Mittwoch, 20. August 2014

Kommentar: Der gehetzte Hetzer

03. 10. 2012

Plastikkugeln sollten Präsident Klaus zur Selbstreflexion anregen

Wenige Monate vor seinem Abschied von der Burg sieht man in den tschechischen Medien das Konterfei von Václav Klaus, wohin man nur blickt. Wenn er nicht gerade gegen die Regierung Nečas wettert oder aus heiterem Himmel Unterschriften zu grundlegenden Reformpaketen des Kabinetts verweigert, dann belehrt der Wirtschaftsprofessor die Vereinten Nationen. Sein völlig unangebrachter Vergleich Syriens mit der sich teilenden Tschechoslowakei und der Rat, man solle das durch den Bürgerkrieg verwüstete Land seinem Schicksal überlassen, trieb so manchem Beobachter in seinem Heimatland die Schamesröte ins Gesicht. Ein Glück nur, dass Klaus’ Ratschlägen außer in den tschechischen Medien keinerlei Aufmerksamkeit zuteil wurde. Um die Menschen weltweit auf sich aufmerksam zu machen, muss Klaus schon tiefer in die PR-Trickkiste greifen. Sein bislang größter Medien-Coup: Der legendäre Füllfeder-Klau beim Staatsbesuch in Chile. Hunderttausende Klicks auf der Internet-Video-Plattform „You Tube“ konnte Klaus damals auf sein Konto verbuchen. Das Gaspistolen-„Attentat“ von Chrastava könnte nun zu einem ähnlichen Schlager werden. Auch wenn die Fernsehmoderatoren weltweit ihre Köpfe diesmal über die Untätigkeit von Klaus’ Leibwache schütteln. Man stelle sich vor: Ein gänzlich in Tarnkleidern gehüllter Mann nähert sich US-Präsident Obama und zückt eine Plastikpistole. Sicherlich würde er nicht auf den eigenen Beinen in ein Polizeiauto befördert – von einer Zigarette und einem Pläuschchen mit Journalisten ganz zu schweigen.

Grundsätzlich gilt: Das Erheben einer Waffe gegen eine Person des öffentlichen Lebens – egal ob eine aus Plastik oder Stahl – ist aufs Schärfste zu verurteilen. Zu verurteilen ist jedoch auch die Reaktion von Václav Klaus. Dessen Rede vom ersten Attentat auf ein Staatsoberhaupt in der Geschichte seines unabhängigen Landes ist maßlos übertrieben. Erklärte der Airsoft-Schütze doch, er habe die Nähe zu einem Ziel gesucht um sicher zu gehen, niemanden zu verletzen. Und wenn der Präsident sagt, dass sich die Gesellschaft in einem schlechten Zustand befände und zu solchen Taten aufgehetzt würde, dann sollte er konkrete Namen nennen. Ist es doch gerade Václav Klaus, der für seine Polemik und kompromisslose Kritik gegen alles bekannt ist, was nicht in die neoliberale Klaussche Weltsicht passt. So bleibt der Anschein, dass gerade das „ältere Väterchen“ der tschechischen Politszene – so hat sich Klaus unlängst selbst bezeichnet – zu denjenigen gehört, die die Bevölkerung auf Übergriffe gegen das Staatsoberhaupt aufhetzen.

Text: Martin Nejezchleba, Foto: APZ

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