24. März 2017,

Das Comeback der Schallplatte

Wie werden eigentlich Schallplatten gemacht? Platten-Rohling und sein Duplikat nach dem Galvanikprozess

05. 10. 2016

Im mittelböhmischen Loděnice steht eine der größten Vinylfabriken der Welt

 

Es geht zu wie in einem der Erklärfilme, die man aus der Kindheit kennt. Der Titel würde lauten: Wie werden eigentlich Schallplatten gemacht? Doch statt Peter Lustig in Latzhose erklärt Toningenieur Jiří Zita die ersten Schritte von der Musikaufnahme bis hin zum fertigen Tonträger. Danach übernimmt seine Kollegin die Führung durch das Fabrikgelände der Firma GZ Media in Loděnice, rund zehn Kilometer südwestlich von Prag. In dem verschlafenen Dorf  – das kann man nach einem kurzen Spaziergang bereits feststellen – passiert nicht viel. Aber von hier aus werden jährlich Millionen von Schallplatten in alle Welt geliefert, um Liebhaber der altmodischen Vinyl­scheiben beim Musikhören zu beglücken. Und an Zitas Arbeitsplatz fängt alles an.

Der Multimediaspezialist sitzt im Premastering-Studio, umgeben von schalldichten Wänden und Computern. „Hier prüfen wir zunächst die uns zugesandten Audiodateien auf Herz und Nieren, zum Beispiel die Länge und die Reihenfolge der Lieder“, sagt Zita. Steht das Grundgerüst, geht es weiter ins Mastering-­Studio. Wieder schalldichte Wände, noch mehr Technik. Das Material – heute praktisch nur noch digitale Dateien – wird so präpariert, dass es später auf einen Rohling überspielt werden kann. „Vieles kommt aber auch komplett gemastert zu uns“, erkärt Zita. Mit modernen, von eigenen Informatikern erstellten Programmen mischen Techniker die Musik so ab, dass sie später in optimaler Qualität auf den Tonträger gelangen.

Der Schreibkopf der Schneidemaschine ist mit einem Naturdiamanten bestückt.

Zu den Kunden von GZ Media zählen nicht nur große Plattenfirmen, sondern auch unabhängige Labels und kleine Bands. Der Preis, den GZ Media für eine Standard-Vinyl-Platte ansetzt, liegt bei rund zwei Euro. Je nach Ausführung und Menge ist es etwas mehr oder weniger. Mehr, wenn die Scheibe zum Beispiel bunt oder mit einem Bild darauf gefertigt werden soll. Die Preise können sich auch Nachwuchsbands ohne großes Budget leisten. Außerdem werden in Loděnice nicht nur die Platten gepresst und das musikalische Rohmaterial bearbeitet, sondern auch die Verpackungen hergestellt. „Der ganze Ablauf findet hier statt, nichts muss ausgelagert werden“, betont Marketingdirektor Michal Němec.

Die Produktion von Vinyl­platten hat Tradition in Loděnice. 1948 wurden die staatlichen Grammophonwerke (Gramofonové závody) gegründet, 1951 die erste schwarze Scheibe gepresst. In den achtziger Jahren begann die CD-Produktion. Nach der Samtenen Revolution übernahm der damalige Direktor und heutige Hauptanteilhaber Zdeněk Pelc die Geschäfte. Aus Sentimentalität wollte er die Vinyl­produktion nicht aufgeben. In einem Interview mit der „International New York Times“ sagte er einmal, er habe es nie für möglich gehalten, dass die Schallplatte ein Comeback feiern würde. Nun hat es Pelc mit seiner Firma dank dem neuen Boom zu weltweitem Ruhm gebracht – und somit auch das Dorf Loděnice. Denn von den rund 100 Millionen Scheiben, die inzwischen jährlich wieder hergestellt werden, kommt fast ein Fünftel aus dem Werk in Mittelböhmen.

Auch wenn Vinylscheiben nur etwa zwei Prozent des gesamten Tonträgermarktes ausmachen: Vinyl liegt voll im Trend. Schallplatten zu hören, ist hip geworden, ist Ausdruck eines Lebensgefühls. „Das liegt wohl auch daran, dass man sich dafür Zeit nehmen muss. Es ist ein Ritual, denn man kann nicht wie bei digitaler Wiedergabe einfach ein Lied überspringen oder per Knopfdruck vorspulen. Man muss aufstehen und die Nadel neu setzen“, erklärt Němec. Schallplattenhören als Rebellion im Kleinen – als Gegenkonzept zur immer schnelllebigeren digitalen Gesellschaft? „Vielleicht“, so Němec; es sei ja vor allem bei einem jungen, umweltbewussten und an Retro-Produkten interessierten Publikum beliebt.

Marketingdirektor Michal Němec vor den Produkten aus Loděnice

Toningenieur Zita meint, der Klang sei wärmer, das Hörerlebnis intensiver. Wissenschaftlich lässt sich das zwar nicht beweisen, aber in der Tat ist die Qualität von Vinylplatten heute sehr gut. Das liegt vor allem am Verfahren des Überspielens auf eine mit Kupfer beschichtete Platte.

Eine Schneideanlage schreibt die Toninformationen der gemasterten Aufnahmen mit einem Diamanten in die Edelstahlunterlage. Vorteil: kaum mehr Knistern und Knacksen oder Verzerren. Diese Präzisionsarbeit führt in Loděnice eine Maschine aus den achtziger Jahren durch, denn seitdem werden keine solchen Geräte mehr hergestellt. Im Schreibkopf sitzt ein Natur­diamant, der über 300 Stunden hält. Auch sonst laufen noch viele technische Apparate aus jener Zeit, als die Vinylproduktion an ihrem vermeintlichen Ende angelangt war. Das gilt genauso bei den nächsten Arbeitsschritten – oft wähnt man sich 30 Jahre zurückversetzt.

Nach dem Schneidevorgang kommen die Kupferplatten in den sogenannten Galvanikprozess. Während eines Nickelbades entstehen Negativabdrucke der Platten. Sind diese dick genug, werden sie abgetrennt. Später werden daraus Matrizen hergestellt, die dann für den eigentlichen Pressvorgang mit dem Kunststoff Polyvinylchlorid (PVC) genutzt werden. Bei bis zu 200 Grad werden die Platten rund eine halbe Minute lang bei einem Druck von 100 Tonnen gepresst. Auch bei dabei sind in Loděnice noch überwiegend Maschinen aus den siebziger und achtziger Jahren im Einsatz, seit 2014 machen aber auch neue Einheiten aus Eigenproduktion diese Arbeit – zuweilen vollautomatisch.

Schallplatten werden aus Polyvinylchlorid gefertigt.

Bei GZ Media führte der vor rund sieben Jahren beginnende Vinylboom zu Investitionen in Infrastruktur und Entwicklung. Das Unternehmen ist zuversichtlich genug, um neue Software-Mastering-Programme und Pressmaschinen anzuschaffen. Den Einwand, der Trend könne zurückgehen oder der Vinylmarkt bald gesättigt sein, kontert Marketingdirektor Němec mit der „seit Jahren steigenden Nachfrage“. Es sei sogar schwierig, neues Personal in der Umgebung zu finden, deshalb habe die Firma ein Werk in Südböhmen errichtet. In Loděnice sind rund 2.000 Mitarbeiter beschäftigt – mehr als die Gemeinde Einwohner hat.

Ständig bricht das Unternehmen die eigenen Rekorde: War 2013 das Jahr, in dem es die Zehn-Millionen-Stückzahl überschritt und täglich 40.000 Platten herstellte, sind es inzwischen 65.000. Die Produktion läuft 24 Stunden am Tag, 363 Tage im Jahr. Hochgerechnet ergäbe das für 2016 deutlich mehr als 20 Millionen Platten. „Dennoch ist es schwer zu sagen, wie sich der Markt entwickelt. Wenn ich aber in die Auftragsbücher für die nächsten Jahre von Seiten der großen Labels schaue, mache ich mir keine Sorgen“, so Němec. Deshalb arbeite die Firma ständig daran, die Kapazitäten zu erhöhen. Ein Ende des Booms? Davon ist hier nichts zu sehen. Ganz im Gegenteil: „Wir haben zuletzt eine Fabrik in der Nähe von Toronto bauen lassen, wir expandieren fortlaufend.“

Text und Fotos: Stefan Welzel

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