17. August 2017,

„Es geht um die Geschichten hinter den Produkten“

Fragen zu Fair Trade? Daniela Honigmann berät gern.

22. 12. 2016

Daniela Honigmann leitet einen Fair-Trade-Laden in Prag. Dort setzt sie sich für das Prinzip des gerechten Handels ein

Schokolade mag fast jeder. Die wenigsten dürften sich aber damit beschäftigen, wie die süßen Tafeln entstehen. Seit viereinhalb Jahren versucht Daniela Honigmann in einem Prager Fair-Trade-Laden, ihre Kunden von einem gerechten Konsum zu überzeugen. Im Gespräch mit PZ-Redakteurin Franziska ­Neudert erklärt die Wahl-­Pragerin, warum fairer Handel wichtig ist, wieso er es in Tschechien schwer hat und welche Schwachstelle das System aufweist.


Seit wann gibt es in Tschechien Fair-Trade-Läden?
Das erste Geschäft wurde 2001 in Prag eröffnet, es heißt „Jeden svět“ („Eine Welt“, Anm. der Red.) und liegt in der Korunní-Straße in Vinohrady. Unseren Laden gibt es seit 2009. Zunächst waren wir in Žižkov, aber das lief nicht gut. Wir hatten nur an drei Nachmittagen pro Woche geöffnet und machten einen Umsatz von wöchentlich 2.000 Kronen, umgerechnet gut 70 Euro. Also zog der Laden der Ökumenischen Akademie – das ist die NGO, die hinter unserem Geschäft steht – 2010 nach Karlín um. Bei all den Bürogebäuden, Hotels und den vielen Familien gibt es dort wesentlich mehr Kundschaft. Einen Fair-Trade-Großhandel unterhielt die Ökumenische Akademie aber schon im Jahr 2004. Über diesen arbeitete sie mit Supermärkten, Schulen und Nichtregierungsorganisationen zusammen. Da das Interesse zunahm, eröffnete die Akademie schließlich den Laden. Den Großhandel betreibt sie seit 2012 nicht mehr.

Das sind die einzigen Geschäfte?
Es gibt nur diese zwei Fair-Trade-Läden in Prag. Das sind auch landes­weit die einzigen Geschäfte, deren Sortiment vollständig aus fair gehandelten Waren besteht. Vor fünf Jahren gab es in Prag noch fünf solcher Geschäfte. Sie schlossen nach und nach und verlagerten ihren Verkauf ins Internet. Das ist ein problematischer Trend. In den letzten zwei Jahren entstanden zwei neue ­Online-Fair-Trade-Shops. Der Verkauf funktioniert offenbar besser übers Internet als direkt im Laden. Das ist schlecht, denn es geht ja gerade um die Geschichten und Menschen hinter den Produkten. Die lassen sich nur im direkten Verkauf vermitteln.

Informieren sich Ihre Kunden tatsächlich über die Waren?
Ja, sie fragen vor allem nach deren Ursprung. Meist wollen die Leute wissen, aus welchem Land die Produkte kommen und wie Fair Trade funktioniert. Die meisten Kunden kommen aber eher zufällig vorbei und erkennen gar nicht, dass es in unserem Laden um Fair Trade und weniger um Bio geht. Sie sind vor allem an ökologisch erzeugten Waren interessiert. Das ist hier offenbar beliebter. Den Leuten ist gesunde Ernährung wichtiger als Fair Trade.

Welche Produkte verkaufen Sie am meisten?
Wir verkaufen etwa dreimal so viel Lebensmittel wie Textilien und Deko-Artikel. Vor allem ­Kaffee, Schokolade und Tee laufen gut. Kaffee ist hierzulande, aber auch weltweit, das mit Abstand beliebteste Fair-Trade-Produkt.

Was heißt Fair Trade genau?
Es geht im Prinzip um gerechten Handel, eine gleichberechtigte Partnerschaft zwischen Produzent und Händler. Das ist die Grundidee: Gleichberechtigt, transparent und fair soll es sein. Das Fair-Trade-Siegel garantiert diese Prinzipien. Inzwischen gibt es verschiedene Siegel, das erschwert die Orientierung in dem System. Die größten und traditionsreichsten Siegel sind das von Fair Trade International und das der World Fair Trade Organisation. Beide basieren auf den gleichen Grundlagen: der fairen Entlohnung der Produzenten, Transparenz und Empowerment – das heißt, die Produzenten sind in der Lage, aus eigener Kraft ihre Situation und Qualität zu verbessern. Zum Beispiel, indem sie Kredite aufnehmen oder an Bildungsprogrammen teilnehmen.

Warum ist das so wichtig?
Weil viele Produzenten in den Ländern des globalen Südens eine geringe Bildung haben, nicht lesen und schreiben können, keinen Zugang zu Information oder zum Weltmarkt haben. Das macht sie abhängig von den Händlern, die wissen, wo der Weltmarktpreis liegt. Sie können den Preis der Bauern drücken, weil die davon keine Ahnung haben. Der Fair-Trade-Preis ­orientiert sich am Weltmarktpreis, liegt aber immer etwas darüber. Sinkt der Weltmarktpreis, bleibt er trotzdem gleich.

Wer bestimmt den Fair-Trade-Preis?
Den bestimmen die europäischen Importeure, also zum Beispiel GEPA in Deutschland und EZA in Österreich. Auch in den Niederlanden und in England gibt es Einfuhrorganisationen, die direkten Kontakt zu den Produzenten haben und die Preise verhandeln, Bedingungen bestimmen und Verträge abschließen. Sie führen den Kaffee in diese Länder ein, lassen ihn rösten und verpacken. Diese großen Organisationen sind entweder Mitglieder von Fair Trade International oder der World Fair Trade Organisation. Das heißt, sie können diese Siegel benutzen. Das verpflichtet sie, die Prinzipien von Fair Trade einzuhalten. Sowohl die Produzenten als auch die Händler zahlen dafür, dass sie für Fair Trade liefern.

Auch die Produzenten müssen das Siegel erst erwerben?
Ja, und das ist ein großer Kritikpunkt am Fair-Trade-System. Es hilft eben nicht den Ersten in der Kette. Nicht jeder Bauer kann Fair Trade beitreten, weil er gar nicht die Möglichkeiten dazu hat. Es sind immer Zusammenschlüsse, in den meisten Fällen Genossenschaften. Außerdem verbirgt sich hinter Fair Trade mittlerweile ein sehr großes büro­kratisches System. Auch die regelmäßigen Kontrollen bedeuten einen riesigen Aufwand. Ebenso wie das Marketing viel kostet; es wird unter anderem von den Gebühren der Händler und Produzenten finanziert.

Welche Kriterien müssen die Landwirte erfüllen?
Sie müssen gewisse Arbeits­bedingungen gewährleisten, zum Beispiel dass die Mitarbeiter nicht 14 Stunden auf dem Feld arbeiten, sondern nur acht. Es darf keine erzwungene Kinderarbeit geben. Auch bestimmte ökologische Voraussetzungen müssen erfüllt werden. Zwar bedeutet Fair Trade nicht Bio, aber es bestehen Vorschriften, die dem ökologischen Landbau nahekommen. Arbeitsschutzmaßnahmen müssen ebenfalls eingehalten werden. Auf einer Bananenplantage darf beispielsweise nicht gespritzt werden und die Bauern müssen Schutzwesten tragen, wenn sie mit der Machete ernten. Zu den guten Arbeitsbedingungen gehören auch Bildungsangebote für die Mitarbeiter und dass Klein­kinder betreut werden.

Wie viel Geld kommt denn tatsächlich beim Erzeuger an?
Diese Frage wird oft gestellt, ist aber die falsche. Denn in dem Moment, in dem ich eine Tafel Schokolade kaufe, ist das Geld schon beim Produzenten. Der Kakao-Bauer schließt ja mit einem Importeur den Vertrag ab, liefert ihm eine bestimmte Menge an Kakaobohnen, die dieser wiederum nach Europa einführt und dort weiterverarbeitet. Die Kakaobohnen sind also schon bezahlt, wenn sie nach Europa kommen.

Gibt es einen Unterschied zwischen den Fair-Trade-Produkten, die man im Supermarkt kaufen kann, und denen in kleinen Geschäften?
Es dürfte keinen geben, denn meistens sind diese Produkte mit dem Siegel von Fair Trade Inernational versehen. In der Produktion werden also die entsprechenden Bedingungen eingehalten. Was viel problematischer ist: Die Kette ist nicht vollständig. Der Verkäufer findet im Supermarkt nicht immer die fairen Arbeitsbedingungen vor, die laut Fair Trade vorgeschrieben sind. Problematisch ist auch, dass Super­marktketten wie Kaufland aufgrund ihrer Größe und ihres Umsatzes die Preise drücken können. Dort kostet eine Tafel Schokolade 55 Kronen, bei uns im Laden dagegen 70.

Andererseits erreichen die ­Produkte über große Ketten mehr Verbraucher. Das ist doch positiv für die Verbreitung von Fair Trade.
Ja, aber es ist widersprüchlich. Die Frage ist: Setze ich Fair Trade zu 100 Prozent und vollkommen ethisch und transparent um, oder will ich möglichst ­viele Kunden erreichen? Wenn ich die Ware im Supermarkt platziere, wo sie die Kunden teilweise zufällig kaufen, ist  das für den Absatz gut und kann auch für den Produzenten positiv sein, aber es bleibt fraglich, ob dann das letzte Glied in der Kette auch als fair bezeichnet werden kann.

Wie gut läuft Fair Trade in Tschechien?
Im letzten Jahr ist der Umsatz seit langer Zeit zum ersten Mal leicht rückläufig. Bei uns im Laden gibt es einen kontinuierlichen, aber ganz langsamen Anstieg.

Warum lassen sich Fair-Trade-Produkte zum Beispiel in Deutschland besser verkaufen?
Der grundsätzliche Unterschied besteht darin, dass Fair Trade in Deutschland wesentlich bekannter und weiter verbreitet ist. Fair Trade gibt es dort schon viel länger. Außerdem findet sich in nahezu jeder mittleren deutschen Kleinstadt ein Weltladen. Das ist in Tschechien nicht so.

Wie sehen Sie die Zukunft Ihres Ladens?
Ich hoffe, dass es ihn in zwei Jahren noch gibt. Das entscheidet die Ökumenische Akademie jedes Jahr aufs Neue. Wir machen keinen Gewinn, aber es steht eine Überzeugung dahinter. Die Leute sollen die Möglichkeit haben, fair erzeugte Produkte zu kaufen und sich zu informieren.


Fair & Bio obchod, Sokolovská 29 (Prag 8), geöffnet: montags bis freitags 10–19 Uhr

Interview und Foto: Franziska Neudert

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