21. November 2018,

Grande Dame der TV-Unterhaltung

Ruth Maria Kubitschek in einer Talkshow des ZDF, 2011  © Udo Grimberg, CC BY-SA 3.0

19. 08. 2018

Sie ist einer der letzten großen deutschen Filmstars mit vielen unvergesslichen Rollen. Eine Hommage an Ruth Maria Kubitschek, die oft ihre Kindheit in Böhmen beschrieb

 


Von Klaus Hanisch



Nein, keine Laudatio mehr. Nicht eine einzige Zeile zu ihrem Geburtstag im Internet. Vor wenigen Tagen wurde Ruth Maria Kubitschek 87 Jahre alt und kein Medium hat ihr dazu noch gratuliert. Dazu trug sie selbst bei. Die renommierte Schauspielerin, im nordböhmischen Komotau (Chomutov) geboren, zog sich kürzlich aus der Öffentlichkeit zurück – nach mehr als fünf Jahrzehnten im grellen Rampenlicht.

Man würde sich nicht wundern, wenn sie öfter mal mit Frau von Kubitschek angesprochen worden wäre. Denn vor allem als Adelige feierte Ruth Maria Kubitschek enorme Erfolge. Sie war die Verlegerin Friederike von Unruh in „Kir Royal“ und die Antiquitätenhändlerin Annette von Soettingen in „Monaco Franze“. Diese beiden TV-Serien, die seit mehr als 30 Jahre beständig von ARD-Sendern wiederholt werden, bezeichnete die Schauspielerin selbst als Höhepunkte ihrer Karriere – obwohl sie in mehr als 200 Kino- und Fernsehfilmen spielte.

Ruth Maria Kubitschek an der Seite von Helmut Fischer in "Monaco Franze - Der ewige Stenz"   © BR/balance-film

Unvergesslich bleibt ihre Rolle als „Spatzl“ in der „Monaco“-Serie, etwa in der Folge „Aschermittwoch“. Nachdem ihr Ehemann, der ewige Schwerenöter Franz Münchinger, nach durchzechten Nächten im Münchner Fasching endlich heimgekehrt ist, findet er zu seiner großen Überraschung seine sittsame Frau nicht vor. Zu Mittag trifft Ruth Maria Kubitschek endlich ein und trägt ein blau-weißes Matrosen-Oberteil, das nur eine Schulter bedeckt. Verkehrte Welt. Münchinger, der „Monaco Franze“, starrt entgeistert auf seine Gattin. Zumal sie den Fasching stets bei langweiligen barocken Kostümbällen mit klassischer Musik zu verbringen pflegte.

Der folgende Dialog ist legendär: „Du hast ja ein ganz anderes Kostüm an“, sagt der Monaco. „Ich weiß, Liebling“, entgegnet sie. „Wo hast du denn das her?“, will er wissen. „Ich weiß nicht, Liebling“, antwortet sie. Und ihr ebenso hintergründiges wie erotisches Lächeln verrät, dass sie eine nicht sehr sittsame Nacht hinter sich hat. Auch wenn sie vorgibt, von nichts mehr zu wissen.

Dass Ruth Maria Kubitschek aus Böhmen stammt, war zumindest in Kollegenkreisen nicht unbekannt. „Das hatte mir ihr Lebenspartner Wolfgang Rademann erzählt“, erwähnte Dietrich Mattausch kürzlich in einem Interview mit der „Prager Zeitung“. Er wurde vor dem Krieg im böhmischen Leitmeritz (Litoměřice) geboren und spielte mit Kubitschek in dem Stück „Im Schatten der Angst“. Er hätte sich bei dieser Gelegenheit gerne mit ihr über die alte Heimat ausgetauscht. Doch „beim Film hat man wenig Zeit für private Gespräche, jeder muss sich um seinen Part kümmern“, berichtete uns der renommierte Schauspieler.

Ruth Maria Kubitschek schuf neben der Schauspielerei eine Vielzahl von Gemälden und schrieb Bücher. Leider keine Memoiren. Damit begonnen hatte sie jedoch schon vor einigen Jahren, nachdem sie im Nachlass ihrer verstorbenen Schwester Notizen über ihre Mutter fand, dazu alte Fotos, Totenscheine, Dokumente. Brigitta hatte auch über die alte Heimat geforscht. Komotau, wo Ruth Maria Kubitschek als erstes von fünf Kindern von Anton und Maria Theresia Kubitschek im August 1931 geboren wurde.

Danach empfand sie es als Verpflichtung, die Vorarbeit ihrer Schwester fortzusetzen. Kubitschek brachte zu Papier, was sie noch aus ihrer Kindheit am Rande des Erzgebirges wusste, erinnerte sich an das damalige Prag, ihren tschechischen Onkel, der als Zahnarzt Medikamente vorbeibrachte, ihre Tante, die nur Slowakisch sprach und ihr mit einer heißen Kartoffel mal einen Abszess an einem Finger kurierte.

Blick auf Chomutov/Komotau   © Statutární město Chomutov

Auf etwa 50 Seiten ließ sie die Zeit zwischen der Geburt und ihrem 14. Lebensjahr Revue passieren, als sie Komotau verlassen musste. Doch dann „dachte ich mir, wenn du jetzt die Wahrheit schreibst – und das musst du – dann ziehst du dich nackt aus vor der Welt“, reflektierte sie in einem Interview 2011 mit der „Welt“. Deshalb habe sie es aufgegeben, ihre persönliche Geschichte weiter für die Nachwelt zu erhalten. „Ich habe sehr viel hergegeben von meinem Leben – aber vieles auch nicht“, schob die Aktrice darüber in einem Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk 2016 nach.

Allerdings erzählte sie oft über ihr Leben, gerade auch in Böhmen. „Schon mit vier Jahren habe ich gewusst, dass ich Schauspielerin werden wollte“, erläuterte sie der dpa im Jahr 2014, „ich wollte so schön sein wie unsere Kindergärtnerin, die mit uns Theater gespielt hat“. Mit neun traf sie zufällig die Schauspieler Karl John und Erika von Thellmann in einem Park von Komotau. „Ich habe sie angesprochen und durfte vorsprechen“, berichtete sie dem „Spiegel“ 2007. „John sagte, ich sei ganz begabt, hätte ein sehr hübsches Gesicht, das sich bestimmt für den Film eigne, und bestellte mich zu Probeaufnahmen nach Berlin.“

Dorthin gefahren ist Ruth Maria Kubitschek aber nicht, denn ihre (musisch begabte) Mutter war über ihren Berufswunsch entsetzt. „Schauspielerin war für sie so etwas Ähnliches wie Hure. Ich musste alle meine Filmbilder verbrennen und wurde furchtbar verprügelt.“ Der Vater, ein Bergbaudirektor, sah das anders. Ihre Bildung habe sie „aus Stücken bezogen, die mein Vater mir abends zum Lesen gab“, erzählte sie 2014, „das Dorf musste sich dann meine Darbietungen anschauen.“ Er plädierte zwar dafür, dass seine Tochter eine Ausbildung als Zahntechnikerin in Prag absolvieren sollte, hätte aber trotzdem auch Schauspielunterricht nicht gänzlich abgelehnt.
 
Im Gedächtnis blieben ihr auch die „Hutzenstuben“ in ihrer böhmischen Heimat. Orte, an denen man abends gemeinsam Handarbeiten verrichtete und sich gegenseitig erzählte. Sowie die aufgelassenen und mit Wasser gefüllten Kohlegruben. Schon dort entwickelte sich möglicherweise ihre Liebe zur Natur, die viel später in einen „Garten der Aphrodite“ mündete. Ein 4.000 Quadratmeter großer Park in ihrer Schweizer Wahlheimat am Bodensee, den sie der Wildnis abrang und Stück für Stück als Märchengarten mit Pflanzen und Figuren gestaltete.
 
Davor prägten zwei Fluchten ihr Leben. Nach Kriegsende ging die knapp 14-Jährige „zu Fuß über das Erzgebirge nach Deutschland, ohne Eltern, ohne alles“, sagte sie dem „Spiegel“. Sie hätte wohl „alles wahrscheinlich nicht überstanden, wenn ich nicht immer gedacht hätte, das geht mich nichts an, das verletzt mich nicht, ich werde Schauspielerin.“ Diese Sehnsucht und ihren starken Willen dazu nannte sie „eine Art Schutzpanzer“ in schweren Zeiten.

Die Familie kam später nach, landete schließlich bei Köthen (heute Sachsen-Anhalt) auf einem Bauernhof. „Ganz allein mit meinem Vater habe ich nach der Flucht in die spätere DDR einen Hof bewirtschaftet“, so Kubitschek laut dpa 2014. „Ich habe den Pflug geführt, weil er – schwer verwundet – in keiner Furche gehen konnte.“

Anschließend studierte sie an der Hochschule für Musik und Theater in Halle und am Deutschen Theaterinstitut in Weimar, gab in den 1950er Jahren in Brechts „Puntila“ ihr Debüt, reüssierte in Gerhart Hauptmanns „Rose Bernd“ am Theater in Schwerin und machte mit Filmrollen in der DEFA rasch Karriere in der DDR.

Doch 1959 flüchtete sie wieder, blieb nach einem Auftritt in Celle. Sie habe ihr Leben nicht damit verbringen wollen, ewig Arbeiterfrauen zu spielen, führte sie zur Begründung an. Es machte ihr „keinen Spaß, immer nur in alten Klamotten auf der Bühne herumzulaufen und Kommunistin zu sein. Später mussten wir uns dann auch privat dazu bekennen, und das wollte ich schon gar nicht. Da bin ich eben gegangen“, so Kubitschek im „Spiegel“.

Rut Brandt (rechts) empfängt 1971 bekannte Filmschauspieler, darunter auch Ruth Maria Kubitschek (links) © Bundesarchiv, B145 Bild-F034158-0018/Engelbert Reineke/CC BY-SA 3.0

Im Westen Deutschlands begann sie eine zweite Karriere, war mit dem bekannten Regisseur Rainer Werner Fassbinder auf Tournee und wurde spätestens 1966 einem Massenpublikum bekannt. In dem dreiteiligen Krimi „Melissa“ von Francis Durbridge, der Millionen vor die Fernseher zog, spielte sie eine attraktive Leiche gleichen Namens.

Danach war Ruth Maria Kubitschek aus dem deutschen Film und Fernsehen nicht mehr wegzudenken. Immer wieder besetzte sie große Rollen mit riesigen Einschaltquoten, so auch die Brauereichefin Margot Balbeck Ende der 1980er Jahre in der Serie „Das Erbe der Guldenburgs“ oder im „Traumschiff“. Mit dessen Produzenten, dem 2006 verstorbenen Wolfgang Rademann, war sie 40 Jahre lang liiert. Zuvor war sie in Ost-Berlin mit dem Opernregisseur Götz Friedrich verheiratet, aus der Ehe ging ein Sohn hervor.

Vor vier Jahren zog sich Ruth Maria Kubitschek aus dem Filmgeschäft zurück, überhäuft mit zahlreichen Preisen wie dem Bambi, der Goldenen Kamera, dem Goldenen Gong, dem Jupiter-Award, bundesdeutschen und bayerischen Orden und auch mit einem sudetendeutschen Kulturpreis von 2006. Sie habe sich sowieso „nie vom Fernsehen vereinnahmen lassen“ und sei auch nie für Jobs auf Partys gegangen, hatte sie bereits zuvor kundgetan.

In der Komödie „Frau Ella“ spielte sie neben Matthias Schweighöfer ihre letzte Filmrolle. Ein Altersunterschied von rund 50 Jahren trennten die Grande Dame und den Jungstar des deutschen Films, man nannte sie damals das Filmpaar des Jahres.

Zeitgleich veröffentlichte sie das Buch „Anmutig älter werden“. Beste Voraussetzungen dafür seien kalte Duschen am Morgen, die Wahrnehmung des eigenen Körpers am Abend und viel grüner Tee, eröffnete sie ihren Lesern. Zudem gab die in Schönheit gereifte Schauspielerin nachfolgenden Generationen mit auf den Weg, sich nicht spritzen oder liften zu lassen, „all diese merkwürdigen Dinge, die Menschen mit sich anstellen lassen, um jung zu bleiben.“ Ihr Gegenvorschlag: „Du musst innerlich jung bleiben.“

Dies beweist sie noch immer. Ruth Maria Kubitschek lebte immer „lieber im Heute“, wie sie vor Jahren erklärte. Aus Erfahrung könne sie sagen, „dass es nie schlechter wurde, sondern jedes Mal besser“, wenn sie etwas neu beginnen musste. „Ich lese viel, sehe mir viele Nachrichtensendungen an und versuche, im Meditieren eine bessere, friedlichere Welt zu erdenken“, sagte sie einmal.

Ruth Maria Kubitschek erhält 2011 den "Bambi" für ihr Lebenswerk.   © Hubert Burda Media, CC BY-NC-SA 2.0

Kubitschek betreibt eine eigene Homepage und regt sich fürchterlich über Fake-Seiten bei Facebook und Twitter auf, die ihren Namen tragen. Dass sie regelmäßig Facebook nutzt, ist eher ungewöhnlich in ihrem Alter. Vor Silvester 2017 appellierte sie dort, nicht so viel Geld für Feuerwerke auszugeben. Oder sie fragte: Wer hat Silbereisen gesehen? Und was macht man gegen Hitze im Hochsommer?

In ihre böhmische Heimat „hat es mich nie mehr hingezogen seit dieser Entwurzelung“, führte sie gegenüber der „Berliner Morgenpost“ im Jahr 2010 aus. Sie hänge nicht an einem bestimmten Ort, sei auch nicht in die DDR zurückgekehrt, sei sowieso „da zu Hause, wo ein Bett steht und ich in dieses Bett gehe.“ Da sie mit ihrer Enkelin jedes Jahr zu Weihnachten eine Städtereise unternehme, habe sie aber Prag besucht.

In der Schweiz wurde sie schließlich doch heimisch (und 2013 eingebürgert). Besonders in ihrem Garten, den sie lange auch für Besucher öffnete. Ein deutlicher Nachweis dafür, dass ihr Menschen nicht nur als Zuschauer und Bewunderer wichtig waren. Bei zufälligen Begegnungen stellte sie sich auch immer wieder für Fotos zur Verfügung, wie mancher Fan hernach jubelte.

Zu Jahresbeginn ließ uns ihre Hamburger Agentin wissen, dass sie nun keine Interviews mehr gebe, „weder der Prager Zeitung noch der Bild-Zeitung“. Ende März machte sie noch einmal eine Ausnahme, wegen der langjährigen Freundschaft zu einer Redakteurin der „Bunten“. Sie habe nun ihre innere Ruhe gefunden, erzählte sie darin. „Ich will jetzt nicht mehr nach außen schwimmen, sondern nur noch nach innen.“ In ihrem Haus am Bodensee meditiere sie stets gerne, hier wolle sie ihre letzte Ruhestätte finden. Die Aussicht auf den Tod erschrecke sie nicht.

Doch dafür ist noch Zeit. „Es geht ihr gut“, sagte uns ihre Agentin nun auf Nachfrage. Und auch danach wird sie nicht vergessen werden. Dafür sorgen allein schon die fortwährenden Wiederholungen von „Monaco Franze“ und „Kir Royal“.

Kubitschek nimmt 2015 den "Bambi" für ihren Lebenspartner Wolfgang Rademann entgegen.  © Hubert Burda Media/Brauer Photos: Bambi 2015, 12.11.2015, Berlin

 

 

Fotos: Bildrechte via Tooltip

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