29. März 2017,

„Leon hat, was ich niemals hatte“

Peter Draisaitl kehrte als Eishockeytrainer 2012 in seine alte Heimat zurück.

04. 05. 2016

Als Jugendlicher floh Peter Draisaitl aus der ČSSR nach Westdeutschland. Heute trainiert er den Eishockey-Erstligisten Dynamo Pardubice. Im PZ-Interview spricht er über seinen Sohn, die Weltmeisterschaft – und seine Tschechisch-Kenntnisse

Ein paar Wochen lang wollte der gebürtige Tscheche Peter Draisaitl (50) nichts mehr vom Eishockey wissen. Nachdem er mit dem HC Dynamo Pardubice gerade noch den Abstieg aus der tschechischen Extraliga vermieden hatte, machte der frühere deutsche Starspieler im April Urlaub. In Köln traf er seinen Sohn Leon, der in der Nordamerikanischen Profiliga NHL für die Edmonton Oilers spielt und nun Deutschland bei der Eishockey-WM möglichst weit bringen soll. Sie wird vom 6. bis 22. Mai in Russland ausgetragen.


Deutschland oder Tschechien – wem drücken Sie bei der Eishockey-WM die Daumen?

So habe ich das noch nie betrachtet. Ich bin kein Fan von irgendjemandem, aber wegen meines Sohnes bin ich der deutschen Mannschaft bei der WM doch ein bisschen näher.

Die Tschechen hoffen wie immer auf den Titel. Haben sie Chancen?

Ja, natürlich. Gleich im ersten Spiel am Freitag geht es gegen Gastgeber Russland, das wird schwierig und gibt schon einen Hinweis auf den Verlauf des Turniers. Es ist alles möglich.

Und Deutschland? Die Mannschaft kam bei der Heim-WM 2010 auf Platz vier und erreichte ein Jahr später zum letzten Mal ein Viertelfinale. In der Vorbereitung gegen Tschechien verlor sie jedoch heftig mit 2:7 und mit 1:2.

Ich glaube, dass die deutsche Mannschaft eine sehr gute Rolle spielen wird. Sie ist ein gutes Team, hat keinen ganz großen Druck. Sie kann wieder das Viertelfinale erreichen, wenn sie es richtig macht.

Ist Ihr Sohn ebenso zuversichtlich?

Ich glaube schon. Ich bin sogar überzeugt davon. Es gibt ja auch keinen Grund, die Spiele mit einer negativen Einstellung anzugehen. Die Jungs haben sich gut vorbereitet und wollen das Beste für ihr Land geben. Mehr kann man nicht erwarten.

Ihnen wurden im Sommer Ambitionen auf das Amt des Bundestrainers nachgesagt. Waren Sie sehr enttäuscht, dass nichts daraus wurde?

Das ist nicht ganz korrekt. Ich hatte keine Ambitionen auf das Amt, sondern nur mal ein Gespräch mit den Verantwortlichen. Es ging darum, ob man sich vorstellen könnte, dass ich dem Team kurz aushelfe. Ich habe ein enge Beziehung zum deutschen Eishockey und daran wird sich auch nichts ändern. Aber im Prinzip bin ich noch nicht so weit, um als Bundestrainer zu arbeiten. Zumindest will ich zuerst noch eine Zeitlang als Vereinstrainer tätig sein. Vielleicht ergibt es sich dann irgendwann einmal.

Vor internationalen Turnieren wird sofort die Erinnerung an Ihren Penalty bei den Olympischen Winterspielen 1992 wach. Wie oft mussten Sie sich die Szene ansehen, um glauben zu können, dass Ihr Puck tatsächlich auf der Torlinie liegen blieb?

Um ehrlich zu sein, gar nicht. Es ist nicht so, wie manche glauben, dass ich mir diese Szene einmal pro Woche bei YouTube ansehe. Aber speziell wenn Olympische Spiele anstehen, werde ich immer noch regelmäßig darauf angesprochen.

Bei der WM ruhen viele deutsche Hoffnungen auf Ihrem Sohn Leon. Er hat nie in der Deutschen Eishockey-Liga gespielt und ging schon als 16-Jähriger nach Nordamerika, wo er zuletzt für Edmonton eine gute Saison in der NHL absolvierte. Was hat er von Ihnen gelernt?

Keine Ahnung. Das müssen Sie ihn fragen. Klar, ich habe seinen Weg begleitet, wie jeder Vater. Mit dem kleinen Vorteil, dass ich den einen oder anderen Tipp geben konnte, weil ich selbst aus dem Eishockey komme. Oder dass ich ihn vor bestimmten Fehlern bewahren konnte. Aber letztendlich muss er seinen Weg selber suchen und finden. Daher hält sich meine Unterstützung in Grenzen.

Leon sagt selbst, dass er ohne Sie nie Eishockey-Spieler geworden wäre. Er ist erst 20 und spielte schon bei der WM vor zwei Jahren für Deutschland eine gute Rolle. Hat er etwas, was Sie gerne als Aktiver gehabt hätten?

Alles! Er spielt noch einmal auf einem anderen Niveau als ich damals. Ich hatte zum Beispiel nie Ambitionen, in der NHL zu spielen. Generell ist das Eis­hockey vor 20 Jahren mit dem Eishockey von heute schwer zu vergleichen. Da hat sich einiges entwickelt und verändert, das sind im Vergleich zu heute „gute alte Zeiten“. Auf dem Eis geht es jetzt sehr viel schneller zu, man muss in jedem Bereich auf höchstem Niveau vorbereitet sein, sei es mental oder physisch. Die Anforderungen an die Spieler sind heute schon gewaltig.

NHL-Star Leon Draisaitl ist derzeit wohl der beste deutsche Eishockeyspieler.

Sie waren ab 2012 in Budweis der erste deutsche Trainer in der Extraliga. Wo liegen die wesentlichen Unterschiede zwischen deutscher und tschechischer Liga?

In Tschechien sind die Spieler etwas talentierter und geschickter. Hier geht es mehr ums Schlittschuh-Laufen. Dafür ist die Deutsche Eishockey-Liga besser strukturiert und klarer. In Deutschland spielt das System eine wichtigere Rolle. Das sind meiner Meinung nach die größten Unterschiede.

Reichte Ihr Tschechisch nach mehr als 30 Jahren in Deutschland noch aus, um die tschechischen Spieler zu erreichen?

Es wird besser. Als ich nach Tschechien zurückkam, hatte ich ganz schön damit zu kämpfen. Langsam, aber sicher fühle ich mich in der Sprache wieder ganz wohl.

Gibt es Unterschiede bei den Fans oder ist die Begeisterung in Tschechien und Deutschland vergleichbar?

Es gibt auch hier Städte wie zum Beispiel Brünn, wo immer 8.000 Zuschauer kommen und die Halle ausverkauft ist. Ebenso in Hradec Králové, wo ich drei Jahre Trainer war. Ein fantastisches Eishockey-Publikum. Das kommt Deutschland schon sehr nahe. Aber es gibt auch Städte in Tschechien, wo nicht wahn­sinnig viel los ist.

Warum ist Eishockey in Tschechien so populär, obwohl man bei der Schnelligkeit des Spiels als Zuschauer kaum etwas sieht?

Seitdem ich denken kann, war Eishockey hier die Sportart Nummer eins. Eishockey hat draußen auf der Straße, in der Kneipe oder in den Medien immer noch einen hohen Stellenwert, auch wenn der Fußball in Tschechien in den letzten Jahren populärer geworden ist. Das liegt sicher auch an der Historie. Die Natio­nalmannschaft hat einige große Titel eingefahren, dann gab es viele große Kämpfe mit der Sowjetunion, in denen die Politik eine große Rolle spielte und Eishockey als Instrument dafür diente. Letztendlich steht Eishockey ja nicht nur hier vor Fußball und anderen Sport­arten, sondern auch in Kanada und skandinavischen Ländern. In Deutschland ist der Fußball leider so groß, dass er alles andere plattmacht.

Wie gelingt es dem kleinen Land, so erfolgreich zu sein und immer neue Stars hervorzubringen?

Gute Spieler gibt es nur, wenn genügend Leute vorhanden sind und wenn sie gut ausgebildet werden. Aber auch im tschechischen Eishockey ist nicht mehr alles so toll, gibt es nicht mehr so viele Top-Talente wie früher. Auch hier wird nun mehr ins Ausland geschaut.

Sie kamen Ende der siebziger Jahre nach Deutschland, nachdem ihre Eltern einen Urlaub dazu nutzten, um über Jugoslawien und Österreich zu fliehen. Sie waren erst 13, wie schwer fiel Ihnen die Umstellung?

Die Umstellung war gewaltig. Wir sprachen kein Wort Deutsch und haben anfangs überhaupt nicht kapiert, wo wir eigentlich gelandet sind. Wir hatten gar nichts. Auch keinen Plan, was die Zukunft bringen wird. Das war eine harte Zeit! Aber sie war für meine Eltern deutlich härter und komplizierter als für mich und meine Schwester.

Hielten Sie danach weiter Kontakt in die ČSSR?

Die Briefe, die ich geschrieben habe, sind sicher nie angekommen. Das Leben, das wir bis dahin kannten, war abrupt beendet und wir mussten uns komplett neu ausrichten. Aber meine Eltern wollten raus aus dem System – und vor allem wollten sie für ihre Kinder, also meine Schwester und mich, eine bessere Zukunft.

Sie wurden in Karviná geboren, von dort stammen auch berühmte Leute wie Model Petra Němcová oder Speerwurf-Olympiasiegerin Dana Zátopková, die Witwe von Emil Zátopek. Und Alfred Biolek, der bekannte deutsche Show- und Talkmaster. Sie haben lange in Köln gespielt, wo auch er lebte und arbeitete. Sind Sie sich während Ihrer gemeinsamen Jahre dort mal begegnet?

Ich erinnere mich, ihn mal in der Stadt oder in einem Gasthaus gesehen zu haben. Er besaß ja dort das Restaurant „Alter Warte­saal“. Aber ich habe ihn nicht direkt getroffen oder näher kennengelernt.

Seit Anfang dieses Jahres sind Sie Trainer in Pardubice, einem Eis­hockey-Mekka: mehrfacher Meister in der ČSSR und Tschechien, seit vielen Jahrzehnten erstklassig. Letzte Saison wurde gerade noch der Abstieg verhindert. Welche Pläne haben Sie für die neue Spielzeit?

Raus aus den Niederungen! Das waren Erfahrungen, die man nicht noch einmal braucht. Und keinesfalls absteigen, um auch die lange Tradition des Klubs nicht zu zerstören. Das war eine taffe Nummer zuletzt.

Begleiten Sie Ihren Sohn zu den Spielen nach Russland?

Ich werde fünf Tage dort sein. Gleich in der Vorrunde. Wenn alles normal läuft, wird Leon nach der WM ein paar Wochen bei uns verbringen, um sich auf die neue Saison vorzubereiten. Er hat ja einen Konditions­trainer in Hradec Králové, mit dem er schon letztes Jahr gearbeitet hat. Die beiden wollen weiter zusammenarbeiten – und das wird wieder hier in der Ecke sein.





Grenzgänger zwischen den Eishockey-Welten
Peter Draisaitl wurde im Dezember 1965 in Karviná (damals Tschechoslowakei) geboren, bestritt aber seine gesamte Karriere als Eishockey-Spieler in Deutschland. In seinen erfolgreichsten Jahren pendelte er zwischen Mannheim und Köln. Draisaitl begann ab der Saison 1983/84 beim Mannheimer ERC und wurde 1985 sowie 1987 Vizemeister. Ab 1990 spielte er zwei Jahre lang für den Kölner EC, wurde zu einem Star in der Deutschen Eishockey-Liga und gewann 1991 erneut den Vize-Titel. 1992 kehrte Draisaitl nach Mannheim zurück, errang trotz starker Leistungen jedoch erst die Deutsche Meisterschaft, nachdem er wieder nach Köln gewechselt war: Mit den Haien gelang ihm 1995 endlich der Triumph. In jener Saison stellte er einen Rekord von 21 Spielen in Folge mit mindestens einem Scorerpunkt auf. Ein Jahr später war Draisaitl Topscorer in den Play-offs, unterlag mit Köln aber sowohl im deutschen als auch im Europapokal-Finale. Für die Nationalelf absolvierte Peter Draisaitl 146 offizielle Länderspiele. Er vertrat die deutschen Farben bei den Olympischen Winterspielen 1988, 1992 und 1998 sowie bei sieben Weltmeisterschaften.

Und er schoss 1992 den berühmtesten Penalty in der deutschen Eishockey-Geschichte: In Albertville blieb sein Puck im olympischen Viertelfinale gegen Kanada auf der Torlinie liegen – dadurch schied das deutsche Team vor den Augen von zehn Millionen Fernsehzuschauern aus dem Turnier aus. Seine letzten Jahre als Aktiver verbrachte Draisaitl bei den Moskitos Essen und Revier Löwen Oberhausen, dort begann er auch seine Trainer-Karriere. Bremerhaven, Straubing, Regensburg, Duisburg, Ravensburg und Nürnberg waren weitere Stationen, bevor er 2012 den HC České Budějovice in der tschechischen Extraliga übernahm. Er blieb, als 2013 die Lizenz an den Mountfield HK in Hradec Králové verkauft wurde. Seit Jahresbeginn 2016 trainiert Peter Draisaitl den HC Dynamo Pardubice.   (khan)

Interview: Klaus Hanisch, Fotos: Michael Söckneck/CC BY-SA 3.0 und Stefan Brending/CC BY-SA 3.0

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