24. November 2017,

"Wir waren keine Außenseiter“

Siggi Held im Sommer 2005

11. 11. 2017

Siggi Held wirkte in allen legendären Spielen deutscher Fußballmannschaften in den 60er und frühen 70er Jahren mit. Dabei prägten vor allem englische Mannschaften seine Karriere. Geboren wurde er in Freudenthal, dem heutigen Bruntál

Interview von Klaus Hanisch


PZ: Gerade gab es wieder den Klassiker Deutschland gegen England. Spiele gegen englische Mannschaften begleiteten Ihre Karriere. Gleich zu Beginn mit dem unerwarteten Sieg gegen den FC Liverpool im Europacup-Endspiel 1966. War er deshalb so wertvoll, weil Dortmund als krasser Außenseiter galt? Es hieß ja damals aus England, Liverpool sei die beste Elf jener Zeit und Liverpool B die zweitbeste.
Held: Er war was Besonderes, weil der deutsche Fußball zu jener Zeit international noch nicht diesen Stellenwert hatte wie heute. Auch die Vereinsmannschaften waren bis dahin nicht sonderlich erfolgreich. Es war eben der erste Europapokal für eine deutsche Elf.

Außenseiter zu sein, hat Sie aber sicherlich nicht belastet.
Wir haben uns selbst gar nicht so sehr als Außenseiter gesehen. Ins Endspiel gekommen zu sein, hat uns so viel Selbstbewusstsein gegeben, dass wir schon dachten, wir könnten es packen.

Im gleichen Jahr standen Sie auch im WM-Finale. Da kann die Frage nach dem berühmten "Wembley-Tor" nicht ausbleiben. Konnten Sie damals auf dem Platz sehen, ob der Ball drin war oder nicht?
Sehen konnte ich es nicht. Aber ein wichtiges Indiz dafür, dass der Ball nicht im Tor war, ist für mich immer noch das Verhalten des Linienrichters. Die sind sonst immer zur Mittellinie gelaufen, wenn ein Ball drin war – er blieb aber damals einfach stehen, hat mit dem Fähnchen gewedelt und wusste nicht, was los war. Erst nachdem er mit dem Schiedsrichter gesprochen hatte, wusste er plötzlich, dass es ein Tor war. Das war sehr seltsam.

Man hätte damals schon die Torlinientechnik gebraucht.
Ja, die hätte man wirklich gut gebrauchen können. Aber es gab sie damals halt noch nicht.

© William Brawley, CC BY 2.0

Sie sagten früher einmal, dass der Schmerz dieser Niederlage nie vergehen werde. Ärgern Sie sich noch heute, dass Ihnen dadurch der Weltmeistertitel verwehrt blieb?

Ob es ohne dieses Tor der Weltmeistertitel geworden wäre, weiß man nicht. Und man wird es auch nie erfahren. Denn wer weiß schon, wie das Spiel ausgegangen wäre. Es ist Geschichte.

Geschichte ist auch, dass die deutsche Elf Ende April 1972 erstmals in Wembley gewann, mit jenem legendären 3:1. Wie sehr überraschte Sie selbst dieser Erfolg?
Als Spieler muss man selbstbewusst sein. Man tritt ja an, um zu gewinnen und tut alles dafür. Also geht man auch davon aus, dass es klappt und ist dann natürlich enttäuscht, wenn es nicht klappt. Das ist zumindest bei mir immer so gewesen. Deshalb war ich zu Spielbeginn immer überzeugt davon, dass wir gewinnen werden. Zumindest so lange, bis mir das Gegenteil bewiesen wurde ...

War es für Sie tatsächlich nicht außergewöhnlich, endlich mal in England zu gewinnen?
Sicher war das schön. Und es war ja auch sehr wichtig, weil es ein Qualifikationsspiel für die EM 1972 war.

Bei der Endrunde dieses Turniers in Belgien fehlten Sie, weil Sie gleichzeitig mit Zweitligist Kickers Offenbach um den Aufstieg in die Bundesliga spielen mussten. Wie weh tat es hinterher, kein Europameister geworden zu sein?
Das war natürlich sehr schade. Aber ich hatte mit Offenbach das ganze Jahr über für diese Aufstiegsspiele gekämpft. Es war eben eine unglückliche Terminsituation. Sie käme heute sicherlich nicht mehr so vor.

Die 72er Nationalelf wird heute als beste deutsche Mannschaft aller Zeiten bezeichnet. Stimmen Sie zu?
Es ist immer schwierig, Mannschaften über Jahrzehnte hinweg zu vergleichen. Für mich ist das eine Spielerei. Ich kann damit nicht viel anfangen.

Siggi Held (rechts) als Trainer von Dynamo Dresden neben Co-Trainer Ralf Minge und Mannschaftsarzt Dr. Detlef Schlegel    © SG Dynamo Dresden / privat

Die vielen Lobpreisungen zu Ihrem 75. Geburtstag im Sommer bewiesen, dass Sie heute in mindestens vier Städten als Legende gelten. In Dortmund wegen des "Wunders von Glasgow" 1966. In Uerdingen, weil Sie noch als 37-Jähriger alle 34 Saisonspiele in der Bundesliga bestritten. In Dresden, weil Sie 1994 als Trainer mit Dynamo trotz vier Punkten Abzug den Bundesliga-Klassenerhalt schafften. Und natürlich im kleinen Marktheidenfeld als erfolgreichster Fußballer, der je für den heimischen TV kickte. Wo sehen Sie selbst Ihre Heimat?

Meine Heimat sehe ich in Dortmund. Hier fühle ich mich wohl, hier habe ich die große weite Welt des Fußballs erlebt. Jetzt bin ich bei Borussia Dortmund in die Fan-Betreuung eingebunden. Das ist eine tolle Aufgabe mit viel Spaß und ohne Stress. Zudem bin ich nach wie vor bei jedem Heimspiel der Borussia dabei.

Geboren wurden Sie in Freudenthal, damals Sudetenland, dem heutigen Bruntál in Tschechien. Wikipedia führt sie als einen Sohn dieser Stadt auf. Können Sie damit was anfangen?
Ach, das ist schwer für mich. Gut, es ist mein Geburtsort. Als Kleinkind wurde ich aber mit meinen Eltern vertrieben.

Sie waren damals drei Jahre alt. Showmaster Frank Elstner ist Ihr Jahrgang, war als Dreijähriger in Brünn und erzählte uns humorvoll von einem halbvollen Glas Wodka, das er mit Wasser verwechselte und zum Entsetzen seines tschechischen Kindermädchens trank. Haben Sie auch noch solche Erinnerungen?
Nein, ich habe überhaupt keine Erinnerungen mehr an diese Zeit.

Haben Sie später einmal Ihren Geburtsort besucht, eventuell zusammen mit Ihren Eltern?
Nein, wir waren nicht mehr dort. Ich kam eigentlich nie auf diese Idee. Zumal es auch bei meinen Eltern nie Diskussionen gab, mal dorthin zu fahren.

Was erzählten Ihre Eltern später über Umstände der Vertreibung und Gefahren der Flucht?
Da wurde wenig drüber gesprochen. All die Sorgen und Nöte habe ich damals als Kleinkind nicht so richtig mitbekommen.

Trotzdem sprechen Sie von einer schönen und unbeschwerten Kindheit. Worin bestehen diese positiven Erinnerungen?
Wir kamen nach der Vertreibung in ein Lager in Marktheidenfeld bei Würzburg. Während des Krieges waren dort, glaube ich, ausgebombte Düsseldorfer. Das wurde anschließend als Flüchtlingslager genutzt und war unsere neue Bleibe. Das Lager war außerhalb dieser Kleinstadt. Es gab Wiesen, Felder, Wälder außen herum und ich habe in der Freizeit immer Fußball gespielt und dabei viel Spaß gehabt. Es war allerdings auch das einzige Freizeitvergnügen, das ich damals hatte.

Und dabei wurde auch der Grundstein für Ihre großartige Karriere gelegt.
Fußball wurde zur Leidenschaft, Ich bin dort in meinen ersten Verein gegangen. Da war ich 15, glaube ich.

Wenn Sie später gegen tschechische Mannschaften spielten, war das dann was Besonderes für Sie nach der Vertreibung?
Ich habe mal gegen Dukla Prag gespielt. Aber das war für mich ein ganz normales Fußballspiel. Es hat sich nur um Fußball gedreht und sonst um nichts.

Zeitungen nennen Sie zuweilen – offenbar etwas abfällig – einen gebürtigen Sudetendeutschen beziehungsweise den ersten Spieler von Dortmund, der nicht aus Westdeutschland kam, sondern aus dem heutigen Tschechien. Wie gehen Sie damit um?
(lacht)  Stimmt, es hieß tatsächlich zuweilen, dass ich der erste Ausländer in Dortmund sei ... Aber da wurde nur geflachst, ich habe mich dort wohl gefühlt. Und es war ja anfangs auch eine erfolgreiche Zeit.

Erinnerungstafel für das Jahrhundertspiel am Aztekenstadion in Mexiko-Stadt

Keinen Erfolg hatten Sie im sogenannten "Jahrhundertspiel" gegen Italien im Halbfinale der WM 1970 in Mexiko. Diese Partie fasziniert Zuschauer am Fernseher heute genauso wie damals. Wie geht es Ihnen, wenn Sie das Spiel noch einmal sehen?
Ich glaube, es war ein Spiel, das von vielen Fehlern geprägt war. Unter anderem ja auch von einem von mir. Es war sicher spannend für die Zuschauer, aber zu verlieren ist nie schön.

Sie wurden damals eingewechselt. Wie haben Sie diese unglaublich dramatische Verlängerung bis zum 3:4 vor über 100.000 Zuschauern im Aztekenstadion auf dem Rasen erlebt?
Ich habe ungefähr noch eine Stunde gespielt und man ist sehr angespannt bei solch einem Spiel. Man soll ja nicht immer auf den Schiedsrichter schimpfen. Aber bis heute bin ich überzeugt davon, dass er seinen Anteil an dem Spielausgang hatte.

Inwiefern?
Es gab schon ein paar komische Entscheidungen von ihm. Beziehungsweise Nicht-Entscheidungen. Denn im italienischen Strafraum ging es manchmal recht ruppig zu ...

Gab es Momente, etwa nach Gerd Müllers Treffer zum 2:1, in denen Sie vom Sieg überzeugt waren – oder nach Italiens 3:2 von einer Niederlage?
Weder das eine noch das andere. Ich wusste ja, dass noch einige Minuten zu spielen sind und da kann immer was passieren.

Nervt es Sie manchmal, immer wieder auf all diese legendären Spiele angesprochen zu werden?
Nein, das nervt nicht. Es war eine schöne Zeit, da kann man locker Rede und Antwort stehen. Wenn jemand Spaß daran hat und heute noch darüber reden will, dann habe auch ich Freude daran.

Später waren Sie nicht nur Trainer von deutschen Mannschaften, sondern auch in Island, Malta, Japan, Thailand und der Türkei. Von Freudenthal in die Welt – wo war es für Sie am schönsten?
Das ist immer schwer zu sagen. Diese Jobs im Ausland hatten eine gewisse Eigendynamik, weil damals nur noch Angebote von dort kamen und nicht mehr aus dem Inland. Zudem muss man unterscheiden zwischen Arbeit und Freizeit, also dem Leben neben dem Fußball. Und das war immer sehr unterschiedlich, weil manches nicht so gut organisiert war wie im deutschen Fußball. Vieles lief nicht reibungslos. Dafür wurde ich allerdings manchmal entschädigt. Kairo oder Bangkok waren schon Städte, in denen es sich sehr gut leben ließ.




ZUR PERSON

Wird sein Vorname nun Siegfried oder Sigfried geschrieben, heißt er Siggi oder Sigi? Unzweifelhaft ist jedenfalls die außergewöhnliche Karriere von Held. Sie nahm 1966 richtig Fahrt auf, als er im Finale um den Europapokal der Pokalsieger das erste Tor für Borussia Dortmund beim 2:1 gegen Liverpool schoss. Anschließend wurde er mit Deutschland Vize-Weltmeister. In der Nationalelf und in Dortmund stürmte Held oft gemeinsam mit Lothar Emmerich, weshalb beide in England bis heute "terrible twins" ("schreckliche Zwillinge") genannt werden. Siggi Held absolvierte zwischen 1966 und 1973 insgesamt 41 Länderspiele für Deutschland und erzielte dabei fünf Tore. Der Mann mit den buschigen Augenbrauen war nie ein Mann vieler Worte und wurde deshalb stets als "Schweiger" bezeichnet. Er wechselte zwischen 1963 und 1979 zwischen Kickers Offenbach und Dortmund hin und her, spielte anschließend für Preußen Münster und Bayer Uerdingen. Dabei kam er auf 422 Bundesligaspiele und 72 Tore. Unmittelbar nach seiner aktiven Karriere schaffte Held als Trainer ausgerechnet mit dem Dortmunder Erzrivalen Schalke 04 den Wiederaufstieg in die Bundesliga, betreute danach unter anderem den türkischen Spitzenklub Galatasaray Istanbul, Admira/Wacker Wien, Dynamo Dresden, Gamba Osaka und den VfB Leipzig. Als Nationaltrainer war er in Island, Malta und Thailand tätig und später "WM-Botschafter 2006 von Dortmund".


Foto: SG Dynamo Dresden/privat

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