eingeschlossenen Widerstandskämpfer setzten ihrem Leben selbst ein Ende. Den brutalen „Verhörmethoden“ der Okkupanten wollte sich niemand aussetzen. Zudem würde die Gefahr steigen, Kontakte preiszugeben. Heute beherbergt die Krypta der Kirche ein kleines Museum. Was nebst dem Martyrium der Attentäter, ihrer Helfer und der Familien ohnehin unvermeidlich schien, folgte nach dem Tod Heydrichs in unfassbarer Form. Die Schrauben des Repressions- und Verfolgungsapparates im Protektorat wurden noch stärker angezogen und skrupellos angewendet. Trauriger Höhepunkt stellte dabei die Vernichtung der Dörfer Lidice und Ležáky dar. So bezahlte das tschechische Volk bitter für eine heldenhafte und spektakuläre Tat, in Auftrag gegeben von einer Regierung, die in London im Exil saß und politisch vom Attentat profitierte.

