22. September 2018,

Zwischen Apokalypse und Fata Morgana

Der See, an dem Nami aufwächst, birgt Geheimnisse.   © Lubor Ferenc, CC BY-SA 4.0

07. 04. 2018

Für ihren Roman „Am See“ erhielt Bianca Bellová den Literaturpreis der Europäischen Union. Nun ist er auf Deutsch erschienen


 


Von Volker Strebel


Namis Sprung in ein neues Leben erfolgt unerwartet und ohne Ankündigung: „Mitten in der Küche steht die magere Frau des Kolchosvorsitzenden mit einem Kind auf dem Arm; um sie herum Rucksäcke mit Kleidung und ein paar Pappkartons.“ Nami musste erst seine Gedanken sammeln. Gestern war seine geliebte Großmutter auf einem Kahn für immer in den See hinausgefahren worden. So war es nach dem überlieferten Ritual üblich, eine Beerdigung hatte nicht stattgefunden. In der vertrauten Küche standen plötzlich diese fremden Menschen aus dem Dorf. „,Du wirst jetzt mit uns hier wohnen, Junge‘, grölte hinter ihm die grobschlächtige Gestalt des Vorsitzenden und Nami wurde auf schmerzhafte Weise damit konfrontiert, dass sich ab jetzt alles, was bisher war, schlagartig ändern sollte.“

Doch Nami hatte spätestens seit der Zeit, als sein Großvater und noch ein paar andere Männer aus der Nachbarschaft vom Fischfang nicht mehr heimkehrten, die idyllischen Tage seiner Kindheit hinter sich gelassen. Geblieben waren ihm die Erinnerungen daran und das bohrende Verlangen, etwas über seine Mutter zu erfahren, die er nie kennengelernt hatte. Im Dorf waren jedoch keine befriedigenden Antworten zu erwarten, nur in der verkommenen Non-Stop-Bar erhielt Nami einige verdruckste Andeutungen. Seine pubertierenden Mitschüler waren da schon deutlicher und quälten ihn mit derben, obszönen Schilderungen.

Mit der ihr eigenen sprachlichen Ausdruckskraft evoziert Bianca Bellová eine in der Luft liegende Spannung, die nur vordergründig mit Namis unbekannter Mutter zusammenhängt. Im Laufe der Jahre war immer deutlicher geworden, dass der große See langsam, aber unerbittlich im Schwinden begriffen war. Die tote russische Kriegsflotte war längst schon verlandet, das Werk für Fischverarbeitung wurde geschlossen und am Rande von Boros bei den russischen Plattenbauten schien lediglich das obligatorische „Staatslenkerdenkmal mit dem erhobenen Arm“ von Dauer. In der Bevölkerung mehrten sich Fehlgeburten und allergische Erkrankungen, die sich vor allem nach dem Schwimmen im See einstellten. Niemand redete darüber, aber alles deutete auf einen verschwiegenen Zusammenhang zwischen der geschundenen Natur und der verhassten russischen Besatzungsmacht. Die Zerstörung der natürlichen Umgebung spiegelte sich auch im Niedergang menschlicher Umgangsformen wider.

Unbeeindruckt von einer Umwelt voller Niedertracht und Schmutz wächst der junge Nami heran. Er hat Freunde, die sich als falsche Wahl herausstellen und er verliebt sich in zarter Zuneigung in Zaza. Als Zaza während eines Spaziergangs von zwei russischen Soldaten vor seinen Augen vergewaltigt wird, versagt Nami. Er rennt davon, schreckliche Bilder vor Augen. Nami verlässt das Dorf und flieht wohl letztlich vor sich selbst. In der Hauptstadt verspricht er sich Antworten auf alle Fragen seines jungen Lebens. Vor allem hofft er, dort seine verschollene Mutter zu finden.

Mittellos übernachtet Nami zunächst auf der Straße und heuert dann als Tagelöhner an. Er ist in der untersten Schicht der Gesellschaft angelangt und lernt, dass es nichts gibt, was es nicht gibt. Als persönlicher Diener eines gewissen Johnny, der für eine ausländische Ölfirma arbeitet, geht es ihm nicht schlecht, doch es gibt für Nami Grenzen, die er nicht überschreitet, auch wenn Nachteile damit verbunden sind.

Für den Roman erhielt Bianca Bellová im vorigen Jahr auch den tschechischen Literaturpreis Magnesia Litera.   © Marta Režová

In einem von Bellová souverän entfalteten Erzählfluss, der einem Strudel von Bildern, Ereignissen und Schicksalen gleicht, gelingt Nami schließlich das Unmögliche und er findet seine Mutter. Beide sind überglücklich, aber es bleibt nicht beim Happy End. Nami erfährt Wahrheiten, die ihm bisher verschlossen waren und er begreift das Wiedersehen mit seiner Mutter als notwendige Station auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Er kann sich nicht dagegen wehren, aber es zieht ihn in sein Dorf zurück. Der staubige Weg dorthin bildet sein bisheriges Leben ab, eine Kippfigur zwischen Apokalypse und Fata Morgana.

Im vertrauten Häuschen seiner Kindheit leben immer noch der ungehobelte Kolchosvorsitzende mit seiner Frau und dem von der vergifteten Umwelt entstellten Kind. Nami trifft auch seine Jugendliebe Zaza wieder, die inzwischen verheiratet ist. Es scheint, als spulte sich das ganze Leben von Nami erneut ab, nur dass es diesmal in die umgekehrte Richtung geht. Und da ist es nur folgerichtig, dass er etwas außerhalb des Dorfes den alten Schahnaz kennenlernt, der möglicherweise sein zweiter Großvater ist. Ein etwas wunderlicher Sonderling, der alle Dinge sammelt, die der große See freigibt. Der alte Schahnaz ist überzeugt, dass im See noch weitere Geheimnisse zu bergen sind. Der große See, mit dem alles seinen Anfang genommen hatte, beginnt auch Nami mit seinen Rätseln zu locken. Das Ende des vorliegenden Romans ist so unerwartet wie ungewöhnlich.

Mit Bianca Bellovás „Am See“ („Jezero“ im tschechischen Original) liegt ein Werk voller Bild- und Sprachkraft vor. In den vier Kapiteln „Ei“, „Larve“, „Puppe“ und „Imago“ entfaltet die Autorin einen eindrucksvollen Entwicklungsroman. Ein packender Erzählduktus begleitet Namis Lebensweg vom behüteten Enkel und angefeindeten Schuljungen bis in die Abgründe einer gesichtslosen Hauptstadt und einer überraschenden Heimkehr in das Fischerdorf.

Bianca Bellová, 1970 in Prag geboren, hat bereits mit ihren Kurzgeschichten und vor allem dem Roman „Toter Mann“ auf sich aufmerksam gemacht. Mit „Am See“ liegt ein weiterer überzeugender und eindrucksvoller Wurf tschechischer Wortkunst vor.





Am See

 


Bianca Bellová: Am See.
Aus dem Tschechischen von Mirko Kraetzsch, Verlag Kein & Aber, Zürich - Berlin 2018, 236 Seiten, 20,- Euro, ISBN: 9783036957784

 

 

 

Text: Volker Strebel

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