„Weder schön noch geschmeidig“

Eva Koťátková ist als Künstlerpersönlichkeit des Jahres ausgezeichnet worden. Ihre Arbeit begreift sie als ständige Suche

27. 4. 2016 - Text: Franziska Neudert, Foto: hunt kastner

Eva Koťátková zu einem Gespräch zu treffen ist schwierig. Soeben hat die Künstlerin in Prag noch ihr neues Buch vorgestellt, nun ist sie schon auf dem Sprung nach New York. Vor kurzem wurde sie gemeinsam mit Jiří Valoch als Künstlerpersönlichkeit des Jahres 2015 ausgezeichnet. PZ-Redakteurin Franziska Neudert erzählte die 33-Jährige, was sie in eine psychiatrische Klinik verschlagen hat und weshalb sie mit ihrer Kunst nach neuen Wegen sucht.

Als bisher jüngste Laureatin erhielten Sie 2007 den Jindřich-Chalupecký-Preis, die landesweit bedeutendste Auszeichnung für Künstler. Hat der Preis Sie unter Druck gesetzt?

Das ist schon lange her. Und die Aufmerksamkeit, zumindest bei Medienkünstlern, verfliegt ja recht schnell. Der Preis war eine große Ehre und auch Ermutigung für mich, aber ich habe auch gedacht, ich hätte ihn nicht verdient. Es kamen viele großartige Künstler in die Endauswahl, zum Beispiel Zbyněk Baladrán, den ich sehr schätze. Ich war mir sicher, er würde gewinnen. Der Preis hat mir ermöglicht, zwei Monate in New York zu leben. Das hat mir Türen geöffnet. Druck verspüre ich durch die Auszeichnung nicht. Der kommt eher von selbst mit jedem größeren Projekt, das ich umsetze. Aber das ist eine positive Art von Druck – so viel zu geben, wie man nur kann, wenn man sich mit einer Sache beschäftigt.

Verspüren Sie unter den vielen Künstlern so etwas wie Konkurrenz?

Die Kunst ist für mich keine Disziplin, in der man mit jemandem konkurriert. Es ist eher so, dass man sich gegenseitig Impulse gibt, sich inspiriert und beeinflusst. Ich hatte Glück, dass ich so viele tolle Künstler getroffen habe und mit Kuratoren zusammenarbeiten konnte, die mich ermutigten, künstlerisch auch andere, weniger sichere Wege zu gehen. Das Gute ist, das Kunst keine Frage des Alters ist. Man kann seine besten Arbeiten in relativ hohem Alter schaffen oder auch etwas ganz Prägendes in jungen Jahren, das man dann nicht wieder übertrifft. Mir ist es wichtig, meine Arbeit als kontinuierliche Suche nach dem richtigen Weg zu begreifen – dem richtigen Weg, über Dinge zu sprechen, die ich problematisch finde. Ein unsicherer Rahmen und Neugierde sind dabei sehr wichtig. Wenn die Dinge gefestigt, sicher und allgemein anerkannt sind, verlieren sie ihren Kontakt zur Umwelt und zur Gegenwart und werden zu toten Objekten.

Was bedeutet Ihnen die Auszeichnung als Künstlerpersönlichkeit des Jahres 2015?

Ich habe den Preis zusammen mit einem anderen Künstler erhalten, den ich sehr verehre – Jiří Valoch. Überreicht hat ihn uns der Vorjahresgewinner Zbyněk Baladrán. Beides hat mir den Preis umso wertvoller gemacht. Besonders ist er für mich außerdem, weil ich ihn für ein Projekt erhalten habe, das ich auf dem Gelände einer psychiatrischen Klinik verwirklicht habe.

Worum ging es bei diesem Projekt?

Ich wollte zeigen, wie wir mit der Art von Kunst, die oftmals als Art brut oder Outsider Art bezeichnet wird, einen Rahmen abstecken und manipulieren. Auf dem Klinikgelände habe ich eine Ausstellung umgesetzt, die sich mit Performances ins Freie fortgesetzt hat, eine Art Tableau vivant. Den Ausgangspunkt bildeten Ideen und Visionen der Patienten. Ich habe sie quasi in den realen Raum übersetzt. Eine der Performances trug den Titel „Justizmord des Jakob Mohr“. Sie beschäftigte sich mit einer Zeichnung von Jakob Mohr, der selbst Künstler und Patient in der Klinik war. Er glaubte an die Existenz einer sogenannten Einfluss-Maschine, einen Apparat, der jede seiner Bewegungen, jedes Wort und jede Geste mitbestimmte. Für mich entspricht diese Maschine einer präzisen Beschreibung der beklemmenden Mechanismen gewisser Institutionen und der Mechanismen in unserem Kopf.

Wie sind Sie zur Kunst gekommen?

Ich habe schon als Kind viel gezeichnet und mir oft Geschichten im Radio angehört. Das Interesse an den Geschichten und vor allem an den Bildern, die dabei in meinem Kopf entstanden, ist geblieben. Später habe ich ganz klassisch Kunst an der Hochschule studiert.

Bevorzugen Sie ein bestimmtes Medium?

Ich zeichne – ganz normal auf Papier, auf strukturierten Oberflächen und im Kopf, wenn ich über eine Choreografie nachdenke. Aber wenn ich Kunst betrachte, gebe ich keinem bestimmten Medium den Vorzug. Mich interessiert eher, wie gut eine Botschaft herübergebracht, ein Thema angesprochen oder ein Gefühl vermittelt wird.

Was wollen Sie mit Ihrer Kunst bewirken?

Ich möchte Themen zur Sprache bringen, die mir am Herzen liegen. Für mich ist Kunst eine Plattform für Kommunikation, auch wenn sie mit Bildern oder Zeichen umgesetzt wird. Ich wollte nie etwas schaffen, das einfach nur schön und geschmeidig ist. Aber ich bin auch kein Freund platter Provokation. Ich habe mich immer eher für die Randgeschichten und die Stimmen der Unterdrückten und Benachteiligten interessiert. Mein Ziel ist es, einen Weg zu zeigen, die Dinge anders zu betrachten. Das klingt banal, aber es ist ziemlich schwierig, gewohnte und vertraute Pfade zu verlassen.

Was treibt Sie an?

Dass ich tun kann, was ich will. Die Kunst ist für mich ein Ausdrucksmittel, das es mir erlaubt, ganz unbefangen zu sprechen. In der Kunst kann ich mich ohne Einschränkung mit sämtlichen Bereichen befassen. Und ich lerne dadurch viel über meine Umwelt. Am wichtigsten ist mir aber, dass ich Themen ansprechen kann, die ich problematisch finde und die provozieren. Die Kunst ermöglicht mir, meine Ideen mit anderen zu teilen und die Menschen zu einer Diskussion anzuregen.

Woran arbeiten Sie derzeit?

Ich bastele an einem Puppen­theater, in dem die Technik des Marionettenspiels zeigen soll, wie der Einzelne manipuliert wird – wie der Körper von oft unsichtbaren Fäden kontrolliert und in einer bestimmten Weise bewegt wird.

Wie würden Sie Ihre Arbeit mit wenigen Worten beschreiben?

Es geht um Körper, die ihre eigenen Bestandteile infrage stellen.

Kann Kunst Ihrer Meinung nach etwas verändern?

Ich denke, sie kann die Art verändern, wie wir die Dinge betrachten. Kunst kann mitunter unerwartete und oft kritische persönliche Sichtweisen aufzeigen. Ich glaube an die Kunst und ihre Macht. Aber ich habe auch erkannt, dass man sich außerhalb der Kunst bewegen muss, wenn man sie wirklich wertschätzen und etwas lernen will.


Kritisches Multitalent – Jiří Valoch
Er ist Kunsttheoretiker, Dichter, Kurator und Künstler – mit Eva Koťátková teilt sich Jiří Valoch den Preis für die „Künstlerpersönlichkeit des Jahres 2015“. Die Auszeichnung, die Kunstschaffende für ihre herausragenden Leistungen ehrt, erhielt der 69-Jährige vor allem für seine Dauerausstellung „Art is here“, die er im Herbst vergangenen Jahres in der Mährischen Galerie in Brünn eröffnete. Das Kernstück der Schau bilden seine eigenen Arbeiten, anhand derer Valoch einen Überblick über die moderne tschechoslowakische und tschechische Kunst ab 1945, ihre regionalen Ausprägungen und ihre Impulse auf Künstler in anderen Ländern gibt.

Valoch studierte Slawistik und Germanistik sowie Ästhetik in seiner Geburtsstadt Brünn, seine Abschlussarbeit gestaltete er zum Thema „Entwicklung der Typologie und experimentellen Poesie“. Ab den sechziger Jahren beschäftigte sich Valoch vor allem mit konkreter Poesie und Konzeptkunst. Nachdem er Anfang der siebziger Jahre eine Ausstellung zur zeitgenössischen tschechoslowakischen Zeichnung umsetzte, wurde Valoch mit Publikationsverbot belegt. Fortan beteiligte er sich an der Organisation inoffizieller Ausstellungen. Später konzipierte er kritische Retrospektiven tschechoslowakischer Künstler. Valoch lebt in Prag und Brünn.