27. Mai 2016,

Alles unter Kontrolle

01. 12. 2015

Die Dokumentation „Matrix AB“ beleuchtet das Politik-Phänomen Andrej Babiš

Was ihn von anderen Politikern unterscheide? „Ich wollte nie Politiker werden“, sagt Andrej Babiš, Unternehmer und Finanzminister, Vizepremier und Vorsitzender der Bewegung ANO. Als politische Partei betrachten sich deren Mitglieder nicht, obwohl ANO (Akce nespokojených občanů, auf Deutsch: Aktion unzufriedener Bürger) als solche registriert ist und es seit der Gründung im Jahr 2011 bis in die Regierungskoalition geschafft hat.

Den Höhenflug verdankt ANO vor allem Babiš, dem unangefochtenen Anführer und Geldgeber der Bewegung. Der Filmemacher Vít Klusák hat den gebürtigen Slowaken über einige Monate mit der Kamera im Wahlkampf, bei Empfängen und auch privat begleitet. Das Ergebnis ist „Matrix AB“, eine Dokumentation in Spielfilmlänge für das Format „Český žurnál“ des Tschechischen Fernsehens.

Der Film beginnt mit einer Privatvorführung des Materials für den Protagonisten. Klusák warnt ihn vor: „Es gibt Dinge, die Sie ärgern werden.“ Babiš gibt sich entspannt. Er ist es gewohnt, alles unter Kontrolle zu haben, wie die kommenden 70 Minuten zeigen werden. Klusák scheut sich nicht davor, der tschechischen Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten, auch dort, wo die Details hässlich werden. In der Dokumentation „Český sen“ (Tschechischer Traum) inszenierte er mit seinem Kollegen Filip Remunda vor elf Jahren die Eröffnung eines Einkaufszentrums, mit dem Ziel, das tschechische Konsumdenken zu entlarven. 3.000 Menschen kamen, um sich die angepriesenen Sonderangebote zu sichern, nur um vor Ort herauszufinden, dass die Front des Hypermarkts lediglich Fassade war. Andrej Babiš hätte sich denken können, dass Klusák und sein Team kein PR-Video für ihn und seine politische Bewegung drehen würden.

„Unfähig zum Kompromiss“
Als „Wendepunkt in der post-kommunistischen Geschichte des Landes“ beschrieb das Magazin „Foreign Policy“ im April dieses Jahres den Aufstieg des Mannes, dessen Vermögen vom Wirtschaftsmagazin „Forbes“ auf 2,4 Milliarden Dollar geschätzt wird. Andere sprechen von einer „Berlusconisierung“ der tschechischen Politik. Der Vergleich bezieht sich auch darauf, dass Babiš wie der ehemalige italienische Ministerpräsident kräftig in Medienunternehmen investiert hat. Gleich zwei auflagenstarke Tageszeitungen sowie mehrere Internetportale gehören zum Verlagshaus Mafra, das Babiš im Juni 2013 kaufte. Viele Journalisten sahen ihre Unabhängigkeit gefährdet und kündigten. Eine direkte Einflussnahme auf Inhalte bestreitet Babiš. Allerdings nicht die Tatsache, dass er mit István Léko, Chefredakteur der zu Mafra gehörenden Tageszeitung Lidové noviny, regelmäßig Tennis spielt.

Babiš wollte nicht nur nie Politiker werden. In „Matrix AB“ erscheint er als grundsätzlich unpolitische Person. Seine Kommentare zur politischen Weltlage bei einem offiziellen Empfang zeugen von Unkenntnis und Desinteresse, schnell wechselt er das Thema. An anderer Stelle bekundet er Bewunderung für den ungarischen Premier Viktor Orbán und bedauert, dass in Tschechien keine ungarischen Verhältnisse herrschen. „Alles muss hier in Kommissionen diskutiert werden, ein Unsinn ist das“, ist noch zu hören, bevor er sich des Mikrofons von Klusáks Filmteam entledigt.

Als „unfähig zum Kompromiss“ bezeichnet den Vizepremier im Film Jan Kasl, ehemaliger Prager Oberbürgermeister, der bei den Kommunalwahlen im vergangenen Jahr für ANO antreten sollte, sich schließlich aber von der Partei distanzierte. „Andrej Babiš ist kein Demokrat“, sagt Kasl. Das ändert nichts an der Tatsache, dass der Finanzminister die Ranglisten der beliebtesten Politiker in Tschechien anführt. Sein Versprechen, den Staat wie ein Unternehmen zu führen, kommt bei den Wählern an. Klusák ist mit der Kamera dabei, wenn Rentner und Jugendliche sich mit dem Vizepremier wie mit einem Popstar fotografieren lassen; er filmt, wie ihm nach einem Auftritt Bücher mit seinem Konterfei auf dem Cover aus den Händen gerissen werden.

Wahlkampf und Marketing
Die Grenze zwischen Politik und Unternehmertum verschwimmt bisweilen, wie im Film in mehreren Szenen gezeigt wird. Bei einer Wahlkampfveranstaltung von ANO laden Firmen, die zu Babišs Konzern Agrofert gehören, Kinder und ihre Eltern zum Backen, Spielen, Verköstigen ein. „Das ist doch ganz normales Marketing“, sagt eine Mitarbeiterin am Stand, irritiert von den kritischen Nachfragen der Filmemacher. Problematisch fände sie das nicht. Bei einem Botschafter-Empfang im Ressort „Čapí hnízdo“ („Storchennest“) kündigt der Finanzminister an, sich mit „meinen Kollegen in der Regierung“ um baldige Investitionen in die Infrastruktur rund um das Areal mit Hotel, Ökofarm und Restaurant zu kümmern. Bis jetzt habe es keinen Autobahnanschluss. Dass sich Babiš im Film selbst als Erfinder des Projekts bezeichnet („Willkommen auf der Farm Čapí hnízdo. Ich glaube, das ist das beste Projekt, das ich mir jemals ausgedacht habe.“), könnte nun jedoch Konsequenzen haben. Das Online-Magazin Echo24 berichtete in der vergangenen Woche, dass wegen des Verdachts auf Subventionsbetrug im Zusammenhang mit „Čapí hnízdo“ eine anonyme Anzeige gegen Babiš eingegangen sei.   

Klusák stellt Babiš im Film keine Fragen, sondern lässt ausgewählte Szenen aus dem Alltag des Vizepremiers für sich sprechen. In Interviews kommen Kritiker und Unterstützer zu Wort. Am Ende fühlt sich Babiš falsch dargestellt. „Ein super Tiefschlag, Herr Klusák, ich gratuliere“, kommentiert er die Vorführung.


Matrix AB ist in der Mediathek von Česká televize abrufbar

Text: Katharina Wiegmann, Foto: Český žurnál/Česká televize

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