22. Februar 2017,

Durch die grüne Brille

Für ihren „grünen“ Prag-Führer haben Aneta Hebrova (links) und Jenny Day schon über 130 Interviews geführt.

06. 04. 2016

Für ihre Internetseite „Greenglasses“ spüren Jenny Day und Aneta Hebrová umweltfreundliche Geschäfte und Initiativen in Prag auf

 

Bevor Jenny Day das Haus verlässt, schaut sie noch einmal in ihre Tasche. Sie will sichergehen, dass sie nichts Wichtiges vergessen hat. Neben Schlüssel, Portemonnaie und Handy gehören für die 29-Jährige auch ein Stoffbeutel für spontane Einkäufe und eine kleine Holzgabel zur Grundausstattung – falls sie sich unterwegs eine kleine Mahlzeit holen will. Day möchte möglichst wenig Müll hinterlassen. Zusammen mit Aneta Hebrová hat sie das Suchen nach einem nachhaltigen Lebensstil zum Beruf gemacht. Sie betreiben die Internetseite „Greenglasses“, auf der sie unter anderem vegetarische Restaurants, Slow-Fashion-Geschäfte und Schreibwarenläden mit Umweltzertifikat vorstellen. „Wir wollen alle Lebensbereiche abdecken“, sagen die beiden. Workshops, bei denen Naturkosmetik entsteht, gehören genauso dazu wie eine „grüne“ PR-Agentur oder ein Anbieter eneuerbarer Energien. Mit über 130 Gründern, Betreibern und Vereinen haben Day und Hebrová in den vergangenen zwölf Monaten gesprochen. Fünf ihrer Lieblingsideen stellen sie in der PZ vor.


Kokoza



Die Initiative Kokoza hat für ihre Arbeit schon einen Social Impact Award gewonnen – und das zu Recht, finden die „Greenglasses“-Autorinnen. Das Team bildet nicht nur Gemeinschaftsgärten und öffentliche Kompostanlagen in ganz Tschechien auf einer Karte ab, es betreibt auch selbst welche. Beschäftigt werden vor allem Menschen mit Behinderung. Wer ein Stück Garten mieten möchte, muss ungefähr 500 Kronen (etwa 18 Euro) im Jahr bezahlen. Kokoza bietet auch Workshops an, zum Beispiel für Leute, die gerne einen Kompost direkt in ihrer Küche hätten. Zusammen mit der Firma Plastia hat Kokoza erst vor kurzem einen Design-Kompost für Zuhause entworfen. „Wir sehen Bioabfall als Schatz, den man weiterverwenden kann. Ein Gemeinschaftsgarten ist da nur eine von vielen Möglichkeiten“, sagt Lucie Matoušková Lankašová, Mitgründerin von Kokoza.

www.kokoza.cz   



Papírna



Michal Koubský habe immer davon geträumt, einen Papierladen zu besitzen, erzählen die Macherinnen von „Greenglasses“. Mit der „Papírna“ hat Koubský das erste Schreibwarengeschäft in Tschechien eröffnet, das ausschließlich Recyclingpapier für seine Notizbücher, Karten und Umschläge verwendet. „Die Produkte werden alle hier gefertigt und sind mit verschiedenen Umwelt-Gütesiegeln zertifiziert. Uns gefällt das klare, einfache Design und die große Auswahl an Farben: 25 sind im Angebot.“

Františka Křížka 8, Prag 7, geöffnet: Mo.–Fr. 10 bis 18.30 Uhr, Sa. 9 bis 12 Uhr



Liška Mazaná



Der Lippenbalsam von Liška Mazaná („Schlauer Fuchs“) hat Day und Hebrová überzeugt. Petra Seidlová und Tereza Máčelová haben das Unternehmen gegründet. In ihren Workshops zeigen sie, wie man Kosmetik selber machen kann. „Das ist übrigens nicht nur umweltfreundlich, sondern auch kostengünstig.“ Neben Cremes für den Körper stellen sie auch Waschmittel und Weichspüler selbst her. „Wer keine Lust auf einen Workshop in der Gruppe hat, kann auch abgepackte Sets von Liška Mazaná kaufen und sich dann zu Hause ausprobieren.“

www.liskamazana.cz/kurzy



Bohempia

In Tomáš Rohals Laden gibt es einfache, aber schicke T-Shirts, Jeans, Pullover und Schuhe aus Hanf. Gründer Rohal importiert das Rohmaterial aus Frankreich und Italien, entworfen und verarbeitet wird aber in Tschechien. Derzeit würden Hanftextilien vor allem in China und den USA hergestellt, sagte Rohal im Interview mit „Greenglasses“. „Das ist in vielerlei Hinsicht problematisch, auch was die Qualität betrifft. Deshalb habe ich meine Firma gegründet.“ Hanfgarn werde häufig mit Folklore in Verbindung gebracht, er aber wolle Kleidung für den Alltag machen. Außerdem interessiert er sich für die technischen Aspekte der Herstellung und hat eigene Färbemethoden entwickelt. Bei Jeans lässt er das Innere ungefärbt, weil die Chemikalien schlecht für die Haut sind. „Sein Design ist zeitlos – und vor allem auch bezahlbar“, so Day und Hebrová. „Besonders gefallen uns die leichten Canvas-Schuhe.“

Sokolovská 76, Prag 8, geöffnet: Mo.–Fr. 10 bis 17 Uhr



Sicily Café



Das Sicily Café ist zwar nicht vegetarisch, dafür sind die meisten Fleischgerichte auf der Karte bio. Der Besitzer meint es ernst mit Nachhaltigkeit. Der Strom kommt aus erneuerbaren Quellen, der Müll wird konsequent getrennt, selbst die Spülmittel sind umweltverträglich. „Uns gefällt auch die Dekoration“, sagt Jenny Day. „Viel wird selbst gemacht, zum Beispiel Lampenschirme aus alten Kaffeeverpackungen. Dass im Sicily Café auch Fleisch angeboten wird, finden wir zwar nicht so gut, wir verstehen aber, dass es ein möglichst breites Publikum ansprechen will.“

Senovážné náměstí 2, Prag 1, geöffnet: Mo.–Fr. 8.30 bis 22 Uhr, Sa. 10 bis 21 Uhr, So. 11 bis 21 Uhr

Text: Katharina Wiegmann, Fotos: greenglasses.cz, Kokoza, Alex Belyaev, Philipp Schöner

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