18. Februar 2019,

Augen auf und durch

07. 05. 2013

Für Radfahrer ist die Goldene Stadt ein unwirtlicher Ort. Zwischen Stoßstangen und Touristen bleibt kaum Platz für sie. Fahrradkuriere verdienen ihr Geld damit, sich durch dieses Chaos zu kämpfen. Das ist Marek Stehlíks Freiheit

Er ist nicht zu überhören. Ein blechernes Scheppern begleitet seine Fahrt durch die Häuserschluchten. Fußgänger drehen sich nach ihm um und treten einen Schritt zur Seite, als er am unteren Ende des Wenzelsplatzes einen Parcours aus Imbissbuden, eiligen Sakkoträgern und einer Gruppe plaudernder Touristen hinter sich lässt. Das ist Marek Stehlíks Freiheit.

Stehlík, 30, ist der einzige Fahrradkurier in Prag, der ein sogenanntes Cargo Bike fährt. Es ist orange, etwa zweieinhalb Meter lang und wiegt um die 30 Kilo – ohne Fracht. Die kann noch einmal bis zu 30 Kilo wiegen. Unterhalb der Lenkstange sitzt eine große silberne Kiste. Darin fährt Stehlík Ordnerstapel, Zimmerpflanzen oder Wasserkanister von A nach B. Acht Stunden täglich, fünf Tage die Woche, bei Platzregen, Schneesturm und sengender Sonne.

Im Auspuffdunst rollt Stehlík die flimmernde Silhouette des Nationaltheaters entlang. Geschmeidig verlagert er seinen Schwerpunkt mal links, mal rechts neben den Sattel, die Augen immer auf der Suche nach dem einfachsten und schnellsten Weg. Seine schwarze Dreiviertelhose legt den Blick auf zwei knorrige Muskelballen an den Waden frei. Ein kraftvoller Tritt in die Pedale, er taucht in den Autoverkehr ab. Millimetergenau manövriert er sich zwischen Bordsteinen und Kotflügeln hindurch. Böse Blicke hinter Windschutzscheiben. Stehlík springt ab, hievt das Rad auf den Gehsteig, springt auf. Unter einem Baugerüst wird es eng. Passanten pressen sich an die Hauswand. Mit seinem schwarz-gelben Rucksack aus LKW-Plane ist er von weitem als Fahrradkurier erkennbar. Die verbindet in Prag jeder mit riskantem Fahrstil. Stehlík grinst. „Einmal hat mich einer, wohl ein Kämpfer für die Rechte der Fußgänger, einfach angefallen“, sagt er, während er sein Rad auf den Ständer wuchtet. Nach der Rangelei damals in der Fußgängerzone hatte er ein Stück geschoben. Dann aber gab die Stimme im Funkgerät den nächsten Auftrag durch.

Schwerer, schneller, lukrativer
Stehlik ist einer von rund 20 Radfahrern in Diensten des Kurierdienstes Messenger. Die Prager Innenstadt ist die Domäne der Zweiradboten. Parken ist dort für Autokuriere so gut wie unmöglich, Radler sind hier am schnellsten. Sie schlängeln sich durch die kilometerlangen Kolonnen einfach hindurch. Mit den Cargo-Rädern kann man diesen Vorteil auch für die Zustellung großer Pakete nutzen.

Der Arbeitstag beginnt um acht Uhr morgens am Moldauhafen in Holešovice, dem Zentrallager von Messenger. Stehlík klickt auf seinen Blackberry, per App trägt er sich für eine Fahrt ein. Je schwerer die Last, je kürzer die Lieferzeit, desto mehr Geld verdient er. Im Monat kommt er auf etwa 20.000 Kronen, rund 780 Euro. Ein Grundgehalt gibt es nicht. Es kommt darauf an, mit Kraft und Zeit gut hauszuhalten. Morgens fährt er längere Strecken, quält sich auch mal einen steilen Berg nach Žižkov hinauf. Dann rast er im Zentrum von Büro zu Büro, pro Fahrt mehrere Aufträge: Pakete in der Kiste, Briefumschläge im Rucksack.

Pause. Birnensaftschorle in einer verrauchten Kneipe. „Manchmal macht mich der Stress fertig”, sagt Stehlík. Für ein richtiges Mittagessen nimmt er sich selten Zeit. Eine Suppe und ein Müsliriegel bringen ihn durch den Tag.
Nie würde Stehlík den Sattel gegen einen Bürostuhl eintauschen. Das wird ihm jedes Mal klar, wenn er seine Pakte abliefert und sich die Köpfe in den Großraumbüros nach ihm recken. „Draußen bin ich immer in Bewegung“, sagt er. Das Umweltmanagement-Studium hat er abgebrochen. Wer Geld verdienen möchte, lande nach diesem Studium im Büro. Für Stehík ist das ungefähr wie Knast.

Vor vier Jahren entdeckte er das Stellenangebot bei Messenger. Der Anfang war hart. Ständig habe er sich verfahren. Und das mit einem Rad, dessen Wenderadius zu groß ist, um in einer Einbahnstraße umzudrehen. „Erst versuchst du, alle Aufträge anzunehmen, um wenigstens ein bisschen Geld zu verdienen.“ Aber dann gäbe es Druck, Streit mit Autofahrern, Unachtsamkeit, Unfälle. Wer zu spät liefert, muss mit Gehaltskürzungen rechnen. Für diese Widrigkeiten ist auch die Verkehrspolitik der Stadt verantwortlich. „Radwege werden in Prag so gemacht, dass man auf eine normale Straße ein Männchen mit Fahrrad malt“, sagt Stehlík. Fahrradstreifen enden auf unübersichtlichen Kreuzungen, wo sich Radfahrer in den Autoverkehr einreihen müssen. Dabei sind sie keine Exoten mehr im Stadtbild. Eine Studie besagt, dass sich die Zahl derer, die ihr Rad in Prag als Verkehrsmittel benutzen, in den letzten zwei Jahren verdoppelt hat. Knapp 120.000 waren es 2012. Die Stadt gibt aber immer weniger Geld für sie aus. Die einzige ausschließlich für Fahrradpolitik bestimmte Beamtenstelle wurde abgeschafft. In München beschäftigt man elf Leute, die aus der bayerischen Landeshauptstadt eine „Radlmetropole“ machen sollen. In Prag verschlucken Bauvorhaben wie der seit sechs Jahren im Bau befindliche längste Stadttunnel Europas einen Großteil des Haushalts. Autos nehmen den meisten Platz ein, in der Stadtplanung ebenso wie im Stadtbild. Für Radfahrer bleibt nur eines: Augen auf und durch.

15.45 Uhr. Stehlík rast an einer kilometerlangen Kolonne von Straßenbahnen vorbei. Der rote Fahrradstreifen auf der Moldaubrücke endet auf der anderen Flussseite. Kopfsteinpflaster, Stehlíks Kiste scheppert, von rechts scheren Autos ein, hupen. Der Kurier passiert ein weißes Rennrad, das senkrecht an einen Laternenpfahl gebunden ist – ein Denkmal für einen vor Jahren tödlich verunglückten Radfahrer. Inzwischen wurden Ampeln und eine Abbiegespur für Zweiräder installiert. Eine Fahrradinitiative sammelt Geld, um das improvisierte Denkmal von einem Künstler gestalten zu lassen.

Marek Stehlík hat nun mehr als 50 Kilometer in den Beinen. Er treibt sein schweres Gefährt den Letná-Hügel hinauf, der letzte Auftrag für heute. Abends geht er trainieren, auf dem Rennrad.

Text und Foto: Martin Nejezchleba

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