24. November 2017,

Antiker Rausch und Zwerge

Auf der surrealen Odyssee des tragischen Helden Menandros müssen viele Personen ihr Leben lassen.

23. 03. 2016

Nach drei Jahren Dreh feiert die österreichisch-tschechische Koproduktion „Menandros & Thaïs“ beim Febiofest Premiere

 

Leidenschaft, Blut und skurrile Typen. Dass diese Zutaten einen Film ergeben würden, kann Anna Tydlitátová noch immer nicht glauben. Dreieinhalb Jahre habe das Team an „Menandros & Thaïs“ gearbeitet, erzählt die Prager Filmstudentin. „Es gab Zeiten, da wussten wir nicht, ob wir überhaupt weiterdrehen können. Das ist nicht nur eine Low-Budget-, sondern eine No-Budget-Produktion.“ Am Montag feiert der Film beim „Febiofest“ in Prag Premiere. Und das ausgerechnet in einem großen Cine­plex-Kino. „Das grenzt schon an Ironie – unser Möchtegern-Blockbuster in einem Blockbuster-Kino“, lacht Tydlitátová, die den Dreh als Produzentin organisiert hat.

Die 24-Jährige und ihr tschechisch-österreichisches Team konnten keinen der insgesamt 300 Beteiligten bezahlen. Dass der Film fertig wurde, ist der Leidenschaft aller zu verdanken. Und einer Finanzspritze für die Postproduktion, den teuersten Teil eines Films, wie Tydlitátová sagt. Für Schnitt, Ton und die Spezialeffekte hätte das Team umgerechnet etwa 28.000 Euro vom tschechischen Kulturministerium bekommen. „Da haben wir Glück gehabt“, meint Tydlitátová. Glück hatten sie auch, dass der Film beim Febiofest landete. „Ich hatte ganz vergessen, dass wir uns mit „Menandros & Thaïs“ für das Festival beworben, den Film aber nicht eingeschickt hatten. Kurz vor Einsendeschluss rief mich das Festivalbüro an und ich habe ihn nachgereicht.“

Schauspieler für ein Bier
„Am Anfang haben wir nicht viel nachgedacht. Hätten wir das getan, wäre ein ganz anderer Film herausgekommen“, erzählt Tydlitátová. Die Idee zu „Menandros & Thaïs“ entstand vor etwa fünf Jahren in einem Prager Café, als der Bühnenbildner Antonín Šilar, der Wiener Schriftsteller Ondřej Cikán und Tydlitátová zusammensaßen. Gemeinsam wollten sie den gleichnamigen Roman ­Cikáns verfilmen. Inspiriert von den „altgriechischen Schundromanen aus dem dritten Jahrhundert“, wie Tydlitátová sagt, ist eine Romanze im Stil antiker Liebestragödien entstanden: Die junge Thaïs wird kurz nach ihrer Hochzeit von Piraten entführt. Auf der Suche nach seiner Geliebten begibt sich Menandros auf eine Odyssee durch die Gegenwart. Es beginnt eine surreale Reise voller merkwürdiger Figuren – ihm begegnen drogensüchtige Zwerge und nymphomanische Zauberinnen, seinem Pferd wachsen Flügel und eine Hexe prophezeit eine unheilvolle Zukunft. Nebenbei fließt viel Blut; wie ein Rausch entfaltet sich die Geschichte auf der Leinwand.

„Das konnte kein normaler Film werden, weil der Roman schon so durchgeknallt ist“, so Tydlitátová. Trotzdem war es nicht ihr Ziel, einen möglichst ungewöhnlichen Film zu machen. Das ist er dennoch geworden. Zunächst unterscheide sich das Genre von den meisten anderen Filmen, die derzeit gedreht würden, sagt Tydlitátová. Als Mischung aus antikem Epos und modernem Bühnenstück verbindet „Menandros & Thaïs“ die Medien Theater und Film.Vor der Kamera standen, bis auf die beiden Hauptdarsteller, nur Statisten. Außerdem sprechen Menandros und Thaïs in zwei verschiedenen Sprachen zueinander, er tschechisch, sie deutsch. Und schließlich gab es keine Autorität, die den Dreh kontrolliert. „Es war ein großes Freundschaftsprojekt, alles lief sehr anarchistisch ab und wir haben uns nicht besonders ernst genommen“, so Tydlitátová.

Gedreht wurde der Film an 60 Orten in 58 Tagen. Auch das sei ungewöhnlich viel, wie Tydlitátová meint. Die Crew drehte unter anderem in den österreichischen Alpen, in Prag und in tschechischen Grenzgebieten. Schauspieler wurden meist vor Ort gesucht. „Wir sind oft in die Kneipen gegangen und haben die Leute gefragt, ob sie nicht für ein Bier mitspielen würden. Bezahlen konnten wir sie ja nicht.“

Auf das Ergebnis ist Tydlitátová stolz. Ihre Augen leuchten. „Für viele von uns war ,Menandros & Thaïs‘ die erste Filmerfahrung überhaupt. Es ist unsere gemeinsame Premiere.“



Menandros & Thaïs. CineStar Anděl, 21. März (19.15 Uhr), 22. März (17 Uhr) und 23. März (21.15 Uhr), Eintritt: 89 CZK, www.febiofest.cz



Filme schauen und feiern
Rund 150 Filme aus 56 Ländern stehen auf dem Programm des zweitgrößten Filmfestivals Tschechiens. In Prag flimmert das „Febiofest“ von 17. bis 25. März über die Leinwände der Kinos CineStar Anděl und CineStar Černý Most. Danach reist es von 29. März bis 21. April weiter in 14 tschechische Städte. Unterteilt in 14 Kategorien – zum Beispiel „Balkan Beats“, „Focus on Macedonia“ und „Asian Panorama“ – werden die besten Spiel- und Dokumentarfilme des vergangenen Jahres gezeigt. Neu ist in diesem Jahr die Sparte „Flüchtlinge“, in der mit „Fishing without nets“ ein preisgekrönter Beitrag über somalische Piraten läuft. Der belgische Film „Fallow“ beleuchtet das Thema aus einer anderen Perspektive: Er erzählt die Geschichte eines Europäers, der jenseits der Festung Europa auf ein besseres Leben hofft. Mit dem „Amnesty International Febiofest Award“ wird erstmals ein Preis verliehen, der Arbeiten politisch unterdrückter Künstler und Journalisten ehrt.

Auch prominente Gäste werden beim „Febiofest“erwartet, dazu gehören die aus Filmen von Pedro Almodóvar bekannte Darstellerin Carmen Maura, der deutsche Schauspieler Daniel Brühl und der britische Drehbuchautor Peter Morgan. Ihnen ist jeweils eine eigene Kategorie gewidmet, in der Beispiele ihres Filmschaffens zu sehen sind. Die Gedenkmedaille des Festivals wird posthum an den deutsch-tschechischen Schauspieler Rudolf Hrušínský verliehen. International bekannt wurde  Hrušínský in den fünfziger Jahren in der Rolle des braven Soldaten Schwejk; 1968 übernahm er die Hauptrolle in Jiří Menzels „Lerchen am Faden“. Da Menzel Berufsverbot erhielt, konnte der Film erst nach der politischen Wende aufgeführt werden; 1990 erhielt er bei der Berlinale den Goldenen Bären.

Wer nach dem Film die Nacht zum Tag machen will, kann im Untergeschoss des Kinos CineStar Anděl auf Partys und Konzerten bis in die frühen Morgenstunden feiern.   (fn)


Informationen und Programm unter www.febiofest.cz

Text: Franziska Neudert, Foto: menandros.cz

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