17. Oktober 2018,

„Es ging um die Freiheit“

Seit einem Jahr arbeitet Votava als Trainerassistent der U-23 von Werder Bremen.   © SV Werder Bremen

23. 05. 2018

Pokalheld Mirko Votava über seine Flucht nach dem „Prager Frühling“, die Arbeit in einer Zeche und Deutschlands WM-Chancen




Interview von Klaus Hanisch



PZ: Dobrý den, pane – können Sie mit dieser Anrede noch was anfangen?
Mirko Votava: (auf Tschechisch) Ich habe leider nicht viel Praxis im Tschechischen, spreche mittlerweile sogar öfter Spanisch als Tschechisch. Daher verstehe ich die Sprache zwar noch, tue mich aber mit dem Sprechen etwas schwer. Aber ich fahre demnächst wieder mal nach Prag und wenn ich eine Woche dort bin, dann kann ich auch wieder Tschechisch.

Sie wurden in Prag geboren, haben anschließend in Deutschland und Spanien eine glänzende Karriere als Fußballer gemacht. Wird Deutschland bei der WM in Russland seinen Titel verteidigen?
Deutschland ist sehr gut aufgestellt. Auch wenn der eine oder andere von den Besten ausfällt, können wir Weltmeister werden. Aber es wird kein Selbstläufer! Ich hoffe auf eine spannende WM – und darauf, dass wir möglichst weit kommen.

Die tschechische Elf ist nicht dabei. Verfolgen Sie noch deren Spiele und Ergebnisse?
Ich bin bei der U-23 von Werder Bremen als Co-Trainer und Scout tätig und verfolge auch die tschechischen Spieler. Ich denke, dass Tschechien besser geworden ist, weil viele Spieler mittlerweile im Ausland spielen. Dagegen ist die tschechische Liga nicht so ausgeglichen wie etwa die Bundesliga. Abgesehen von Bayern München kann hier jeder jeden schlagen. So weit ist die tschechische Liga noch nicht.

Allerdings sind tschechische Spieler in den Top-Ligen Europas kaum noch gefragt.
Das liegt aber auch daran, dass die tschechische Liga jetzt mehr Geld zur Verfügung hat als früher. Da überlegt sich mancher Spieler schon, ob er woanders hingeht oder doch lieber in Tschechien bleiben soll. Auch wenn er dort etwas weniger verdient. Deshalb können die Vereine nun Spieler leichter halten. Zudem fühlen sich die tschechischen Jungs zu Hause einfach wohl, anders als mancher Spieler in Westeuropa, der im Verein und im Land nicht so verwurzelt ist.

Vor genau 50 Jahren kamen sie aus der Tschechoslowakei nach Deutschland. Können Sie sich noch an den Tag Ihrer Abreise erinnern?
Ja, kann ich. Meine Eltern hatten einen Urlaub für die Schweiz beantragt. Trotzdem mussten wir erst einmal aus der ČSSR rauskommen. Denn es waren noch keine Schulferien für meinen Bruder und mich. Zum Glück sind wir an der Grenze durchgekommen.

Warum wollten Ihre Eltern nach dem Einmarsch der Russen in Prag im August 1968 unbedingt weg, was haben sie Ihnen darüber erzählt?
Für die Eltern war es schwierig, uns das zu erklären, da wir sehr jung waren. Aber meine Eltern hatten damit gerechnet, dass sich die Verhältnisse schnell ändern und waren deshalb gut vorbereitet.

Sind Sie tatsächlich in die Schweiz gefahren?
Nein, wir sind nach Deutschland gefahren und anschließend für neun Monate nach Australien gegangen. Ein Riesenland mit damals nur etwa 14 Millionen Einwohnern. Sie waren froh, wenn junge Familien mit Kindern kamen, aber wir konnten uns nicht richtig einleben.

War es nicht schlimm für Sie, als Zwölfjähriger alle Freunde und Verwandte in Prag zurücklassen zu müssen?
Es war bitter, aber ich war schon alt genug, dass man es mir erklären konnte. Etwa, dass es um die Freiheit ging und man dafür Opfer bringen musste.

Sport gilt als große Brücke für Integration. Hat Ihnen der Fußball dabei geholfen, sich in Deutschland schneller zurechtzufinden?
Wir hatten hier schon Ansprechpartner durch Turniere, die wir mit Dukla Prag zuvor in Deutschland gespielt hatten. So gab es einen Kontakt zu einem Pressemann bei den „Ruhr-Nachrichten“, der leider schon verstorben ist. Besonders zwei Vereine haben uns bei der Integration geholfen, nämlich der VfL Witten 07 und Borussia Dortmund.

Gab es nach Ihrer Flucht noch Verbindungen zu Ihrem früheren Verein Dukla Prag und zu Spielern?
Ja, wir hatten weiter Kontakte zu Dukla. Etwa zu Tonda Masopust, dem Sohn des großen Josef Masopust, mit dem ich in einer Mannschaft gespielt hatte.

Und wie war es mit dem Kontakt zu den Verwandten? In der DDR waren Verbindungen zu „Republik-Flüchtigen“ ja nicht ungefährlich.
Es gab auch weiterhin Kontakt zu Verwandten.


Zwischen 1974 und 1982 absolvierte Votava 264 Spiele für Borussia Dortmund und erzielte dabei 28 Tore.   © Autogrammkarte, Borussia Dortmund


Sie haben als Profi in Dortmund anfangs noch auf einer Zeche gearbeitet. Finden Sie Worte zur Entwicklung im Profi-Fußball in den letzten Jahren?
Mir hat es damals nicht geschadet, von 7 bis 13 Uhr auf der Zeche Gneisenau als Elektriker zu arbeiten, in meinem erlernten Beruf. Direkt danach hat mich Torwart Horst Bertram von der Arbeit abgeholt, so lange ich noch keinen Führerschein hatte. Um 15 Uhr war Training und um 19 Uhr war ich wieder zu Hause. So sah mein Fußballalltag in den 70er Jahren aus. Und trotzdem hatte ich Erfolg im Fußball. Das glaubt einem von den Jungs heute keiner mehr.

Sie haben allerdings selbst viel Geld bewegt, 1982 beim Vereinswechsel zu Atlético Madrid für 1,3 Millionen Mark. Hat Sie das damals belastet?
Der Anfang bei Atlético war schwierig, da ich am Anfang den Fehler gemacht habe, nicht wie Mirko Votava zu spielen. Sie hatten ja vorher beobachtet, wie ich spiele. So wollten sie mich haben und dafür hatten sie ja auch die 1,3 Millionen ausgegeben. Man sollte immer der bleiben, der man ist und sich nicht ändern, aber trotzdem all sein Können in die Waagschale werfen. Das ist mir schließlich als Stammspieler während meiner drei Jahre dort auch gelungen.

Sie waren nach 1968 staatenlos, wurden zehn Jahre später Deutscher und waren bei der EM 1980 dabei. Im ersten Gruppenspiel traf Deutschland auf die ČSSR. War es für Sie ein komisches Gefühl, quasi der alten Heimat zu begegnen?
Ja, die Československá socialistická republika… Es hat mich bewegt, das ist klar. Ich wollte unbedingt spielen. Aber zu dieser Zeit hat sich die Mannschaft quasi von allein aufgestellt. Für einen Neuling wie mich war es schwierig, Stammspieler zu werden. Und Bundestrainer Jupp Derwall hat nicht mit sich verhandeln lassen. (lacht) Das musste man so akzeptieren. Trotzdem war es schön, dass ich bei dieser EM dabei war und in der Vorrunde gegen Griechenland auch spielen durfte.

Sind Sie nach der Revolution wieder nach Tschechien gereist?
Ja, ich habe geschaut, ob ich unser Haus noch finde. Es hatte sich nicht sehr viel verändert. Jetzt wohnt dort ein ehemaliger Tennisspieler.

Jan Kodeš, der frühere Wimbledon- und French-Open-Sieger.
Woher wissen Sie das? Ich wollte eigentlich keinen Namen nennen. Er hat das Haus toll ausgebaut. Das hat mich gefreut.


Mirko Votava spielte fünf Mal für die DFB-Elf. Hier (Nummer 15) bei einem Freundschaftsspiel gegen Brasilien mit Superstar Sócrates im Januar 1981. Endstand aus deutscher Sicht: 1:4   © APZ


Bremens Trainer Otto Rehhagel, mit dem Sie große Erfolge feierten, lobte stets Ihre Zuverlässigkeit in einem seriösen Umfeld als verheirateter Familienvater. War das typisch tschechisch oder einfach nur typisch Votava?
Eher typisch deutsch ... Es hängt damit zusammen, wie man erzogen wird. Ich war immer ein Pünktlichkeitsfanatiker. Als Scout komme ich nie zu spät zu Spielen, sondern fahre immer zwei oder drei Stunden vorher los. Dafür stehe ich dann eben nicht morgens um sechs auf, sondern um vier. Das ist auch eine Frage von Disziplin. Und dann kann auch der Wille Berge versetzen. Ich war kein Maradona, habe mir aber in der Bundesliga einen gewissen Respekt erarbeitet, obwohl ich nie der Schnellste war.

Gerade erzählte ein früherer Profi, dass die meisten Spieler der Bundesliga in den 80er Jahren geraucht hätten – und oft auch viel getrunken. Sind Sie bis heute der älteste Torschütze der Bundesliga-Geschichte, weil Sie nicht geraucht und nicht getrunken haben?
Geraucht habe ich nie. Aber wir hatten mit Bremen genug zu feiern, deshalb habe ich auch mal ein Gläschen Rotwein getrunken. Aber ich habe immer alles in Maßen gemacht. In Spanien habe ich überhaupt erst mit Rotwein angefangen. Dort gab's nach dem Essen außerdem einen schönen Cognac. Und dann noch einen Kaffee. Das habe ich auch genossen. Die Zigarre habe ich aber weggelassen.

Liegt der Profi mit seinen Aussagen trotzdem prinzipiell richtig?
Das kann ich mir nicht vorstellen. Aber es gibt auch heute Spieler, die rauchen. Sie machen es jedoch unauffälliger, weil mittlerweile an jeder Ecke ein Paparazzo lauert. Zu meiner Zeit haben damals so wenige Leute geraucht, dass sie sich sogar in der Öffentlichkeit zeigen konnten. (lacht)

Sie haben zweimal den DFB-Pokal gewonnen, dazu den Europapokal der Pokalsieger und den spanischen Pokal. Zudem haben Sie die meisten Spiele im DFB-Pokal absolviert. Lagen ihnen K.-o.-Spiele besonders?
Sieht ganz so aus. Ich habe immer gesagt: Wenn man einmal beim DFB-Pokalfinale in Berlin war, dann will man immer wieder dorthin. Diesen Ehrgeiz muss man entwickeln. Aber man muss es auch einmal erlebt haben. Sonst weiß man gar nicht, was man verpasst. Obwohl es im Fußball heute vor allem um viel Geld geht, sollte solch ein Finale ein Ziel sein. Ich wollte immer unbedingt nach Berlin, das hat mir unheimlich gut gefallen [Anm. d. Red.: Votava stand mit Werder Bremen 1989, 1990, 1991 und 1994 im deutschen Pokalfinale].

Konnten Sie sich auf diese Alles-oder-Nichts-Spiele besonders fokussieren?
Ich habe immer 100 Prozent gegeben, nicht nur in diesen Spielen. Meine Gegenspieler wussten immer, es könnte ein bisschen wehtun, wenn sie an mir vorbei wollten. Allerdings haben wir Spiele mit Bremen nicht nur durch Grätschen gewonnen, sondern auch durch eine kluge Spieleröffnung. Denn wir wussten, dass wir vorne Leute hatten, die Spiele entscheiden konnten.


Mit insgesamt 546 Spielen steht Mirko Votava auf Platz 5 der Liste der Bundesligaspieler mit den meisten Einsätzen. Mehr als die Hälfte davon lief er im Dress von Werder Bremen auf.   © CC0


Bei Werder kicken mit Torhüter Jiří Pavlenka und Außenbahnspieler Theo Gebre Selassie derzeit Tschechen. Haben Sie ihnen bei der Eingewöhnung geholfen?
Wir haben ja nicht nur die beiden Tschechen, sondern auch noch Jaroslav Drobný …

Richtig, den zweiten Bremer Torhüter.
Ich hätte gerne geholfen, dann hätte ich auch weiter Praxis mit der tschechischen Sprache gehabt. Aber die Spieler haben immer so viele Leute um sich herum, dass sie lieber mal in Ruhe gelassen werden wollen. Hier in Bremen läuft vieles Tür an Tür ab. Wenn wir uns begegnen, dann wird schon etwas Tschechisch gesprochen. Ich habe darin mittlerweile einen deutschen Akzent und sie lachen sich immer halb kaputt darüber.

Jiří Pavlenka spielte eine überragende Saison bei Werder. Haben Sie ihn mitentdeckt und mitempfohlen?
Nein, empfohlen habe ich ihn nicht. Wir hatten früher auch schon Petr Čech im Probetraining, aber er war uns damals zu teuer. Tschechische Torhüter sind oft sehr gut, man denke nur an Ivo Viktor [Anm. d. Red.: Viktor spielte im siegreichen EM-Finale 1976 gegen Deutschland]. Jetzt haben auch wir endlich mal einen von dort.

Spielte Ihre Herkunft bei der Erziehung Ihrer beiden Kinder noch eine Rolle?
Nein, eigentlich nicht. Wir Tschechen haben uns nach 1968 angepasst, wir wollten ja keine neue Kultur schaffen. Wir lernten bald, welche Regeln hier herrschen und haben diszipliniert danach gelebt.

Wuchsen Ihre Kinder nicht zweisprachig auf? Beruflich kann das ja später ein Vorteil sein.
Doch, aber eher mit Spanisch als mit Tschechisch. Mein Sohn war damals noch ziemlich jung. Wir haben in der Familie Tschechisch und Deutsch gesprochen und mit ihm auch Spanisch.

Haben sich Ihre Kinder später mal umgekehrt für Prag und Ihre Kindheit interessiert?
Bei uns ging es eigentlich immer um Sport. Ich habe ihnen erzählt, dass ich in Prag damals noch zu Fuß zum Vereinsgelände gegangen bin und jeden Tag Fußball gespielt habe, meist gegen Ältere. Ich habe immer auf die Knochen bekommen und mich trotzdem durchgeboxt. Deshalb sage ich ja, dass der Wille Berge versetzen kann – wenn man konsequent ist und hart gegen sich selbst.

Wo und wie werden Sie die WM-Spiele verfolgen?
Während der WM fangen wir bereits wieder mit dem Training der U-23 in Bremen an. Wenn es die Zeit zulässt, werde ich mir Spiele angucken. Es gibt viele Mannschaften, die mich interessieren. Vor allem natürlich Deutschland und Spanien. Und ab dem Achtelfinale wird es dann ja richtig interessant.





ZUR PERSON


Miroslav (Mirko) Votava beendete vor genau 20 Jahren seine aktive Karriere – und hält immer noch mehrere Rekorde. Er ist nach wie vor der älteste Torschütze der Bundesliga: Seinen letzten Treffer erzielte Votava mit 40 Jahren und 121 Tagen. Und keiner bestritt mehr Partien im DFB-Pokal als er: nämlich 79. Sein erstes Pokalspiel gewann Votava am 7. September 1974 mit Borussia Dortmund (3:0 gegen den VfR Heilbronn), ebenso sein letztes am 11. August 1996 mit Werder Bremen (5:3 nach Elfmeterschießen gegen Bayer Leverkusen). Zudem liegt Votava mit 546 Partien auf Platz fünf der ewigen Bundesliga-Rangliste.

Während seiner langen Laufbahn feierte er mit Werder zwei Deutsche Meisterschaften (1988 und 1993), zwei DFB-Pokalsiege (1991 und 1994) und den Europapokal der Pokalsieger (1992). Zur Bremer Legende wurde Mirko Votava auch, weil er bei gleich drei legendären Aufholjagden im Europacup dabei war: beim 6:2 nach Verlängerung gegen Spartak Moskau (UEFA-Cup 1987, Hinspiel 1:4), beim 5:0 gegen den BFC Dynamo (Europapokal der Landesmeister 1988, Hinspiel 0:3) und beim 5:3 gegen Anderlecht Brüssel (Champions League 1993, Halbzeitstand 0:3).

Pokalsieger wurde er zudem 1985 mit Atlético Madrid, wo er zwischen 1982 und 1985 spielte. Fünf Einsätze absolvierte Votava für die deutsche Nationalmannschaft, mit der er 1980 den EM-Titel in Italien gewann. Nachdem er bei Dukla Prag mit dem Fußball begonnen hatte, startete Votava seine Profi-Karriere bei Borussia Dortmund, wo der defensive Mittelfeldspieler von 1974 bis 1982 spielte und 1976 den Aufstieg in die Bundesliga schaffte.   (khan)






 

Fotos: Bildrechte via Tooltip

^ nach oben