11. Dezember 2017,

"Man hasst oder liebt es"

Kuba Švandrlík, David Kolovratník, Ondřej Švandrlík und Ivo Mikšovský

22. 12. 2016

Das Nauzea Orchestra aus Nordböhmen spielt experimentellen Rock – und singt auf Deutsch

Seit 2008 gehören die vier Musiker von Nauzea Orchestra zur tschechischen Underground-Musikszene. Ondřej und Kuba Švandrlík, Ivo Mikšovský und David Kolovratník zeichnet ein besonders Alleinstellungsmerkmal aus: Viele ihrer Songs sind mit deutschen Texten versehen. Dank Bands wie Einstürzende Neubauten oder Stereo Total entdeckten die Musiker aus Ústí nad Labem schon früh ihre Faszination für alternative Musik aus dem Nachbarland. Im PZ-Interview sprachen Sänger und Songwriter Ondřej Švandrlík und Bassist Ivo Mikšovský über die Freude an deutschen Spitznamen, peinliche Kopien und das musikalische Epizentrum Berlin.


Wie kamen Sie auf die Idee, deutsche Texte zu schreiben?
Ondřej Švandrlík: Zuerst war es nur ein Witz. Wir gaben uns gegen­seitig deutsche Spitz­namen: Ulrich, Dieter, Jens und Mücke. Wir machten uns einen Spaß daraus, die deutsche Sprache ein wenig zu verschandeln. Aber später wurde daraus beim Schreiben der Texte Ernst. Außerdem mögen wir einige Bands aus Berlin sehr gerne …
Ivo Mikšovský: Und Deutsch ist doch auch die Sprache von bedeutenden Philosophen, Schriftstellern, Komponisten und Sängern. Ebenso ist uns die Literatur aus den deutschsprachigen ­Ländern vertraut und wichtig. Ein Lied auf unserer letzten Platte „Dobro“ – „Der Mann ohne Eigenschaften“ bezieht sich direkt auf das Werk von Robert Musil.

Ihre Musik verbindet viele Stilrichtungen – ist mal melancholisch, mal wütend. Wo liegen Ihre musikalischen Wurzeln?
Mikšovský: Am Anfang wurden wir von der Berliner Szene beeinflusst: Vor allem von den Einstürzenden Neubauten. Aber auch von Geniale Dilletanten, Stereo Total und anderen deutschen sogenannten Electroclash-Bands. Erst später begannen wir damit, Elemente aus dem Noise- und Post-Rock sowie dem Postcore mit einzubeziehen.

Wie präsent ist deutschsprachige Musik in Tschechien?
Mikšovský: So gut wie alle kennen Rammstein. Die sind jedoch eine sehr schlechte und peinliche ­Kopie der slowenischen Band Laibach (die auch auf Deutsch singt – Anm. d. Red.). Aber was bei uns wirklich viele Fans hat, ist Musik aus Berlin. Allen voran die Einstürzenden Neubauten. Sehr populär sind außerdem Platten von Stars wie David Bowie, Nick Cave und Iggy Pop, die in Berlin aufgenommen wurden.

Die Band verbindet Electroclash mit Noise-Rock und Post-Hardcore.

Wie fallen die Reaktionen Ihrer Landsleute auf Ihre deutschen Stücke aus?
Švandrlík: Das ist ein bisschen so wie mit Miloš Zeman. Man hasst ihn oder man liebt ihn.

Deutsch ist hierzulande nach wie vor nicht wirklich beliebt. Müssten aufgrund der geografischen und kulturellen Nähe nicht mehr Tschechen Deutsch lernen?
Mikšovský: Ich bin nicht wie die anderen Bandmitglieder an der deutschen Grenze aufgewachsen. Dennoch finde auch ich es schade, dass die meisten jungen Leute Englisch bevorzugen. Dabei hat die tschechische Sprache viele Redewendungen aus dem Deutschen übernommen und ist ihr in vielerlei Hinsicht näher.

Sie schielen künstlerisch nach Deutschland, kennen sich bestens mit Land und Leuten aus. Was beneiden Sie – abgesehen von den deutschen Underground-Bands – am großen Nachbarn?
Švandrlík: Ganz allgemein: Tschechen bewundern deutsche Ordnung und Disziplin.
Mikšovský: Ich wäre gern deutscher Fußballfan vor der Zeit der Weltmeisterschaft 1990 gewesen. Und damit vor der Epoche von Lothar Matthäus und seinem erbarmungslosen Erfolgs­team. Da war mir die deutsche Nationalmannschaft sympathischer. Damals gab es auch noch keinen so ausgeprägten und widerlichen Sport-Nationalismus.

Wo und wann wird Nauzeau Orchestra demnächst im deutschsprachigen Raum live zu sehen sein?
Mikšovský: Das können wir leider noch nicht sagen. Zurzeit komponieren wir neue Lieder und nehmen eine neue Platte auf. Deshalb haben wir aktuell nicht so viele Auftritte. Aber wir haben in Deutschland viele Freunde, die für uns Konzerte organisieren.


Der Mann ohne Eigenschaften

Da muss ich mir doch überlegen, was zu machen mit meinem Leben
Nach dem Aufstehen möchte ich lachen, aber ich sehe deine Sachen

Die du bei mir vergessen hast. Das war für uns die letzte Nacht
Aufzuhören mit dieser Liebe. Ich bin so alt und so müde
Die du bei mir vergessen hast. Das war für uns die letzte Nacht
Aufzuhören mit dieser Liebe. Ich bin so alt und so müde

Ich bin der Mann ohne Eigenschaften
Ich bin der Mann ohne Eigenschaften
Ich bin der Mann ohne Eigenschaften
Ich bin der Mann ohne Eigenschaften

Interview: Stefan Welzel, Foto: VRBAAK, NO

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