18. Februar 2019,

„Es gibt Schlimmeres!“

23. 10. 2014

Gestern gefeiert, heute arbeitslos: Seit dem Abstieg von Dynamo Dresden in die Dritte Liga sucht Filip Trojan einen neuen Verein und denkt über die Zeit nach dem Ende der Karriere nach

 

In den vergangenen 13 Jahren hat Filip Trojan für deutsche Klubs mehr als 200 Spiele in der ersten und zweiten Bundesliga bestritten. Doch die Zeit, in der der tschechische Offensivspieler in den Stadien gefeiert wurde, ist vorbei. Denn seit diesem Sommer teilt der 31-jährige Fußball-Profi das Los vieler seiner Kollegen: Trojan ist arbeitslos.

Welche Erklärung haben Sie dafür, dass Sie seit dem Sommer keinen neuen Klub gefunden haben?

Filip Trojan: Eigentlich keine. Nur die, dass es im letzten Sommer so eine Art Jugendwahn bei den Vereinen gegeben hat. Jung und günstig mussten die Spieler sein – und da kann ich nicht mithalten (lacht).

Gab es keine Angebote von Vereinen oder waren Sie zu anspruchsvoll?

Trojan: Doch, doch, es gab schon Angebote. Und ich war nicht zu anspruchsvoll. Aber es war nichts dabei, was interessant war oder was ich mir vorgestellt hatte. Jetzt warte ich halt immer noch.

Sie hätten Dynamo Dresden schon im Winter verlassen können. Hätten Sie nicht früher nach einem neuen Verein suchen müssen?

Trojan: Ich bin jemand, der seine Verträge bis zum Ende erfüllt. Wenn ich für zwei oder drei Jahre unterschreibe, dann bleibe ich auch so lange. Ich verlasse einen Klub auch nicht sofort, wenn ich nicht spielen kann. Ich hatte mich für Dresden entschieden und bin froh, dass ich dort drei Jahre war. Dass es am Ende so abläuft, hatte ich mir natürlich nicht vorgestellt. Ich dachte, ich bekomme in der Rückrunde noch eine ehrliche Chance. Aber wenn man immer wüsste, was kommt, dann wäre das Leben langweilig …

Waren Sie schon, wie jeder andere Arbeitslose, auf dem Arbeitsamt?

Trojan: Selbstverständlich. Es ist ganz normal, dass man dorthin geht, wenn man arbeitslos ist. Ich habe 15 Jahre lang sehr viel Geld eingezahlt. Und man muss sich nicht schämen, wenn man zum Arbeitsamt geht.

Sie bekommen auch Arbeitslosengeld?

Trojan: Richtig.

Wie geht Ihre Familie mit dieser ungewohnten neuen Situation um?

Trojan: Mein kleiner Sohn ist eineinhalb Jahre alt und freut sich, dass er mich jetzt so oft hat. Es ist zwar schade, dass ich gerade keinen Verein habe, aber dafür kann ich den ganzen Tag mit meiner Familie verbringen. Ich glaube, es gibt nichts Schöneres.

Jahrelang jubelten Ihnen Tausende in den Stadien zu, jetzt ist man plötzlich ganz allein. Nagt solch eine Situation am Selbstbewusstsein, bekommt man da auch Selbstzweifel?

Trojan: Es ist eine neue Situation, aber nicht so, dass ich jetzt durch die Gegend renne und den ganzen Tag weine. Ich muss glücklich sein, dass ich so lange Fußball spielen durfte. Jetzt steht halt die Familie an erster Stelle. Wenn man allerdings allein ist, kann es schon sein, dass so eine Situation schwierig ist.

Was machen Sie derzeit im Fußball: Klopfen Sie an jede Tür, gehen Sie von Stadion zu Stadion, rufen Sie bei Vereinen an?

Trojan: Ich war seit dem Sommer in überhaupt keinem Stadion mehr. Ich bin auch kein so verrückter Fußballer, dass ich mir jeden Tag oder jede Woche ein Spiel angucken muss, sondern – Gott sei Dank – das Gegenteil davon. Ich habe viele Leute angeschrieben oder angerufen. Aber es war eben nichts möglich. Jetzt hoffe, dass im Januar noch was geht. Ich bin sicher, das es noch Vereine gibt, die sich freuen würden, wenn sie mich in ihrer Mannschaft hätten.

Haben Sie in Deutschland oder auch im Ausland gesucht? Ist ein Engagement bei einem Klub in der tschechischen Liga eine Alternative?

Trojan: Auf jeden Fall. Ich suche auch in Tschechien, eigentlich fast überall. Ich würde natürlich gerne in Deutschland bleiben, aber dort geht es, wie gesagt, jetzt in eine andere Richtung. Als ich dort angefangen habe, war noch Erfahrung das Wichtigste. Mal sehen, was kommt.

Sie sind erst 31 Jahre alt. Fürchten Sie, dass Ihre Profi-Karriere schon jetzt zu Ende geht?

Trojan: Ich würde mich freuen, wenn ich noch ein paar Jahre spielen könnte. Aber irgendwann muss eine Karriere zu Ende gehen. Es gibt Schlimmeres im Leben! Ich bin froh, dass ich 13 Jahre lang Profi war. Das schaffen nicht viele. Aber man überlegt schon, wie es dann weitergehen wird.

Haben Sie schon Pläne fürs Karriereende, etwa einen Beruf, den Sie ausüben könnten?

Trojan: Es gibt sicher ein paar Möglichkeiten, die man mit 31 noch machen kann. Aber mir geht es wie vielen: Wenn man fast das ganze Leben im Fußball verbracht hat, dann will man auch dort bleiben. Ich kann mir zwar noch nicht vorstellen, dass ich irgendwann Trainer werde, aber es wird wohl in diese Richtung gehen. Wenn man ehrlich ist, muss man zugeben, dass man auch nichts anderes kann beziehungsweise einfach zu lange im Fußball war.

Hat ein Profi wie Sie nach so vielen Jahren im bezahlten Fußball finanziell ausgesorgt?

Trojan: Was heißt ausgesorgt? Wie viel braucht man zum Leben? Ich bin keiner, der mit einem Porsche unterwegs ist oder ein Haus irgendwo am See hat. Ich bin ganz bodenständig geblieben. Für das normale Leben hat man natürlich ein bisschen Geld gespart. Aber es ist auch völlig egal, wie viel man bisher verdient hat, denn ich will ja nun nicht das ganze Leben zuhause verbringen und nichts mehr machen. Ich will trotzdem weiter arbeiten. Wenn ich tatsächlich aufhören müsste, kommt sicher etwas, das mir Spaß macht. Vielleicht mache ich einen Kindergarten auf und kümmere mich weiter den ganzen Tag um meinen Sohn …

Sie sind 1999 schon mit 16 Jahren aus Prag nach Deutschland gekommen. Es gab auch ein Angebot aus Spanien. Warum damals Deutschland?

Trojan: Das weiß ich gar nicht mehr. Wahrscheinlich haben es damals andere Leute für mich entschieden. Ich weiß nur noch, dass das spanische Angebot damals für eine Woche galt. Aber in Deutschland ist alles ein bisschen besser und geregelter als anderswo. Ich bin froh, dass ich diesen Schritt getan habe. Er war gut fürs Leben und es ist auch gut, wenn man eine zweite Sprache kann. Ich habe es mir allerdings am Anfang einfacher vorgestellt.

Sie konnten kein Deutsch, verletzten sich bald und bezeichneten die ersten drei Monate als die schlimmsten in Ihrem Leben. Warum sind Sie dennoch so lange in Deutschland geblieben?

Trojan: Ja, das waren tatsächlich die schlimmsten Monate meines Lebens! Ich hatte nicht viele Kontakte nach Hause, es gab noch kein richtiges Internet, mit meinem ersten Handy konnte ich nicht viel telefonieren. Das Heimweh war anfangs schon riesig und ich bin auch für ein paar Wochen wieder nach Hause gefahren. Aber ich sagte mir: Da musst du durch! Denn ich spürte schon, wenn ich diese Anfangszeit meistern kann, dann wird sich das auszahlen.

Schalke, St. Pauli, Dresden – Sie haben für d i e deutschen Kultklubs gespielt. War das Zufall oder Absicht?

Trojan: Irgendwie beides (lacht). Mir hat es immer gefallen, bei solchen Vereinen zu spielen. Hauptsache, das Stadion ist voll und laut – das war mir immer wichtig. Und die lautesten Vereine habe ich mit St. Pauli und Dresden gehabt.

Gibt es eine gemeinsame Formel für Kult?

Trojan: Bei St. Pauli gab es in meiner Anfangszeit noch keinen VIP-Bereich. Es war schön, sich im Keller umzuziehen, nur auf einer ganz alten Bank. Wir hatten nur eine Dusche, glaube ich. Oder wir zogen uns im Schwimmbad daneben um. Die Leute kamen von der Reeperbahn direkt ins Stadion. Jetzt ist auch dort alles ein bisschen kommerzieller.


Das Gespräch führte Klaus Hanisch.



In der tschechischen Liga spielte Trojan nie
Filip Trojan stammt aus Třebíč, begann seine Karriere bei der heimischen Slavia und wechselte anschließend zu Slavia Prag. Talentsucher von Schalke 04 wurden bei der U-16-Europameisterschaft auf den Jugendnationalspieler aufmerksam und verpflichteten ihn 1999 zunächst für ihr Juniorenteam. Nach fünf Jahren auf Schalke ging Trojan 2004 zum VfL Bochum und 2007 zum FC St. Pauli. Dort überzeugte er, weshalb sich Bundesligaaufsteiger FSV Mainz 05 ab 2009 seine Dienste sicherte, ihn jedoch ein Jahr später an den Zweitligisten MSV Duisburg auslieh. Im Juli 2011 schloss sich der Tscheche Dynamo Dresden an und absolvierte in seinem ersten Jahr die meisten Einsätze. Doch im letzten Sommer wurde sein Vertrag nicht mehr verlängert. Trojan bestritt sechs Partien im Uefa-Cup, 61 Einsätze in der Bundesliga und 168 Spiele in der Zweiten Liga. Mit Ausnahme der U-20-Auswahl spielte er für alle tschechischen Junioren-Mannschaften von der U 15 bis zur U 21.   (khan)

Foto: ČTK/imago sportfotodienst

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