17. Oktober 2018,

Prager Kneipennächte (Teil 1)

Illustrationsfoto

28. 07. 2018

Sommerzeit – Biergartenzeit? Bestenfalls bis Mitternacht. Dann beginnt die Zeit der Nachtkneipen. Auch im Sommer




Von Klaus Hanisch



Sonntag Nacht:
Dittsche. Steht plötzlich im Lokal. Kurz nach eins am frühen Morgen. Sieht zumindest aus wie Dittsche. Trägt Bademantel. Nicht längsgestreift wie Fernsehheld aus dem Hamburger Imbiss. Sondern blütenweiß. Drunter nichts. Möglicherweise. Keiner wundert sich hier über ihn. Geht von Tisch zu Tisch. Spricht ein paar Worte mit Gästen. Man kennt sich in dieser Kneipe. Viele jedenfalls. Prager Vorort. Mehr als halbe Stunde vom Wenzelsplatz entfernt. Hat daher nicht mehr viel zu tun mit der Hauptstadt. Quasi wie gallisches Dorf: widersetzt sich jeglichen touristischen Strömen. Was nicht einfach ist in Prag. Damit eigener Mikrokosmos. Und Kneipe ist sein pulsierendes Herz. Zumindest von Mitternacht bis Morgengrauen.

Dittsche. Lange struppige schwarze Haare. Schließt sich jetzt Rauchern vor Tür an. Laue Sommernacht. Etwa 20 Grad, selbst jetzt noch um drei viertel zwei. Bier nach draußen mitnehmen trotzdem verboten. Wegen der nahen Pension. Vielleicht sogar wegen der Nachbarn. Müssen morgen wieder zur Arbeit. Also in ein paar Stunden.  
Dittsches weißer Bademantel leuchtet wie Laterne in sternenloser Nacht. Hat vier Bücher geschrieben. Erzählt er mir. „Sind aber schwer zu verkaufen.“ Lehrt deshalb noch an der Karls-Uni.

„Und was?“
„Naturwissenschaften.“
„Was genau?“
„Physik.“
„Freund von mir hat Kunstgeschichte und manch anderes studiert“, sage ich, „behauptet aber, in Gastvorlesungen bei Physikern am meisten übers Leben erfahren zu haben.“
„Vollkommen richtig“, bestätigt Dittsche. Genau deshalb schreibe er auch Gedichtbände.

Gäste heute kaum älter als 40. Fast zur Hälfte Frauen. Drei sitzen am größten Tisch des Raumes. Mit etwa acht Plätzen. Vor der Backsteinwand. Andere Wände mit hellbraun-rötlichem Anstrich. Dazu hellbrauner gemusterter Parkettboden.

Zwischen Backsteinen kleiner offener Bücherschrank. Drei Regale. Unter den Büchern Jakob Wassermann, früher mal weltberühmt und Freund von Rilke. Sowie Norbert Frýds Reisebericht „Mexiko liegt in Amerika“. Arbeitete dort als Kulturattaché der Tschechoslowakei. In 1950ern auch auf Deutsch erschienen. Und Hašeks Schwejk. Natürlich.

Frauen flechten Blumengebinde. Und anderes. Aus Papier. Für Kinderbasar kommende Woche. Hantieren zu dieser Stunde noch erstaunlich flink. Mit großer Geduld. Und ansteckendem Lächeln.
 
Ihr Tisch wirkt recht stabil. Ansonsten wildes Mobiliar reihum. Helle Holztische. Dunklere Holztische. Hell-dunkle Holztische. Einige stabile Holzstühle. Mehrere wackelige Holzstühle, nur bis höchstens 60 Kilogramm Körpergewicht zu empfehlen. Gebeizt. Gedrechselt. Verziert. Herrliches Vintage. Behaupten Fans des Lokals. Zusammengeklaubt, was Sperrmüll an Tischen und Stühlen hergab. Sagen weniger Modebewusste.

Dittsche. Setzt sich zu den Frauen. Lässt sich Griffe erklären. Legt selbst Hand an. Bleibt irgendwie unförmig, sein Geflecht. Nickt den Handwerkerinnen respektvoll zu. Gibt gegen drei Uhr morgens auf, was Sinnvolles zustande zu bringen. Für den Basar.


Manche Kneipen in Prag sind nach Mitternacht am besten besucht.


Montag Nacht:
Kaum einer, der täglich in die Kneipe kommt. Also nächtlich. Fast alle haben ihre Nacht. Dann jedoch oft bis zum frühen Morgen.

Theke heute Nacht politisch. Einer feiert SPD-Partei. Nicht mit deutscher SPD zu vergleichen. Wird in Deutschland als ausländerfeindlich bis rassistisch dargestellt. Zehn Männer an der Theke. Teils stehend, teils sitzend. Vier links halten sich aus Politik raus. Fünf andere diskutieren wild durcheinander. Plädieren für unterschiedliche Parteien. Gruppe spiegelt ziemlich genau letztes Wahlergebnis wider: zehn Prozent SPD, 40 Prozent Nichtwähler. Rest verteilt.

Theker hat Schnauze voll. „Hier wird nicht politisiert!“ Schlägt strengen Ton an. „Hier wird getrunken!“ Sagt's und lächelt. Einer setzt sich von Theke an kleinen Tisch. Führt dort Debatte fort. Als politischen Monolog. Kann nicht verstehen, wie ODS so abstürzen konnte. Langjährige Regierungspartei. Zuletzt gerade noch elf Prozent.

„Warum soll es Babiš nun besser machen?“, fragt er sich selbst. „Noch ein Bier?“ Theker grätscht dazwischen. „Warum? Hat sich durch die EU maßlos bereichert“, wiederholt ODS-Fan, „und jetzt schimpft Babiš auf die EU.“ „Also noch ein Bier!“ Theker bringt ihm frischen Krug.

Politiker hat sich mittlerweile erhoben. Setzt sich an letzten Tisch ganz links. Beginnt dort Gespräch mit einsamem Trinker. Älterer Herr. Kurze graue Haare, schmales, längliches, blasses Gesicht. Dünne Brille. Typ Oberstudienrat. Ist in Kneipe bekannt dafür, schwer nach Hause zu finden. Kneipe rätselt, ob seine Frau so grauenvoll ist, dass er so viel trinkt. Soll jedenfalls verheiratet sein. Hat mal einer erzählt.

Theker trägt ihm Bier nach. Politiker entwirft jetzt Regierungskoalition aus Babiš und Kommunisten. Unter Einbeziehung von ODS. Auf einem Schmierzettel. Was Trinker damit kontert, dass Babiš bei neuer Regierungsbildung nicht ODS wollte. Sondern Sozis. Also richtige Sozis, nicht SPD. Lässt sich zudem von Kommunisten unterstützen. Diese Menschenschinder. Diese Drecksäcke. Sagt Trinker. Zeigt sich an Thema nicht weiter interessiert.

Theker ist dicker Mann um die vierzig. František. Kurz Franta. Glatze, große runde Augen. Spricht "r" sehr hart aus. Unheimlich tiefe Stimme. Übertönt alle und alles. Wenn er mal richtig laut wird. Obwohl viele Sprachfetzen durch den Raum schwirren.

Fremde fallen hier auf. Werden zwar nicht integriert, aber akzeptiert. Haben an Theke jedoch nichts zu suchen. Hier werden Reviere verteidigt. Also Sitzplätze. Männer trinken Bier. Mancher hatte sein erstes schon mittags, wie in Tschechien üblich. Bier statt Wasser wie in Deutschland.
 
Auch Frauen, ganz normal, trinken Bier. Und nächtens zwischendurch mal Schnaps. Eine ist mir heute Nachmittag auf Straße begegnet. Dunkelblaues T-Shirt, halblange schwarz-weiß gepunktete Hose, kleiner Rucksack. Unscheinbar. Möglicherweise auf Rückweg von Arbeit. Vielleicht Kinderbetreuung. Kindergarten nicht weit entfernt von Kneipe. Hat jetzt Schal von Bohemians um Hals hängen. Prager Klub der Künstler und Studenten.

Hinter halbrunder Theke ganz links kleine Kaffeemaschine. Espresso- und Kaffeetassen obendrauf. Rechts dunkelgrauer stabiler Kühlschrank. Dazwischen altes Küchenbüfett aus Holz. Grün angestrichen. Mit ein paar Schachteln Zigaretten. Vor allem mit unzähligen Spirituosen. Oben, mittig, zwischendrin.

Werden diese Nacht reichlich genutzt. Halb drei. Einer tritt mit Bein aufs andere, als er vom Rauchen zurückkehrt. Weg zur Toilette ist weit. Jedenfalls für ihn. Gerade jetzt. Stolpert, fällt fast auf Tisch. Diesmal verdammt viele Schwätzer, Schwafler, Schnapsleichen im Raum. Für eine gewöhnliche Montag Nacht.


Ausschank rund um die Uhr. Kneipe in Smíchov


Dienstag Nacht:
Schlanker mittelgroßer Mann. Geheimratsecken im grau-blonden Haar. Um die 50. Ondřej. Macht in seinem Land Stimmung für die Deutschen. Sagt er. Erinnert dafür gerne an 1000-jährige gemeinsame Geschichte und Kultur. Und an Kaiser Karl IV. Machte Prag im 14. Jahrhundert zur Hauptstadt des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Na also! Ondřej klopft auf Tisch. Wir sind alle Mitteleuropäer. Fand allerdings gut, dass Tschechen nach der Revolution 1848 nicht an Versammlung in Frankfurter Paulskirche teilnahmen. Und stattdessen auf Eigenständigkeit pochten.

Kennt viele Deutsche. Grübelt gerade, warum Freunden in Speyer seine Tschechen so gleichgültig sind. Vermietet Zimmer im Haus an Gäste. Vor allem Airbnb-Kunden. Hat sich damit ein paar von über einer Million Besuchern geschnappt, die letztes Jahr über Airbnb nach Tschechien kamen. Laut Airbnb.

War gerade beim Tag der offenen Tür in deutscher Botschaft. Schleppt von dort selbst nachts um halb eins noch Stofftüten mit Büchern und CDs durch die Gegend. War dort schon im Herbst 1989. Sah zu, wie tausende Ostdeutsche nach Prag flüchteten. Und teils monatelang in der westdeutschen Vertretung verharrten. Nahm am Ende einen Trabi mit, den einer abgestellt hatte.

Hat auf Rückweg Zimmermann aufgegabelt, gleich hinter der Karlsbrücke. Kommt aus 700-Seelen-Kaff in Oberösterreich. Ist seit zweieinhalb Jahren auf der Walz. Ondřej wollte an Tram-Station Lazarská schnell noch pinkeln gehen. Bahn fuhr jedoch eher los als erwartet. Mit Prag-unerfahrenem Zimmermann an Bord, allen Tüten, Büchern und CDs. Und mit Robot, Labrador-Mischling. Erwischte am Karlsplatz alle wieder. Nach kraftvollem Spurt über rote Ampeln. War früher Sportlehrer am Gymnasium. Zahlt sich heute noch aus.

Ondřej mag Deutsche. Stellt er immer wieder fest. Würde trotzdem Merkel gerne vor Europäischem Gerichtshof sehen. Habe mit ihrer Flüchtlingspolitik Schengen-Gesetze gebrochen. Sowie Ungarn und die Tschechische Republik völlig überfahren. Ausgerechnet die deutschen Nachbarn. Sagt Ondřej.

Berichtet dann von Freunden in Cottbus. Wollen, dass Blut fließt. Fühlen sich nicht mehr ernst genommen von deutscher Politik. Und nicht respektiert von Fremden. „Sie sagen, Blut muss fließen“, wiederholt Ondřej. Sein Gesicht verzieht sich fratzenartig. Sind aber keinesfalls Rassisten. Weiß Ondřej genau.

Zimmermann fand Russland toll. Russische Offenheit und Freundlichkeit, vor allem auf dem Land. Bekam überall schnell Arbeit. Handwerker sind gesucht. Sogar in Japan. Bauen dort teure Häuser, taugen aber nichts. Urteilt der Fachmann. Schlechte Dämmung, keinerlei Umweltschutz. Dazu miserable Löhne. „Schwache Gewerkschaften?“, frage ich. „Überhaupt keine Gewerkschaften!“

Japan. Gutes Stichwort. Okamura. Tschechischer Politiker. Chef der SPD. Gilt in Deutschland als Rassist. „Kein Rassist“, sagt Ondřej. Wie denn? In Tokio geboren, japanisches Blut vom Vater, tschechisches von der Mutter. Werde in Deutschland völlig falsch dargestellt. Weil ihm keiner richtig zuhöre. Ondřej hebt Finger. Er wisse das genau. Schließlich kenne er Okamuras Bruder.
   
Und Zeman? Hat mit antideutschen Parolen Wahlen zum Präsidenten gewonnen. In Deutschland weit verbreitete Meinung. „Falsch.“ Ondřej widerspricht heftig. Zeman sei lediglich Populist. Erzähle halt, was Volk hören wolle. Sei deshalb doch nicht gegen die Deutschen. Bekräftigt Ondřej mit Nachdruck.

Wir sitzen am letzten Tisch. Dort, wo unpolitischer Theker Franta uns nicht hören kann. Suchen jetzt trotzdem rasch Schnittmengen. Weil Oberösterreicher uns kaum noch zuhört. 1000-jährige gemeinsame Geschichte, sagt Ondřej. Und: Wir sind alle Mitteleuropäer. Tschechische Sprache ist schwierig, aber kein Hemmnis, setze ich drauf. Französisch auch nicht einfacher. Und? Deutsch-französische Beziehungen funktionieren trotzdem.

Oberösterreicher ist schon auf Stuhl zusammengesackt. Längste gemeinsame Grenze hat Deutschland mit Tschechien, schiebe ich nach. Wie immer, wenn ich Aufmerksamkeit für kleinen Nachbarn wecken will.
 
Tatsächlich? Oberösterreicher schraubt sich langsam hoch. Kann es kaum glauben. Stimmt auch nicht wirklich. Mit Österreich ist Grenze noch ein bisschen länger. Aber Argument hat gewirkt. Augen des Zimmermanns sind zumindest wieder halb offen. Hat morgens um sieben noch auf Baustelle bei Kulmbach gearbeitet. Also vor bald 24 Stunden. Bin begeistert, dass er noch reagiert.

Ondřej auch. Knallt Bierkrug auf den des Oberösterreichers. Schiebt dann Krüge zusammen. „Siehst du's?“ Er stößt Oberösterreicher. „Hellstes Bier ist zehn Grad, das vom Deutschen. Und meines ist elf Grad.“ Lässt jetzt Lehrer raushängen. „Deines ist 12 Grad, das dunkelste. Siehst du's?“ Zimmermann wirft müden Blick auf Krüge. Probieren ihr Bier gegenseitig. Seines gefällt Oberösterreicher am besten. Nicht wegen Farbe. Sondern weil's bitter schmeckt. Wie in Bayern, erklärt er. War dort die letzten Monate beschäftigt. Will noch ein Jahr auf der Walz bleiben. Sofern er diese Nacht überlebt.

 

Prager Kneipennächte (Teil 2)
Prager Kneipennächte (Teil 3)

 

Fotos: khan/pz

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