22. Juli 2018,

„Eis-Queen“ mit Schmelz-Potenzial

Plíšková beim WTA-Turnier in Nürnberg im Mai 2014   © Stefan Brending/Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE

20. 06. 2018

Anfang Juli findet das wichtigste Tennis-Turnier der Welt in Wimbledon statt. Vor einem Jahr sprang die Tschechin Karolína Plíšková danach auf Platz eins der Weltrangliste. Sie hat eine „deutsche Vergangenheit“

 


Von Klaus Hanisch



Die Beste der Welt! Als erste Tschechin nach der legendären Martina Navrátilová. Das gelang Karolína Plíšková unmittelbar nach Wimbledon, am 17. Juli 2017. Acht Wochen lang stand sie danach an der Spitze im internationalen Damen-Tennis. Ein sensationeller Triumph, mit dem nicht viele gerechnet hatten. Nicht einmal ihre ehemaligen Tennispartner beim TC Rot-Blau in Regensburg.

„Nein, das hatte ich ihr nicht zugetraut“, gibt Markus Witt heute gegenüber der „Prager Zeitung“ unumwunden zu. Schließlich sei die internationale Konkurrenz „so groß, so gnadenlos groß, da muss wirklich alles zusammenkommen.“ Dass genau dies eintrat, erfreute den Klub-Vorsitzenden und seine Mitglieder „wahnsinnig, weil sie bei uns neben ihrem großen Können auch sehr sympathisch auftrat.“

Plíšková gehörte dem Regensburger Team zwischen 2013 und 2016 an. „Sie hat immer gut performt“, so Witt, zuweilen gar spektakuläre Matches abgeliefert und im Tie-Break gewonnen. Vor allem dank ihrer größten Stärke: grandiose Aufschläge. Eine Spezialität, die sie mehr noch als ihre ebenfalls aufschlagstarken Landsfrauen Petra Kvitová und Lucie Šafářová pflegt. Plíšková servierte auf der WTA-Tour 2016 unfassbare 530 Asse, so viele wie keine Frau zuvor in einer Saison. Mit ihrem Können trug sie zum deutschen Meistertitel 2016 für die Regensburger bei.

Was dem Klub außer der Qualität von Spielerinnen besonders wichtig ist: Gebärden sie sich nur als Stars oder pflegen sie auch Umgang mit Fans und Zuschauern? In der Oberpfalz legt man Wert auf eine familiäre Atmosphäre, der Verein ermöglicht seinen Besuchern direkte Tuchfühlung mit den bekannten Namen. Und dabei hat Karolína Plíšková geholfen. Anstatt nach ihren Matches schnell wieder abzureisen, „präsentierte sie sich überaus offen, gab Autogramme, machte bei Selfies mit.“ Markus Witt zeigt sich dafür noch immer dankbar: „Sie war einfach total nett.“
 
Diese Attitüde habe sich aufs Publikum übertragen. In Regensburg spricht man immer noch gerne und voller Achtung über Plíšková. Auch an den obligatorischen Abendessen mit Sponsoren nahm sie vor Meisterschaftsspielen teil und unterstützte damit den Klub. So viel Offenheit hatte man von ihr in Regensburg nicht erwartet. Denn „rein äußerlich wirkt sie durch ihre Größe und ihre sehr gerade Körperhaltung sehr distanziert“, sagt Witt. Tatsächlich trägt Karolína Plíšková in der Tennis-Szene den Spitznamen „Eis-Queen“. Auf viele Beobachter wirkt sie wie einst ihr erfolgreicher Landsmann Ivan Lendl: stoisch, irgendwie gleichgültig und beinahe gelangweilt – selbst wenn sie gewinnt.

Daher traute er der Tschechin unter allen Top-Spielerinnen am wenigstens zu, nahbar zu sein, bekennt Witt, der seit 2007 seinem Klub vorsteht. In Regensburg registrierte man „überrascht und erfreut“, dass sie jedoch ganz anders war. Obwohl sich die Tschechin selbst als „introvertiert und phlegmatisch“ beschreibt. Sie wisse, „dass die Welt schlecht ist und es überall viel Leid gibt“. Daher werde ihr „ein Sieg niemals so richtig Freude bereiten, weil sich die Welt dadurch auch nicht ändern wird.“


Plíšková auf dem "heiligen Rasen" in Wimbledon 2012   © Kate, CC BY-SA 2.0


Woran sich der Regensburger Vereinschef bei Karolína Plíšková vor allem erinnert: „Sie ist ein Riese“. Das sei ihm immer aufgefallen, wenn er neben ihr stand. Plíšková misst 1,86 Meter. Mit ihren Endlosbeinen wirkt sie oft staksig. Tatsächlich nutzt sie diesen Größenvorteil aber wirkungsvoll für ihr Spiel. Weil sie aber lange Arme habe, sei „alles etwas leichter für mich“, erläutert sie. Vor- und Rückhandschläge schieße die Rechtshänderin „wie Raketen ab“, kommentierte das „tennis magazin“ fachmännisch, sie könne „mit ihren Hebeln zugleich Winkel spielen wie kaum eine andere.“ Was bedeutet, dass die Tschechin ihre Gegnerinnen mit Crossbällen zur Weißglut bringen kann.

Ihre Körperkonstitution führte zu einer Anekdote, die Markus Witt bis heute im Gedächtnis blieb. Ein aufdringlicher Zuschauer wollte sich unbedingt mit ihr fotografieren lassen, musste sich dabei jedoch auf Zehenspitzen stellen und gewaltig strecken, um neben dem internationalen Star nicht unterzugehen. Gleichzeitig bannte ein Klubmitglied das „Traumpaar“ von Fuß bis Kopf auf ein Foto. Zum Amüsement vieler Mitglieder wird es noch immer im Vereinsheim aufbewahrt.

Nach Regensburg kam Karolína Plíšková „quasi um die Ecke“. Ihr Auftritt ist für Witt ein weiterer Beweis für die engen Beziehungen zwischen Ostbayern und Tschechien. Wobei aber auch persönliche Kontakte eine wesentliche Rolle spielten, im Fall von Plíšková zwischen ihrem Trainer und dem Teammanager der Regensburger. „Man kennt sich natürlich in der internationalen Tennis-Szene“, fügt er an.

In der Tennis-Bundesliga war Karolína Plíšková keine Ausnahme, dort spielten und spielen noch immer viele Stars aus den Top 100 der Weltrangliste. „Ich schätze, fast 50 Prozent dieser Spielerinnen“, konkretisiert der Experte. Die Tschechin hatte bereits vorab in Regensburg trainiert, schließlich startete sie für Rot-Blau. Nicht eine ganze Saison lang, sondern nur für einzelne Matches. Trotzdem lohnte sich ihre Teilnahme für alle. Denn die Spiele der Bundesliga finden in jenem Vierteljahr statt, in dem die internationale Tennis-Tour in Europa gastiert und Sandplatz-Turniere die Regel sind. „In Paris, Madrid oder Rom kann aber nicht jede ins Endspiel kommen oder gar gewinnen“, erklärt Witt. Ausgeschiedene Top-Spielerinnen müssen ein oder zwei Wochen warten, bis das nächste Turnier beginnt. Deshalb treten sie in der Bundesliga an.
 
Davon profitieren Vereine und Spielerinnen gleichermaßen. Während die Klubs kurzfristig namhafte Verstärkungen bekommen, erhalten Spielerinnen in ihrer „Wartezeit“ Matchpraxis. „Sie treffen in der Bundesliga auf starke Gegnerinnen auf Sandplatz und auf höchstem Niveau“, erläutert Witt. Zudem sei der Start in einer Bundesliga-Mannschaft für die Spielerinnen „eine sichere Einnahmequelle“, weil diese Spielklasse eine Profi-Liga ist. Konkrete Beträge will Witt nicht nennen.


Karolína und Kristýna Plíšková im August 2012   © Geoff Livingston, CC BY-SA 2.0


Karolína Plíšková kam nicht allein nach Regensburg, auch ihre Schwester Kristýna spielte dort, allerdings in der Zweiten Bundesliga. Die Zwillinge sind sich sehr ähnlich und wirken beinahe wie Spiegelbilder. Beide waren bereits als Juniorinnen erfolgreich, Karolína gewann 2010 die Australian Open und Kristýna Wimbledon. Lange galt Kristýna als die Bessere. „Ich brauche für alles etwas länger“, vergleicht Karolína.

Gemeinsam spielten sie eine Zeitlang auch Doppel, waren sogar das erste Zwillingspaar auf der WTA-Tour, das einen Titel gewann. Das war 2013 in Linz, zwei weitere Pokale folgten. Zu Beginn galt Kristýna als die Dominantere. Überliefert ist ein Qualifikationsturnier für die tschechische U14-Meisterschaft, bei dem die starken Schwestern bereits eine Altersklasse höher spielen durften, aber gemeinsam im Halbfinale ausschieden. Da jedoch eine Drittplatzierte im Turnier bleiben konnte, legten Vater und Trainer fest, dass sich die Zwillinge untereinander verständigen sollten. Kurz darauf erklärte Karolína, dass die Wahl auf Kristýna gefallen sei.

Mittlerweile leidet Kristýna offensichtlich darunter, dass ihre Schwester eine weitaus beachtlichere Karriere macht. Als sie bei den Australian Open im Januar darauf angesprochen wurde, reagierte sie unwirsch. „Das werde ich nicht beantworten“, ließ Kristýna Plíšková wissen, „nächste Frage“. Ihre Schwester zeigt dafür großes Verständnis. „Wenn ich gewinne, dann gratulieren ihr manchmal die Leute, auch wenn sie selbst verloren hat“, so Karolína, „das ist kein schönes Gefühl.“

Geboren wurden die Plíšková-Zwillinge im März 1992 in Louny (Laun), einer Bezirksstadt in Nordböhmen. Beide begannen schon mit vier, fünf Jahren mit dem Tennissport. Woran man sich in Regensburg nicht ungern erinnert: „Bei uns kommunizierte Karolína Plíšková auf Deutsch.“ Das sei wohl „wie bei vielen Tschechen“, so Klub-Vorsitzender Witt.

Tatsächlich erwarb das Tennis-Ass seine Sprachkenntnisse aber bereits Jahre vorher bei einem längeren Aufenthalt in Niedersachsen. Vater Radek und Mutter Martina zogen mit den Töchtern extra nach Wolfsburg, als sie neun Jahre alt waren, um ihre Karriere voranzutreiben. Auslöser dafür war ein Sommercamp, in dem sie vom Tschechen Petr Vrchotka unterrichtet wurden, der normalerweise beim TC Fallersleben nahe Wolfsburg arbeitete. In ihm sah der Vater den idealen Trainer für seine Teenager.

Zwei Jahre lebten sie danach in Niedersachsen, lernten Deutsch und hatten ein äußerst anspruchsvolles Programm unter Vrchotka zu bewältigen: morgens Einzeltraining, dann die Schule, nachmittags Gruppentraining und Taktikschulung. Täglich mehrere Stunden Tennis, am Wochenende Turniere – die Grundschule für künftige Champions. „Bei ihnen drehte sich alles um Tennis“, erinnerte sich der tschechische Übungsleiter, „ihrem Traum vom Profitennis haben sie alles andere untergeordnet.“


Plíšková bei den BNP Paribas Open 2015 in Indian Wells.   © Christian Mesiano, CC BY-SA 2.0


Schon als Elfjährige schrieb Karolína nach seinen Angaben eigene Trainingspläne, oft erkundigte sie sich nach dem Sinn bestimmter Übungen und Anweisungen. Schon bald registrierte Vrchotka ihr besonderes Talent für knallharte Aufschläge und knochentrockene Grundschläge. Sehr intelligent und vielseitig sei sie, lobte der Fachmann bald, „kurze Crossbälle, Stopps, Serve-and-Volleyspiel, ihr Repertoire umfasst alles.“

Trotz ihres Erfolgshungers blieben die Plíškovás rund um Wolfsburg in angenehmer Erinnerung. Schon als Kinder seien sie technisch nahezu perfekt und allen anderen Mädchen im Training weit voraus gewesen, zitierte die „Braunschweiger Zeitung“ ehemalige Mitspieler und Gegner. Früh sei aufgrund ihrer klaren Ausrichtung erkennbar gewesen, dass beide den Sprung in den internationalen Profi-Zirkus schaffen würden.

Was Beobachtern und Konkurrenten besonders gefiel: Obwohl Karolína Plíšková schon damals schneller und viel härter spielte und damit viele Konkurrentinnen vom Platz fegte, blieb sie nett, entspannt, nicht übertrieben verbissen. Ihr gefiel umgekehrt, dass sie Testspiele mit Älteren absolvieren konnte. „Das hat mir sehr geholfen“, sagte sie einmal im Rückblick.

Ebenso, dass sie schon als Kind eine gute Technik lernte. „Ich musste über die Jahre nicht viel verändern, nicht einmal meinen Aufschlag", dachte sie zurück, „ich musste nur meine Beine trainieren“. Denn die Beinarbeit sei der schlimmste Teil ihres Spiels.

Der Aufenthalt der Plíškovás in Fallersleben endete 2003. Danach zog Trainer Vrchotka in die Schweiz und die beiden Schwestern nach Prag, um den nächsten Schritt in Richtung Profitennis zu unternehmen. Mittlerweile wirkt Karolína unter den Weltbesten bei aller Leichtigkeit ihres Spiels und ihrer Schläge oft unterkühlt und in ihren Matches geradezu teilnahmslos. Zuweilen wurde das auf ihr größtes Hobby zurückgeführt: gelassen an tschechischen Seen zu sitzen – und zu angeln. Wenn sie mal ein paar Tage am Stück frei habe, genieße sie die Natur und die Ruhe, führt sie aus. Was jedoch im Sommer oft nicht möglich ist, weil ihr Terminplan überquillt.

Karolína Plíšková erscheint selbst wie „ein stilles Wasser“ – das im wahren Leben ziemlich tief ist. Mit Stolz trägt sie polynesische Maori-Tattoos auf Arm und Bein, die ihre Schwester nachahmte. Für Schlagzeilen in der Presse sorgte ihre Beziehung zu dem Sportmoderator Michal Hrdlička, der den Ruf eines „Bad Boy“ und Schürzenjägers hat. Zweifellos nicht unbeeindruckt ließ die Tochter ein Gerichtsverfahren gegen ihren Vater wegen bandenmäßiger Zigaretten-Fälschung im Jahr 2012. Obwohl er stets angab, bei der 2005 aufgeflogenen Bande nur für den Transport zuständig gewesen zu sein, wurde er zu einer Haftstrafe verurteilt.


Am 1. Juli 2017 gewinnt Plíšková das Rasenturnier von Eastbourne und holt sich ihren 19. Einzeltitel auf der WTA-Tour.   © James Boyes, CC BY 2.0


Plíšková und Rot-Blau, „das hat für ein paar Jahre sehr gut gepasst“, freut sich Markus Witt noch heute. Bis sie im Jahr 2016 in die Top 5 der Welt vorstieß, wozu vor allem das knapp verlorene US-Open-Finale gegen Angelique Kerber (3:6, 6:4, 4:6) beitrug, das immer noch ihr größter persönlicher Erfolg ist. Geholfen hat ihr dabei der Mentalcoach Marian Jelínek, der auch der tschechischen Eishockey-Legende Jaromír Jágr zur Seite stand. Seitdem will sich die 26-Jährige ganz auf ihre Karriere und den internationalen Tennis-Zirkus konzentrieren. „Wir sind ihr deshalb nicht böse“, zeigt Witt Verständnis für die großen Ambitionen der Tschechin.

Karolína Plíšková ist derzeit die Nummer sieben der Weltrangliste und hat bisher geschätzt etwa zwölf Millionen US-Dollar an Preisgeldern verdient. Doch sie hat noch keines der vier großen Turniere in Melbourne, Paris, London und New York gewonnen. In Frankreich stand sie vergangenes Jahr im Halbfinale und startete daher in diesem Jahr als Mitfavoritin, scheiterte Anfang Juni jedoch schon in der dritten Runde.

Zwar gab sie sich selbst die wenigsten Chancen, gerade dort ihren ersten Grand-Slam-Titel zu gewinnen. Denn ihre größte Stärke, die Aufschläge, kommt auf dem langsamen Sandbelag in Paris viel weniger zur Geltung als auf dem schnellen Rasenplatz in Wimbledon. Trotzdem waren ihre Ergebnisse zuletzt zu schwach, um auch in diesem Jahr wieder in London die Spitze der Rangliste erklimmen zu können.

 

 

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