14. Dezember 2018,

„Einmal licht, einmal dunkel“

Lenka Reinerová glaubte an die Macht der Worte.

11. 05. 2016

Vor hundert Jahren wurde Lenka Reinerová in Prag geboren. Die Stadt war Dreh- und Angelpunkt ihres Lebens

Es gibt ihn also wirklich, diesen Hausengel. Der einen Menschen lenkt und schützt. Von ihm erzählt Lenka Reinerová in einem ihrer Texte. Wer ihre Biografie und ihr Werk kennt, wird daran kaum Zweifel haben, dass er tatsächlich existiert. Oft lag das Leben der Schriftstellerin in den Händen anderer; sie konnte nur reagieren, nicht aber selbst bestimmen.

Lenka Reinerová wird am 17. Mai 1916 in Prag geboren. Sie wächst in einer jüdischen Familie auf, in der Deutsch und Tschechisch gesprochen wird. Mehrsprachigkeit und Multikulturalität sind in dieser Zeit keine leeren Worthülsen, sondern gelebte Realität in Prag. Selbst als nach 1933 tausende Menschen in der Stadt Zuflucht suchen, lebt die Solidarität weiter. Man rückt zusammen. Für Lenka Reinerová ist es eine Zeit der Entdeckungen. In der Redaktion der wöchentlich erscheinenden „Arbeiter Illus­trierte Zeitung“ probiert sie sich am Schreiben. Als Journalistin lernt sie deutschsprachige Künstler und Emigranten kennen, die dem Nationalsozialismus entkommen sind. Die Prager Vorkriegszeit ist chaotisch, es wird viel improvisiert. Zahlreiche Anekdoten entstehen, die Lenka Reinerová in ihrem Buch „Es begann in der Melantrichgasse“ festhält. Anschaulich zeichnet sie die Porträts ihrer Wegbegleiter und lässt dadurch das Prag der Zwischenkriegszeit wieder auferstehen.

Das über Jahrhunderte währende Zusammenleben von Juden, Tschechen und Deutschen wird mit dem Einmarsch der Wehrmacht im März 1939 abrupt beendet. Reinerovás Familie fällt dem Holocaust zum Opfer. Sie selbst überlebt nur, weil sie gerade bei einem befreundeten Journalisten in Buka­rest verweilt. Mit 23 Jahren auf sich allein gestellt, beginnt eine Odyssee über Frankreich und Marokko nach Mexiko. Dort verbringt sie die Kriegsjahre im Kreise weiterer Exilanten. Vor allem zu Anna Seghers baut sie eine innige Freundschaft auf. Als die deutsche Schriftstellerin von einem Auto angefahren wird, kümmert sich Reinerová um sie. Nach Kriegsende kehrt die Pragerin mit ihrem Mann Theodor Balk nach Europa zurück. Zunächst nach Belgrad, wo auch ihre Tochter zur Welt kommt. Im Jahr 1948 schließlich kommt sie in Prag an.

Damit kehrt jedoch keine Ruhe in Reinerovás Leben ein. Anti­jüdische Stimmung macht sich in der sozialistischen Tschechoslowakei breit. Der ehemalige Chef der Kommunistischen Partei Rudolf Slánský wird 1952 in einem Schauprozess zum Tode verurteilt. Klement Gottwald wollte sich des potentiellen Rivalen entledigen, der zudem jüdischer Herkunft war. Im gleichen Jahr wird auch Reinerová festgenommen und in das Gefängnis in Prag-Ruzyně gebracht – sie wird des Trotzkismus und Zionismus verdächtigt. Eindrucksvoll erzählt sie in dem Band „Alle Farben der Sonne und der Nacht“, wie sie trotz der hoffnungslosen Situation den Glauben an die Menschlichkeit nicht verliert. Über ein Jahr verbringt Reinerová in dem Gefängnis, bis sie schließlich zu ihrer Familie zurückkehren darf. Erst 1964 wird sie rehabilitiert und darf wieder eine journalistische Tätigkeit ausüben. Doch diese Phase des Tauwetters wird durch den Einmarsch der sowjetischen Truppen jäh beendet. Wieder kann sie ihrer Arbeit als Autorin nicht nachgehen und hält sich stattdessen als Simultan­dolmetscherin über Wasser. Zwar kann sie in den achtziger Jahren einige Werke in der DDR veröffentlichen, einem breiten Publikum wird Reinerová aber erst nach dem Fall der Mauer bekannt. Eine Szene, die sie im Karlsbad der Vorkriegszeit beobachtet, bringt ihr Leben auf den Punkt. Da sitzt ein kleiner Junge mit Schläfenlocken im Sand und verfolgt an diesem bewölkten Tag das Spiel von Sonne und Schatten: „Noch nie gesehen im Leben, einmal licht, einmal dunkel.“  Der stetige Wechsel von Sonne und Schatten, Licht und Dunkelheit wird zum Sinnbild ihres Lebens.

Eigentümliches Deutsch
Prag, Prag, immer wieder Prag: Die Stadt ist Spielstätte zahlreicher Erzählungen. Dabei geht es nicht um die vielen Türme oder leuchtenden Giebel, vielmehr wird die Stadt zu einem Anker für Reinerová. Oftmals ist Prag Ausgangs- und Endpunkt ihrer Geschichten, die sich eigentlich woanders abspielen. Immerhin hat sie hier die meiste Zeit ihres Lebens verbracht. Gleichzeitig verbindet sie mit der Stadt ein Ideal. Es ist das Prag der Zwischenkriegszeit, als deutsche, tschechische und jüdische Kultur neben- und miteinander existieren.

Reinerová interpretiert das biografische Schreiben auf ganz eigene Art und Weise. Ähnlich wie es Egon Erwin Kisch mit der Reportage getan hat, erhebt Reinerová die Biografie zur Kunstform. Manchmal springt sie in Raum und Zeit und verknüpft dadurch Ereignisse, die sonst nie in Verbindung gebracht würden. Oder sie baut fantastische Elemente ein, wie etwa den Haus­engel. Alles erzählt im eigentümlichen Prager Deutsch.

Obwohl sie aus der Erinnerung schreibt, wird Reinerová nie nostalgisch, sondern geht über das Erzählte hinaus. Sie verweist auf Werte, die allgemeine Gültigkeit besitzen sollten. Damit schlägt sie eine Brücke aus der Vergangenheit in die Gegenwart. Ein beeindruckendes Beispiel dafür ist die Geschichte „Kein Mensch auf der Straße“. Darin erzählt sie von einem Besuch im Konzen­tra­tionslager Theresienstadt, in dem auch ihre Familie umgekommen ist. An diesem zutiefst traurigen Ort trifft sie einen jungen Deutschen, der sich für das Vergangene interessiert und die Geschichte hinterfragt. Der aufgeweckte junge Mann gibt den Toten von Theresienstadt eine Zukunft. Reinerovás Botschaft ist eindeutig: Völkerverständigung und Menschlichkeit sind die zentralen Ideen ihres Schaffens. Es ist zugleich eine Erinnerung und Mahnung an die Gesellschaft, vor allem an die Jugend. Kurz vor Reinerovás Tod im Juni 2008 wurde ihre Rede zum Holocaust-Gedenktag im Deutschen Bundestag verlesen. Darin heißt es: „Damit etwas Ähnliches nie wieder auf uns zukommen kann, glaube ich, müssen wir viel mehr Verständnis für die Andersartigkeit riesiger Massen der Bevölkerung unseres Planeten aufbringen, um einem solchen Unglück, wie es in letzter Zeit der Terrorismus darstellt, rechtzeitig und gründlich beikommen zu können. (…) Es scheint mir, dass wir immer noch zu wenig Verständnis für die Lebensart, die Tradition und den Glauben eines sehr großen Teils unserer Mitmenschen auf diesem Planeten aufbringen. Das geschriebene Wort sollte dabei so wirksam wie nur möglich mithelfen.“

Besser lässt sich Reinerovás Motivation nicht zusammenfassen, aktueller könnten ihre Gedanken kaum sein. Das ist es wohl auch, was eine große Autorin ausmacht.



Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren
In ihrem Erzählband „Das Traumcafé einer Pragerin“ vermittelt Lenka Reinerová ein lebhaftes Bild von der Zeit, in der die Prager deutsche Literatur ihre Blüte erlebte. Schriftsteller wie Franz Werfel, Rainer Maria Rilke und Egon Erwin Kisch stehen exemplarisch für die Epoche zwischen 1890 und 1939, die von weitaus mehr Literaten geprägt wurde. Reinerová war es eine Herzensangelegenheit, ihnen allen in der Stadt ihres Schaffens ein Denkmal zu setzen. Die Idee hierfür entstand bereits in den sechziger Jahren, umgesetzt wurde der Traum der Erzählerin jedoch erst Jahrzehnte später. Im Mai 2009 eröffnete das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren. Besucher können den Weggefährten Reinerovás bei Lesungen, Vorträgen und in einer Bibliothek nachspüren. Nie sollte das Literaturhaus nur staubiges Museum sein – es ist als lebendiger Ort der Begegnung konzipiert. Von Anfang an war auch eine Dauerausstellung über die Geschichte der deutschsprachigen Literatur der Stadt geplant. Sie eröffnete im September 2012 mit dem „Kabinett der Prager deutschsprachigen Literatur“.   (fn)

Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren (Ječná 11, Prag 2), geöffnet: Dienstag und Donnerstag 10.30–12.30 Uhr und 13–16.30 Uhr, www.prager-literaturhaus.com

Text: Jan König, Foto: Miro Švolík/Labyrint

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