26. August 2016,

Gorleben auf Tschechisch

15. 10. 2014

Bei der Suche nach einem Lagerort für radioaktiven Müll setzt die zuständige Verwaltung auf finanzielle Anreize

Gut 35 Prozent des tschechischen Stroms kommen aus Kernkraftwerken und im Gegensatz zu manchen Nachbarländern will das Land auch in Zukunft auf Atomenergie setzen. Doch wohin mit radioaktivem Müll, der in Kraftwerken, aber auch in Industriebetrieben oder Laboren entsteht? So viel öffentliche Aufmerksamkeit wie in Deutschland hat die Suche nach neuen Deponien hierzulande bisher nicht bekommen. Auf lokaler Ebene regt sich dennoch Protest gegen radioaktiven Müll – zumindest wenn es um Endlager für hochradioaktives Material geht.

Derzeit gibt es in Tschechien drei oberflächennahe Lager für radioaktive Abfälle, die noch Kapazitäten haben. Eines befindet sich im südböhmischen Dukovany und ist für schwach- bis mittelradioaktiven Atommüll bestimmt, der in Kraftwerken entsteht. Ein weiteres liegt auf dem Gelände einer ehemaligen Uranmine im nordböhmischen Jáchymov, das dritte Lager ist in einer ehemaligen Kalksteinmine namens Richard in Litoměřice untergebracht.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Gelände von den Nationalsozialisten genutzt, um eine geheime Fabrik aufzubauen. Als Lager für schwach- und mittelradioaktiven Abfall etwa aus Landwirtschaft, Industrie und aus Krankenhäusern ist es seit 50 Jahren in Betrieb. Seitdem wurde es zu rund 65 Prozent befüllt. Wenn man vom heutigen Tempo ausgeht, wird das Lager etwa im Jahr 2030 voll sein. Auch die Kapazitäten in Jáchymov werden in absehbarer Zeit erschöpft sein. Daher ist die Verwaltung der Lager für radioaktiven Müll (SÚRAO) auf der Suche nach Alternativen.

Schwierige Suche
„In Tschechien sind mehr als 100 Verursacher von radioaktivem Müll registriert“, erklärt SÚRAO-Sprecherin Tereza Bečvaříková. Abfälle aus dem Ausland dürften weder importiert noch hierzulande gelagert werden. Allein in das Lager Richard werden jährlich im Durchschnitt 300 Behälter gebracht, etwas weniger sind es in Jáchymov. Eine Möglichkeit ist der SÚRAO zufolge eine Erweiterung von Richard, die derzeit vorbereitet wird. Allerdings würden dadurch nur begrenzte Lagerflächen für schwach- und mittelradioaktiven Müll entstehen: „Wir bereiten jetzt eine Studie vor, wie es weitergehen soll, ob und wie man die Kapazitäten von Richard noch nutzen kann“, so der Betriebsleiter der beiden Lager Václav Trhlík. In Litoměřice sei das aber nur im Rahmen eines zwei Kilometer langen Korridors in der Grube möglich.

Die SÚRAO will außerdem sieben Gebiete untersuchen, die in Tschechien als mögliche Standorte für geologische Tiefenlager gelten. Dabei handele es sich um Deponien etwa für abgebrannte Brennelemente aus Atomkraftwerken und bestimmte Kategorien hochradioaktiven Abfalls, wie eine SÚRAO-Sprecherin erklärt. Einer dieser potentiellen Standorte liegt bei der Gemeinde Lubenec im nordböhmischen Kreis Louny. Dort hat sich unter dem Namen „SOS Lubenec“ gegen die Ansiedlung bereits eine örtliche Vereinigung gebildet. An einem anderen möglichen Standort weiter südöstlich entstand die Bürgerinitiative „Nechceme úložiště Kraví hora“ („Wir wollen kein Lager Kraví hora“), um die Interessen der Bürger mehrerer Gemeinden in den Kreisen Vysočina und Südmähren (Jihomoravský kraj) zu vertreten.

In Litoměřice dagegen regt sich kaum größerer Widerstand gegen Richard: „Wir hatten mit dem Lager selbst nie ein Problem“, sagt der bisherige Bürgermeister Ladislav Chlupáč (ODS). „Ab und zu erklingen kritische Stimmen seitens der Bürger, aber das lag meistens daran, dass die Leute nicht ausreichend informiert waren und deswegen Angst um die Sicherheit des Ortes hatten, in dem wir leben“, so Chlupáč. Die Stadt erhält vom Staat jährlich etwa drei Millionen Kronen (knapp 110.000 Euro). Das Geld investiert sie in Umweltprojekte. „Das ist zweifellos positiv“, findet der Bürgermeister, „als negativ kann man die Tatsache betrachten, dass Litoměřice in Zusammenhang mit dem Lager genannt wird, was einen schlechten Eindruck hervorrufen kann.“

Investitionen und Touristen
Die SÚRAO hofft offenbar, dass finanzielle Anreize auch bei der Suche nach Endlagern für hochradioaktive Abfälle helfen. In einer kürzlich veröffentlichten Broschüre schreibt sie: „Im Unterschied zu vielen anderen Betrieben bringen Tiefenlager der Region eine Reihe von Vorteilen.“ Die Errichtung und der Betrieb der Lager verlaufe in mehreren Phasen, von denen jede „für die ausgewählte Örtlichkeit ihre Bedeutung“ habe und ihr „gewisse Nutzen“ bringe. „Die wichtigsten sind die finanziellen Beiträge und die Erhöhung der Beschäftigung“, so die SÚRAO, man dürfe jedoch auch die Investitionen in die Infrastruktur oder die Entwicklung des Tourismus nicht vergessen. Auf der zweiten Seite der Broschüre zeigt sie eine Karte mit den sieben Untersuchungsgebieten und rechnet vor, dass die Regionen während der Forschungsarbeiten je nach Größe des Gebiets mit gut sieben bis knapp 14 Millionen Kronen (rund 250.000 bis 500.000 Euro) jährlich rechnen können. Außerdem schätzt die SÚRAO, dass während der Befüllung des Lagers bis zu 300 Arbeitsplätze in der Region entstehen. Ob das die Gegner in den Regionen besänftigen kann, bleibt abzuwarten. Die SÚRAO geht davon aus, dass bis 2025 entschieden werden kann, wo ein Tiefenlager entstehen soll.

Text: ca/čtk, Foto: SÚRAO

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