Gesicht zeigen!
04. 07. 2012
Galerie Rudolfinum präsentiert „The Face in Videoart“
Kein anderer Teil des menschlichen Körpers sendet derart viele Signale über die Persönlichkeit aus wie das Gesicht. Nicht umsonst gehört es seit Jahrhunderten zu den dominierenden Motiven in Kunstwerken jeglicher Art. Film und Videokunst bieten neue Möglichkeiten, das ausdrucksstarke und höchstindividuelle Merkmal künstlerisch darzustellen.
Die Ausstellung „Tváře/Faces“ in der Galerie Rudolfinum widmet sich der Frage nach dem filmtechnischen Umgang mit dem Gesicht. Die Exponate von 18 größtenteils renommierten Videokünstlern verfolgen dabei unterschiedliche Absichten: Einige Künstler wollen die Beziehung zwischen einem Konterfei und dem Selbst der Person untersuchen, andere setzen sich mit der Frage nach der Identität beziehungsweise Austauschbarkeit in bewegten Bildern auseinander. Der Besucher begegnet faszinierenden, skurrilen und ergreifenden Analysen.
Ein Ausstellungsobjekt des New Yorker Künstlers Vito Acconci zeigt den Installationskünstler beispielsweise in einem isolierten Raum vor einem Spiegel sitzend und zu sich selbst redend. Der entstehende intime, emotionale Monolog des Künstlers über eine langjährige Liebesbeziehung wurde 1973 parallel in eine Galerie, für die Öffentlichkeit sichtbar, projeziert. Acconci will sehen, wie er gesehen wird. Zudem kehrt er sein Innerstes nach außen – eine geniale Vorahnung der pervers absurden Talkshow-Welle im Fernsehen.
Marina Abramović ist mit ihrer „Video Portrait Gallery“ im Rudolfinum vertreten. Sie zeigt auf mehreren Bildschirmen Sequenzen ihres langjährigen künstlerischen Schaffens. Auch Abramović will sich beobachten können, doch bei ihr geschieht dies unter dem Vorsatz der Selbstreflexion mit dem Ziel, physische und psychische Grenzen zu ergründen. Eine Aufnahme zeigt ihren Kopf, der zum Betrachter gewandt ist, während sie über einen Zeitraum von mehr als einer halben Stunde ununterbrochen schreit. Zunächst erklingt der Ton wie ein Hilfeschrei, anschließend wirkt er introvertierter und nach einer hysterischen Phase stirbt er schließlich ab. Die Künstlerin selbst nimmt währenddessen eine Veränderung ihres Auffassungsvermögens wahr: „Wenn man derart lange ohne Unterbrechung schreit, dann begreift man zu Beginn seine eigene Stimme, doch später, wenn man an sein Limit stößt, wird die Stimme zu einem fernen Geräuschobjekt.“
Frei nach dem Motto „Die Augen sind der Spiegel der Seele“ gestaltete der kolumbianische Künstler Juan Manuel Echavarría eine Aufnahme, in der er aufeinanderfolgend sieben Landsleute Lieder singen lässt, die sie selbst verfasst haben. Sie handeln allesamt vom Leid, die die Auseinandersetzungen zwischen Armee, paramilitärischen Gruppen und Guerillas für die Zivilbevölkerung zur Folge hatten. Dabei reduziert der Künstler die Sequenzen auf die Gesichter der Erschütterten. In ihren Augen spiegeln sich Schmerz und Trauer.
Faces – The Phenomenon of Face in Videoart, bis 16. September, Galerie Rudolfinum (Alšovo nábřeží 12, Prag 1), geöffnet: täglich außer montags 10 bis 18 Uhr (donnerstags bis 20 Uhr), Eintritt: 130 CZK (ermäßigt 80 CZK), www.galerierudolfinum.cz
