23. Juli 2016,

„Wir gehörten zu den Besten der Welt“

20. 01. 2016

Reinhard Häfner war Siegen gewohnt: 1976 schoss er die DDR zum Olympiasieg, mit Dynamo Dresden gewann er zahlreiche Titel. Nach den Erfolgen kämpfte er auch abseits des Fußballplatzes

17 Jahre lang trug Reinhard Häfner das gelbe Trikot. Mit Dynamo Dresden feierte er je vier Meisterschaften und Pokalsiege in der DDR. Auf ewig bleibt der Name des 58-maligen Nationalspielers aber auch mit dem größten Titelgewinn einer DDR-Auswahl verbunden: Vor genau 40 Jahren entschied Häfner das Finale des Olympischen Fußballturniers beim 3:1-Sieg gegen Polen.


Sind wir die Ersten, die Sie im Jubiläumsjahr auf den Olympiasieg 1976 in Montreal ansprechen?

Reinhard Häfner: Im neuen Jahr sind Sie tatsächlich der Erste. Aber bis zum Sommer wird sich sicherlich noch der eine oder andere daran erinnern.

Das dritte Tor selbst erzielt, das zweite mit einem Sololauf über das halbe Feld vorbereitet – waren Sie trotz all Ihrer Länder- und Europapokalspiele an diesem Tag besonders motiviert?

Häfner: Auf alle Fälle – und nicht nur ich. Alle Spieler haben lange auf dieses Turnier hingearbeitet. Und wir haben dort gegen tolle Mannschaften gespielt. Unser Finalgegner Polen war vorher Dritter bei der WM 1974, im Halbfinale besiegten wir die Sowjetunion, die aus vielen Spielern von Dynamo Kiew bestand (gewann 1975 als erste Mannschaft der UdSSR einen Europacup sowie anschließend den europäischen Supercup gegen Bayern München, Anm. d. Red.). Das war für alle eine besondere Herausforderung.

Im Westen wurden Olympiasiege im Fußball immer etwas belächelt, weil Osteuropäer dort im Gegensatz zur Bundesrepublik und anderen großen westlichen Fußball-Nationen mit der kompletten Nationalmannschaft antreten durften. Trübte das für Sie ein wenig den Triumph der DDR-Auswahl?

Häfner: Nein, überhaupt nicht! Wir traten ja auch gegen die Franzosen an und in deren Olympia-Mannschaft spielten mit Platini und Fernandez Weltklasse-Fußballer, die große internationale Erfolge feierten. Auch in der brasilianischen Mannschaft gab es Spieler, die später Nationalspieler wurden.

Warum blieb dieser Olympiasieg der einzige große Erfolg für eine DDR-Elf?

Häfner: Dafür gibt es mehrere Gründe. Wir hatten zwischen 1974 und 1978 sicher die beste DDR-Nationalmannschaft unserer Geschichte. Doch oft fehlte für den Erfolg nur ein einziges Tor. Die WM 1978 in Argentinien haben wir ganz knapp verpasst, auch weil wir nur 1:1 gegen Österreich spielten. Gegen Holland verloren wir in der Qualifikation zur EM 1980 das entscheidende Spiel mit 2:3. Das sahen immer jeweils 100.000 Zuschauer im Leipziger Zentralstadion. Uns fehlte neben etwas Glück aber auch Abgeklärtheit und Professionalität. In dieser Hinsicht waren uns andere Mannschaften einfach voraus.

In der Qualifikation für die Olympischen Spiele 1976 spielte die DDR zweimal gegen die ČSSR – 1:1 in Brünn und 0:0 in Leipzig. Die DDR war bei Olympia dabei, die ČSSR nicht. Doch sie qualifizierte sich für die EM und wurde im Elfmeterschießen gegen die Bundesrepublik Europameister. War in diesen Qualifikationsspielen schon absehbar, dass ausgerechnet diese beiden Nationen die wichtigsten Länder-Titel 1976 gewinnen würden?

Häfner: Das war sicher nicht hundertprozentig vorauszusehen. Aber dass die ČSSR eine gute Mannschaft war, zeigte eben auch die EM-Endrunde. Sie war uns spielerisch überlegen. Uns zeichnete mehr Athletik und Tempospiel aus. Im Nachhinein kann man sagen, dass diese beiden Mannschaften im Jahr 1976 zu den besten auf der Welt gehörten.

Sie spielten zwischen 1975 und 1980 in allen DDR-Länderspielen gegen die ČSSR – und verloren kein einziges. Lagen Ihnen die Tschechen besonders?

Häfner: Ja, das kann man so sagen! Die Tschechen bevorzugten ein technisch gepflegtes Spiel, mit herausragenden Spielern wie Panenka. Doch sie kamen mit unserer Art zu spielen nicht zurecht. Wir haben in der Abwehr sehr konsequent gearbeitet und hatten mit Gerd Kische und Konrad Weise Weltklasse-Verteidiger.

Nachdem Sie die Qualifikationsspiele zur EM 1980 bestritten hatten, durften Sie nicht mehr zu Olympia. Wie sehr haben Sie bedauert, dass Sie im Finale von Moskau gegen die Tschecho­slowakei den Olympiasieg von 1976 nicht verteidigen konnten?

Häfner: Selbstverständlich habe ich mich geärgert. Ich war ja schon beim Gewinn der Bronzemedaille 1972 in München dabei und hätte ohne den Olympia-Boykott auch 1984 in Los Angeles spielen können, wofür sich die DDR qualifiziert hatte. Dann wäre ich bei vier Olympischen Spielen dabei gewesen und hätte eine beachtliche Olympia-Bilanz.

Würden Sie zustimmen, wenn wir Sie als einen der wenigen Künstler unter vielen Handwerkern im DDR-Fußball bezeichnen?

Häfner: Vielleicht war ich tatsächlich kein typischer DDR-Fußballspieler. Wir haben in Dresden mehr Wert auf den spielerischen Aspekt gelegt, Trainer Walter Fritzsch hat immer wieder das Spiel in den Vordergrund gestellt. Im Gegensatz etwa zu Auswahltrainer Georg Buschner, der mehr auf Abwehrarbeit und Athletik geachtet hat. Ich war schon ein Spieler, der auch in die Bundesliga gepasst hätte.

In der Tat wirkte Ihr Spiel immer sehr elegant und leichtfüßig, wie bei den westdeutschen Mittelfeldstars Netzer, Overath und Flohe. Haben Sie sich manchmal selbst mit West-Fußballern verglichen?

Häfner: Ich habe vor allem in jungen Jahren in meiner Heimat Thüringen den Bundesliga-Fußball verfolgt und konnte mich mit Spielern aus der Bundesrepublik vergleichen. Mein Vorbild war immer Wolfgang Overath, auch wenn er eine etwas andere Position gespielt hat.

Praktisch alle DDR-Ausnahmespieler gingen nach 1989 in den Westen. Hätten Sie sich bei Ihrem großen Können die Wiedervereinigung schon während Ihrer Karriere gewünscht?

Häfner: Am liebsten wäre mir gewesen, wenn ich mich mit Dynamo Dresden in unserer Glanzzeit in der Bundesliga hätte beweisen können, statt allein bei einem Bundesligisten zu spielen. Vorher inoffiziell in den Westen zu gehen, wie die DDR-Spieler Nachtweih, Eigendorf oder von uns Lippmann, kam für mich nicht in Frage, denn man wurde ja automatisch für ein Jahr gesperrt und wusste nicht, ob die Familie Repressalien ausgesetzt wird.

Unvergessen sind die großen Europacup-Spiele von Dresden, speziell 1973 gegen Bayern München (3:4, 3:3). Warum gewann Dresden im Gegensatz zu Magde­burg nie einen Europapokal, trotz tollen Spielern wie Dörner, Kreische und Ihnen?

Häfner: Gegen Bayern lag es an ganz kleinen Dingen. Wir hatten davor gegen Juventus Turin gewonnen, doch gegen Bayern war unser Torjäger Hansi Kreische verletzt. Trotzdem hätten wir mit ein wenig Glück weiterkommen können. Und bis zum Endspiel hatte Bayern keine Übermannschaften zu schlagen, in dieser Saison wäre ein Finale für uns möglich gewesen. Sonst sahen wir gegen südländische Mannschaften gut aus, etwa Atlético Madrid oder Benfica Lissabon. Deren Spielweise kam uns entgegen. Doch gegen englische Mannschaften wie den FC Liverpool hatten wir nie eine Chance, auch weil deren Spieler im Schnitt zehn Zentimeter größer waren – bis auf Kevin Keegan. Manchmal lag es auch am eigenen Unvermögen, wenn ich an das Debakel gegen Bayer Uerdingen denke (gemeint ist das 3:7 nach einer 3:1-Halbzeitführung im Rückspiel des Pokalsiegerwettbewerbs im März 1986, Anm. d. Red.). In entscheidenden Spielen haben wir oft nicht die notwendige Leistung gebracht. Noch nicht einmal gegen den FC Zürich oder Rapid Wien, weiß Gott keine allerersten Adressen. Manchmal wollten wir einfach zu viel und waren nicht locker genug. Oder unsere Nerven spielten nicht mit. Das zeigte, dass wir einfach keine europäische Spitzenmannschaft waren.

Gab es einen westdeutschen Klub, bei dem Sie gerne mal gespielt hätten?

Häfner: Ganz klar: Borussia Mönchengladbach! Sie spielten mit Netzer und Heynckes einen Fußball, wie ich ihn mir vorstellte. Kurioserweise war Günter Netzer in den siebziger Jahren sehr daran interessiert, dass ich zu ihm zu Grasshoppers Zürich wechsle, weil ich gut zu seinem Spiel passen würde. Er mit seinen langen und zentimetergenauen Pässen und ich mit meiner Schnelligkeit auf der rechten Seite – das hätte funktioniert.

Sie holten mit Dresden in den siebziger Jahren vier Meistertitel, doch zwischen 1979 und 1988 wurde plötzlich der BFC Dynamo zehnmal nacheinander Meister. Diese Siege galten auch als politisch gewollt, Schiedsrichter haben ihren Teil dazu beigetragen. Hatten Sie das Gefühl, dass damals manches nicht mit rechten Dingen zuging?

Häfner: Alle Mannschaften der DDR-Oberliga haben gespürt, dass dabei nicht alles mit rechten Dingen zuging. Man sollte allerdings nicht vergessen, dass der BFC Dynamo damals auch eine sehr gute Mannschaft hatte. Aus meiner Sicht hätte sie vielleicht sieben Titel unter regulären Bedingungen gewonnen, drei hatte sie den Schiedsrichtern zu verdanken.

Wie groß war Ihr Zorn darüber?

Häfner: Anfangs richtig groß. Das hat sich aber gelegt, weil der BFC international im Meistercup nie erfolgreicher war als wir zur gleichen Zeit im Pokalsieger-Wettbewerb. Wir hatten sie ja 1982, 1984 und 1985 dreimal in Pokalendspielen geschlagen. Da stand die ganze DDR hinter uns, selbst das Berliner Stadion der Weltjugend war zu 90 Prozent gelb-schwarz in den Dresdner Farben. Stasi-Minister Mielke hatte zuvor immer eine große Feier für das Double vorbereiten und dafür eigens Wimpel und Gläser mit der Double-Aufschrift fertigen lassen – und die mussten immer wieder eingestampft werden, weil wir das dreimal verhindert hatten (schmunzelt).

Bei einem Spiel in West-Berlin unterhielten Sie sich mit einem Spieler von Hertha BSC – gegen ausdrückliche Stasi-Anweisung. Waren Sie so selbstbewusst, dass Ihnen sogar die Stasi egal sein konnte?

Häfner: Bei Banketten wie in Berlin sollten wir uns immer bedeckt halten. Aber wenn einer wie Erich Beer aus Neustadt bei Coburg kommt und ich wenige Kilometer entfernt aus Sonneberg, dann habe ich es mir nicht nehmen lassen, mit ihm darüber zu sprechen. Das hatte für mich nichts mit Politik zu tun. Und da ist mir auch nie etwas passiert. Ich habe allerdings konkrete Angebote von ausländischen Klubs an den Vorstand gemeldet. Wie vom VfB Stuttgart oder Grasshoppers Zürich, die mich in Hotels ansprachen und verpflichten wollten. Sonst bestand die Gefahr, dass es mir so ergeht wie meinen Mitspielern Weber, Kotte und Müller, die deshalb verhaftet wurden und nie wieder Fußball spielen durften (den drei Nationalspielern wurde im Januar 1981 versuchte Republikflucht bzw. Unterstützung dazu vorgeworfen, weil angeblich ein Angebot des 1. FC Köln vorlag, Anm. d. Red.).

Anfang Februar werden Sie 64 Jahre alt. Sie haben viel durchgemacht in den letzten Jahren: Depressionen, ein Nierenleiden, Krebsdiagnose. Wie sind Sie mit all diesen Schicksalsschlägen umgegangen?

Häfner: Es begann, als ich Trainer von Dynamo Dresden war und in die Bundesliga aufgestiegen bin, doch direkt nach dem Aufstieg entlassen wurde. Das hat mir einen Knacks versetzt. Bis dahin war ich immer erfolgreich, meine sportlichen und privaten Leistungen wurden anerkannt. Dieser Erfolg wurde mir jedoch genommen – das habe ich nie richtig verkraftet. Ich litt danach unter manischen Depressionen und habe versucht, meine Probleme mit Alkohol zu therapieren. Seit 2007 bin ich „trocken“, das hat mir ein neues Lebensgefühl gegeben. Vor ein paar Jahren bekam ich dann Probleme mit den Nieren und auch mit der Prostata. Das war ein weiterer harter Schlag. Meine Werte sind jetzt zwar schlecht, aber seit zwei Jahren stabil. Ich versuche, positiv damit umzugehen.

Was machen Sie heute?

Häfner: Ich bekomme eine Invalidenrente, bin jedoch körperlich so weit okay, dass ich noch nebenbei in einer Reha-Einrichtung arbeiten kann. Zudem schreibe ich Kolumnen für die Dresdner Morgenpost über Dynamo. Mein Leben verläuft mit negativen Begleiterscheinungen, aber ich bin von Grund auf ein optimistischer Mensch und denke immer nach vorne.    



ZUR PERSON
Reinhard Häfner begann 1970 bei Rot-Weiß Erfurt in der Oberliga, der höchsten Spielklasse der DDR. Zwischen 1971 und 1988 absolvierte er insgesamt 366 Spiele für Dynamo Dresden. Mit den Elbestädtern wurde er 1973, 1976, 1977 und 1978 Meister. Zudem gewann er 1977, 1982, 1984 und 1985 den Pokal und stand in vier weiteren Pokalendspielen. Beim UEFA-Turnier 1970 wurde der Thüringer inoffizieller Junioren-Europameister. Im September 1971 bestritt er sein erstes von 58 A-Länderspielen. Im Europacup spielte der Mittelfeldstratege insgesamt 64 Partien. Nach seiner aktiven Laufbahn wurde Häfner Trainer bei Dynamo Dresden und gewann 1990 das Double. Ein Jahr später führte er die Dresdner in die Bundesliga, wurde aber nach Saisonschluss plötzlich entlassen. Später trainierte er den Chemnitzer FC in der 2. Bundesliga sowie den Halleschen FC.   (khan)

Interview: Klaus Hanisch, Foto: Dehli-News/Frank Dehlis

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