16. November 2018,

„Aus Tschechien kam ja nie eine Einladung“

09. 01. 2013

Deutscher U20-Torhüter mit tschechischer Ausbildung: Ein Interview mit Patrick Rakovsky

Patrick Rakovsky hat einen außergewöhnlichen Lebenslauf. Er wurde am 2. Juni 1993 in Deutschland geboren (Olpe/Sauerland) und zog als Fünfjähriger mit seiner Familie nach Tschechien, in die Heimat seines Vaters. Dort spielte er in Schüler- und Jugendmannschaften von drei Prager Traditionsklubs. Seit Juli 2011 ist Rakovsky Profi beim 1. FC Nürnberg. Der 19-Jährige gilt als eines der größten Torhüter-Talente Deutschlands.

Torhüter und Linksaußen gelten im Fußball als eigentümliche Persönlichkeiten. Bestätigt wird das durch Namen wie Kahn, Lehmann, Stein oder Schumacher. Haben Sie bei sich auch schon „Macken“ entdeckt?
Rakovsky: Ich brauche nicht für jedes Spiel das gleiche T-Shirt oder ganz bestimmte Socken. Doch Torhüter sind sicher Einzelkämpfer. Sie müssen zum Beispiel den Mut haben, sich bei einem Eckball gegen mindestens ein halbes Dutzend Gegner zu behaupten. Schon deshalb muss ein Torwart nicht nur abgehärtet sein, sondern auch ein bisschen verrückt.

Nicht alltäglich war sicherlich, dass Sie als Jugendlicher für Dukla, Slavia und gleich zweimal für Sparta Prag spielten. Wie kam es dazu und warum wechselten Sie so oft?
Rakovsky: Mein Vater arbeitete damals in Tschechien und meldete mich bei Dukla Prag an. Als Fünfjähriger habe ich mit Jugendlichen gespielt, die zwei, drei Jahre älter waren, weil es meine Jugendklasse überhaupt nicht gab. Auch bei Sparta habe ich noch mit Älteren gespielt. Dann ging ich zu Slavia, aber nur für ein halbes Jahr, weil es mit der Schule nicht funktioniert hat. Ich hatte bis zwei Uhr Unterricht, doch das Training begann schon um halb drei, das habe ich nicht geschafft. Daher bin ich wieder zurück zu Sparta.

Wollten Sie schon immer als Torhüter spielen?
Rakovsky: Ja, ich wollte immer ins Tor. Ich wollte früher nicht so viel laufen und mich als Kind gerne im Schlamm wälzen…

In Prag trainierten Sie drei Jahre lang privat und auf eigene Kosten mit dem ehemaligen tschechischen Nationaltorhüter und WM-Teilnehmer von 1982 Zdeněk Hruška. Was haben Sie von ihm gelernt?
Rakovsky: Ich hatte oft zwei-, dreimal in der Woche ein spezielles Torwart-Training mit ihm. Ich habe ihm viel zu verdanken. Wenn man mit einem ehemaligen Nationaltorhüter trainiert und dann noch allein, lernt man natürlich mehr. Vor allem die Grundtechniken habe ich bei ihm gelernt: Übergreifen, Rauslaufen, Abschläge. Weiterentwickelt habe ich mich dann überall, ob bei Sparta, auf Schalke oder nun in Nürnberg.

Etwas Besonderes war auch, dass Sie Ihren ersten Bundesliga-Einsatz im August 2011 ausgerechnet in Dortmund absolvierten, vor fast 80.000 Zuschauern. Und kürzlich spielten Sie bei Ihrem Ex-Klub Schalke vor mehr als 60.000 Zuschauern. Belasten Sie solche Kulissen mit meist gegnerischen Fans?
Rakovsky: Dass ich ausgepfiffen wurde, habe ich im Spiel gar nicht gemerkt. So etwas bemerkt man nur, wenn ein Ball mal ins Aus geht oder ein Spielerwechsel stattfindet, und auch dann nur am Rande. Natürlich ist es etwas Besonderes, vor solch einer großen Kulisse zu spielen. Zehn Jahre lang habe ich Bundesliga im Fernsehen geschaut und davon geträumt, mal vor dieser berühmten Südkurve in Dortmund zu spielen. Vor allem, als wir noch in Prag lebten.

Sie verfolgten also schon bald und sehr konkret das Ziel, Profi-Fußballer zu werden. Hat Zdeněk Hruška dazu geraten?
Rakovsky: Mir hat er nichts gesagt. Aber ich denke schon, dass mein Vater ihn gefragt hat, ob ich es schaffen kann oder nicht. Keine Ahnung, was er geantwortet hat. Aber mit sieben oder acht Jahren kann man schon sagen, ob einer genug Talent dafür hat, auch wenn es natürlich keine 100-prozentige Sicherheit gibt.

Bei Ihrem Debüt waren Sie der drittjüngste Torwart in der Geschichte der Bundesliga. Auch deshalb rechnet man Sie zur Generation der vielen hoffnungsvollen deutschen Torhüter. Wie nah dran sind Sie an ter Stegen, Leno, Baumann und den anderen, die kaum älter als Sie und in ihren Klubs schon Stammkeeper sind?
Rakovsky: Je öfter man Bundesliga spielt, desto erfahrener wird man. Der Abstand zu den anderen ist noch groß, aber mit jedem Spiel komme ich ihnen näher. Natürlich guckt man auf sie, am meisten auf ter Stegen, weil ich gegen ihn schon mit der Schalker Jugend gespielt habe. Da sagt man sich schon, der war doch damals gar nicht so weit weg.

Wie lange dürfen und können Sie sich unter diesem Aspekt mit der Rolle eines Ersatztorwarts zufriedengeben? In den letzten Wochen vertraten Sie den verletzten Stammtorhüter Raphael Schäfer und bekamen viel Lob dafür.
Rakovsky: Natürlich will man spielen! Ich versuche, meine Leistung zu bringen und  mich immer weiter zu entwickeln, speziell bei Flanken und hohen Bällen in den Strafraum. Dafür bietet Nürnberg ein super Umfeld. Mannschaft, Trainerstab, nirgendwo wäre es derzeit besser für mich. Ob ich schon morgen wieder spiele oder erst in drei Jahren, entscheidet der Trainer.

Und diese Zeit geben Sie sich? Zumal  Nürnberg gerade ihren Vertrag vorzeitig um ein weiteres Jahr bis 2015 verlängert hat.
Rakovsky: Ich denke, in Zukunft baut man hier auf mich. Das hat Nürnberg mit der Vertragsverlängerung auch gezeigt.

Sie bezeichnen den tschechischen Nationaltorwart Petr Čech als Ihr Vorbild. Warum gerade ihn?
Rakovsky: Čech hat früher auch für Sparta gespielt, das war sicher ein Grund dafür. Er schaffte es dann bis zu einem der besten Torhüter der Welt, also wollte ich auch so sein wie er. Seine Ausstrahlung, seine Abschläge und Reflexe – man kann sich eigentlich alles von ihm abgucken. Auch wenn sich mein Stil zuletzt etwas geändert hat, mehr hin zu einem mitspielenden Torwart wie Neuer oder Casillas.

Wenn Čech schon Ihr Vorbild war, haben Sie dann auch mal überlegt, eines Tages in seine Fußstapfen zu treten und für die tschechische Nationalelf zu spielen, zumal bei der großen Konkurrenz an starken deutschen Torhütern?
Rakovsky (lacht): Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht.

Tatsächlich?
Rakovsky: Es kam ja nie etwas aus Tschechien. Ich wurde immer nur vom DFB eingeladen.

Sie standen für alle deutschen Nationalteams von der U15 bis zur U19 im Tor und absolvierten vor kurzem Ihr erstes Spiel in der U20-Auswahl. Hat man da nicht zwangsläufig den Ehrgeiz, auch für eine A-Nationalelf aufzulaufen?
Rakovsky: Man denkt manchmal daran, dass es geil wäre, irgendwo Nationaltorhüter zu sein. Aber mein vorrangiges Ziel ist, mich in der Bundesliga zu etablieren. Außerdem habe ich nur die deutsche Staatsbürgerschaft. Die tschechische müsste ich erst beantragen. Ich bin in Deutschland geboren und habe hier alle U-Mannschaften durchgespielt, daher findet meine fußballerische Karriere hier statt.

Ihr tschechischer Vereinskollege Adam Hloušek ist erst 24 Jahre alt und kuriert gerade seine zweite schwere Knieverletzung aus. Auch Sie mussten nach nur zwei Bundesliga-Einsätzen am Finger operiert werden. Hat man in solchen Momenten Angst, dass plötzlich die ganze Karriere vorbei sein könnte?
Rakovsky: Ich hatte Glück, dass ich nur den Finger gebrochen hatte und lediglich zehn Wochen pausieren musste.

Ihr Ex-Trainer Dieter Hecking sagte voriges Jahr im Gespräch mit der „Prager Zeitung“, dass ein Finger für einen Torhüter immer ein Problem ist.
Rakovsky (zeigt seinen linken Zeigefinger): Schwierig dadurch, dass er ein wenig zersplittert war. Er ist jetzt ein wenig dick und ich kann ihn nicht mehr voll bewegen, aber das hindert mich nicht. Ein Kreuzbandriss wie bei Hloušek ist was Schlimmeres, aber auch da kommt eigentlich noch kein Gedanke ans Karriere­ende, weil man sich sagt, das hat möglicherweise jeder von uns mal und jeder kommt zurück. Aber mehr als einen Fingerbruch hatte ich auch noch nie.

Bauen Sie sich trotzdem ein zweites Standbein neben dem Profi-Fußball auf?
Rakovsky: Ich habe nach der 11. Klasse mit der Schule aufgehört, auch weil ich nach Nürnberg gezogen bin. Ich probiere es jetzt ganz mit dem Fußball. Sollte ich merken, dass ich keine Chance habe, Bundesliga-Torwart zu werden, dann würde ich das Abitur nachholen oder eine Ausbildung machen. So wäre es auch, wenn ich eine ernsthafte Verletzung bekäme oder mit einem Schlag nur noch schlecht spielen würde. Auch dann muss es ja irgendwie weitergehen. Das ist mit meinen Eltern auch so abgesprochen. Für sie ist das ja auch eine Belastung. Es gibt so viele Beispiele von jungen Spielern, die hochkommen und nach einem Jahr wieder nirgendwo sind.

Man wirft deutschen Fußballern derzeit vor, von Vereinen und Umfeld „überversorgt“ zu werden. Ist der Vorwurf gerechtfertigt, wird Ihnen auch Unselbständigkeit antrainiert?
Rakovsky: Man hat doch nur eine Aufgabe. Und die soll man gut machen. Ein Koch braucht auch keine Betten zu machen, er muss kochen. Wir sollen gut Fußball spielen, und man macht alles dafür, dass wir gut Fußball spielen. Und das kann man am besten, wenn man keine Sorgen hat und sich nicht fragen muss: Oje, klappt dieses, ist jenes in Ordnung – sondern wenn man auf den Platz mit freiem Kopf gehen und einfach spielen kann.

Oft wird auch ein Mangel an Führungspersönlichkeiten und „Typen“ in den Mannschaften beklagt. Was fehlt Ihnen noch dazu, ein „Typ“ zu werden?
Rakovsky: Ich versuche, von hinten zu coachen – meine Vierer-Kette und die Mittelfeldspieler. Ich kann natürlich nicht mehr wie in der Jugend von hinten die Stürmer anschreien. Ich denke, dass ich dabei auf einem guten Weg bin, weil es schon früh von mir gefordert wurde.

Und das funktioniert sogar mit einem „alten Hasen“ wie dem früheren argentinischen Nationalspieler Javier Pinola, der schon seit 2005 beim 1.FC Nürnberg verteidigt?
Rakovsky: Pino hat natürlich gefühlt 500 Spiele mehr als ich. Aber wenn ich ihm sage, dass hinter seinem Rücken ein Gegner wegläuft, freut er sich genauso wie ich, wenn er mich darauf hinweist, dass ich ruhiger machen soll. Auf dem Platz hilft jeder jedem und jeder nimmt gerne alles an.

Sie sind mit 19 Jahren auf dem besten Weg, ein Star zu werden. Ist der wachsende Ruhm mehr Belastung oder Freude?
Rakovsky: Ich versuche selbst, nicht im Mittelpunkt zu stehen und verlockt zu werden. Das hilft mir sehr. Dann habe ich Familie und Freunde, die mich auf dem Boden halten. Ebenso Berater und Trainer. Natürlich habe ich mich riesig darüber gefreut, dass mich die Zuschauer in meinen Bundesliga-Spielen angenommen haben. Und Autogramme schreibe ich gerne, wenn ich darauf angesprochen werde. Aber ich kann in Nürnberg noch immer durch die Fußgängerzone laufen, ohne erkannt zu werden. Letztlich sehe ich nicht anders aus als 20.000 andere Jugendliche auch.

Um ein Großer zu werden, muss ein Fußballer auf Disziplin achten: keine langen Disco-Nächte, keine Hamburger, keinen Alkohol. Beschleicht Sie manchmal das Gefühl, für dieses Ziel einen wichtigen Teil Ihrer Jugend zu opfern?
Rakovsky: Die Disco-Zeit beginnt ungefähr mit 15, damals war ich im Schalker Internat und von sieben Uhr morgens bis abends um neun Uhr mit Schule und Training unterwegs. Am Wochenende waren die Spiele. Daher hatte ich schon in der Jugend keine Lust dazu, abends weg zu gehen. Ich bin eher ein ruhiger Typ. Meine Freundin hat damit auch kein Problem. Es hat mich nie groß gereizt, deshalb habe ich auch nichts verpasst. Im Gegenteil: Wenn andere sich volllaufen ließen, habe ich trainiert. Das zahlt sich jetzt aus. Andere müssen täglich arbeiten gehen, ich darf ein-, zweimal am Tag trainieren.

Wie sehr trifft Sie Kritik – Ansporn oder Beleidigung?
Rakovsky: Ich weiß selbst, dass ich gegen Wolfsburg gut gespielt habe und gegen Mainz nicht. Man kommt nicht umhin, Kritik zu lesen, aber man darf sich davon nicht zu sehr beeinflussen lassen, positiv wie negativ. Wichtig ist, wie es der Trainer sieht.

Fahren Sie noch ab und zu nach Tschechien?
Rakovsky: Immer wenn ich meine Verwandten besuche. Sie leben im Großraum von Prag.


Das Gespräch führte Klaus Hanisch in Nürnberg.




Zur Person
Der 1,87 Meter große und 82 Kilogramm schwere Torhüter spielte nach Stationen bei kleineren deutschen Klubs für Dukla Prag (1999–2000), Sparta Prag (2000–2003, 2004–2007) und Slavia Prag (2003–2004). Mit der U15 von Sparta wurde Patrick Rakovsky Tschechischer Meister (2007). Dann wechselte er zum FC Schalke 04 (2007–2011), wo er im Jahr 2008 Westdeutscher U15-Meister wurde. Rakovsky hütete in alle deutschen Auswahlmannschaften von der U15 bis zur U20 das Tor und absolvierte insgesamt 14 Länderspiele. In diesem Jahr zeichnete ihn der DFB mit der Fritz-Walter-Medaille in Bronze als einen der besten Nachwuchsspieler in seiner Altersklasse aus.  



An Deutschland gebunden
Kann Patrick Rakovsky noch für die tschechische A-Nationalelf spielen, obwohl er bereits in deutschen Nachwuchsmannschaften eingesetzt wurde? Prinzipiell ja, sagt der Weltfußball-Verband FIFA. Nach seinen Statuten ist ein Wechsel der Nationalmannschaft bis zum 21. Geburtstag möglich, wenn ein Spieler bis dahin nur Freundschaftsspiele für ein Land absolviert hat. „Ich glaube, ich muss mich vor meinem ersten Pflichtspiel für die U21 entscheiden“, meinte der 19-jährige Rakovsky im Gespräch mit der „Prager Zeitung“, „und vielleicht kommt ja irgendwann noch mal was aus Tschechien.“ Doch die FIFA schränkt ein: Hat ein Spieler bereits ein „offizielles Junioren-Länderspiel“ für ein Land bestritten und erst danach die Nationalität eines anderen Landes erhalten, ist er nicht mehr wechselberechtigt. Solche offiziellen Spiele sind Länderspiele bei einer WM oder EM, aber auch Qualifikationsspiele für diese Turniere. Auf Nachfrage der „Prager Zeitung“ erklärte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) nun, dass „für Rakovsky kein Wechsel mehr zum tschechischen Fußball-Verband möglich ist, da er zum Zeitpunkt des ersten offiziellen Wettbewerbsspiels nicht im Besitz der tschechischen Staatsbürgerschaft gewesen ist.“ Dieses offizielle Spiel war für Rakovsky eine EM-Qualifikationspartie in der deutschen U19-Auswahl. Die einzige Möglichkeit für Rakovsky dennoch zu wechseln, wäre laut FIFA, dass ihm die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen würde. Dann könnte er noch für Tschechien spielen, sofern er dessen Staatsbürgerschaft besitzt.

Foto: 1.FCN

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