11. Dezember 2017,

„Der Blick von außen interessiert mich“

18. 12. 2014

Vor kurzem stellte Jutta Schubert im Prager Literaturhaus ihr Buch „Zu blau der Himmel im Februar“ vor. Inzwischen arbeitet sie an einem neuen Roman, der von Franz Kafka und seinen Frauen handelt

 

Mittlerweile ist es schon zu einer guten Tradition geworden, dass Stipendiaten des Prager Literaturhauses deutschsprachiger Autoren während ihres Aufenthaltes in Prag aus einem ihrer Werke lesen und dann meist auch über ihre aktuellen Projekte berichten, vor allem wenn sie einen Bezug zu Prag oder Böhmen haben. Ende November war es die aus Wiesbaden stammende und nun wieder dort lebende Autorin und Theater­regisseurin Jutta Schubert, die aus ihrem 2013 erschienenen Roman „Zu blau der Himmel im Februar“ las. Es ist ein schmaler Band von 167 Seiten, aber diese Seiten haben es in sich.

Schon die wenigen der 19 kurzen Kapitel, die die Autorin zu Gehör brachte, vermittelten den Zuhörern die Spannung, mit der die an äußeren Handlungen eigentlich arme, aber an inneren Erlebnissen überaus reiche Erzählung ihrem dramatischen Schlusspunkt zustrebt. Dabei ist das Ende allen, die je von der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ gehört oder gelesen haben, bekannt: Der Held der Geschichte, Alexander Schmorell, der mit Hans Scholl zusammen die Gruppe begründet hatte, wird nach wenigen Tagen der vergeblichen Flucht aufgespürt, verhaftet und schließlich im April 1943 von dem aus Berlin nach München angereisten Präsidenten des Volksgerichtshofs zum Tode verurteilt.

Was den Spannungsbogen jedoch aufbaut, ist die dichte Schilderung der Gefühle, Gedanken, Zweifel und Ängste von „Alex“ und der Menschen, die ihm in den letzten Wochen und Monaten nahe waren. Es sind nur wenige Tage, die Schuberts Roman umfasst, aber Tage einer psychischen Dramatik, die unter die Haut geht und aufwühlt. Kein Wunder, dass das Gehörte im Prager Literaturhaus ebenso wie nach vielen Lesungen der Autorin vor Schulklassen oder Studentengruppen zu einer lebhaften Diskussion anregt, die rasch die Frage nach dem eigenen Engagement in Gesellschaft und Politik berührt. Kurz vor dem Ende ihres Aufenthaltes in Prag sprach Jutta Schubert mit PZ-Autor Josef Füllenbach über diesen Roman und über ihr neues Projekt.


Frau Schubert, was hat Sie an der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ so bewegt, dass Sie darüber den Roman „Zu blau der Himmel im Februar“ geschrieben haben?

Jutta Schubert: Der Widerstand im Nationalsozialismus hat mich schon immer beschäftigt und war schon mehrfach Gegenstand von anderen Projekten, die ich gemacht habe. Die Weiße Rose hat mich eigentlich immer begeistert. So habe ich angefangen zu recherchieren, weil ich über die Gruppe ein Theaterstück schreiben wollte, wobei es mir vor allem darum ging, die Menschen in den Vordergrund zu stellen, ihre Freundschaften, ihre Beweggründe, ihre Ängste und Hoffnungen. Nicht ihr Heldenstatus war mir wichtig, sondern ihre Befindlichkeit. Dazu habe ich einige Jahre sehr intensiv recherchiert, auch noch mit den Zeitzeugen sprechen können, und auf dieser Grundlage das Stück geschrieben. Das Thema hat mich dann nicht mehr losgelassen, besonders auch das Schicksal von Alexander Schmorell, der ja fast in Vergessenheit geraten ist. Seine gescheiterte Flucht konnte ich im Stück nicht behandeln, sodass ich diese im Roman ins Zentrum gerückt habe.

Und jetzt merke ich, dass es weitergeht, weil ich ja auch Lesungen habe, zum Beispiel in Schulen, vor jungen Leuten; mein Stück wird immer wieder auf die Bühne gebracht. Immer gibt es ein großes Interesse zu hinterfragen, und dabei kommt man in tiefe Gespräche hinein, das freut mich. Oft kommt auch die Frage hoch, wie hätte ich das gemacht, wie hätte ich mich verhalten, das ist eigentlich immer Thema, und das finde ich sehr schön. Auch über mich selbst denke ich dabei nach: Wen gäbe es denn in meinem Umfeld, den ich einbeziehen würde, zu wem hat man so ein Vertrauen, und dann merkt man sehr schnell, dass man diese Leute gerade mal an einer Hand abzählen kann. Hier in Prag habe ich am Gedenktag zu zwei großen studentischen Widerstandsaktionen teilnehmen können: dem 25-jährigen Jubiläum der Samtenen Revolution und dem 75. Gedenktag an die Studentenproteste gegen die Nazi-Okkupation. Da kam ich auch ins Nachdenken über die Gemeinsamkeiten der studentischen Aktionen, die sich ja alle gegen eine brutale und zum äußersten entschlossene Staatsmacht wandten.

Sie haben an zwei literarischen Abenden teilgenommen, bei denen jeweils ein Werk im Mittelpunkt stand, das sich romanhaft mit der Geschichte tatsächlicher historischer Personen befasst: Reiner Stachs Biographie von Franz Kafka und Ludwig Winders Roman „Der Thronfolger. Ein Franz-Ferdinand-Roman“. Wie würden Sie das Verhältnis zwischen Fiktionalem und Faktischem in Ihrem Roman beschreiben im Vergleich zu den beiden genannten Werken?

Schubert: Mein Buch ist unbedingt ein Roman, weil ich ja die emotionalen Beziehungen und die Dialoge zwischen den einzelnen Menschen erfinden musste und wollte. Ich habe versucht, mich in diesen Alexander Schmorell sehr genau hineinzuversetzen und mich deshalb bemüht, so viel wie möglich von ihm und von den anderen Figuren zu erfahren, die vorkommen. Und die einzige Form, die für mich in Frage kam, war der Roman, weil ich eben szenisch schreiben, die Gefühle und die Beweggründe der Menschen schildern und sie als Menschen nahebringen wollte. Es ging mir nicht darum, eine Biographie zu schreiben. Deshalb zeige ich nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Leben der Figuren, nur wenige Tage, keinen Überblick über das ganze Leben. Jenseits der Fakten, die ja alle sehr gut in Sachbüchern und Biographien aufgearbeitet sind, wollte ich einen Einblick in die Psyche und die Motivation geben. Andererseits bin ich ein Verfechter von historischen Wahrheiten, ich möchte eigentlich so nah wie möglich an der historischen Person bleiben. Deshalb kommt meine Arbeit dem sehr nahe, wie Ludwig Winder gearbeitet hat.

Die historischen Wahrheiten machen schon einen gewissen Reiz an meiner Arbeit aus. Das Fiktionale findet sich in den Gedanken, Gefühlen und Dialogen, die ihrerseits wiederum in den recherchierten Fakten wurzeln. Mit zwei Personen, die Hans Scholl nahestanden, aber mit dem Widerstand nichts zu tun hatten, Lilo und Nikolai, konnte ich noch sprechen. Sie haben mir sehr viel erzählt, was in den Roman eingeflossen ist. Beide sind im letzten Jahr verstorben, haben aber den Roman noch lesen können. Und beide haben nach der Lektüre gesagt: Es war so. Das finde ich toll.

Sie arbeiten an einem neuen Buch über Franz Kafka und seine Frauen. Bestimmt wird es wieder ein Roman sein.

Schubert: Ja, es soll auch ein Roman werden, kein Sachbuch, wovon es zu dem Thema ja schon viele gibt. Ich werde nicht aus Kafkas Perspektive schreiben, sondern der Blick auf ihn durch die Augen der Frauen interessiert mich. Ich hatte vor einigen Jahren, 2010, schon mal ein Projekt im Theater in Luxemburg gemacht. Der Abend hieß Kafkas Büro und war eine Mischung aus Schauspiel, Musiktheater und Tanz; das Projekt bestand darin, Kafkas Leben auf dem Theater facettenartig, kollagenartig darzustellen. Bei den Recherchen für dieses Projekt bin ich eigentlich auf die Idee dieses Projekts über Kafkas Frauen gekommen. Das Schicksal von Milena hat mich sehr bewegt: Obwohl die Freundschaft mit Kafka nur ein kleiner Teil von ihr war: Was bedeutete Kafka für sie, was sie für ihn. Auch in Bezug auf Felice Bauer kann man diese Frage stellen. Ich muss noch sehen, was ich daraus mache. Ich denke mal, das wird auch so ein mehrstimmiger Chor werden, multiper­spektivisch aufgebaut, wie schon der Roman über die Weiße Rose. Verschiedene Frauen schauen aus ihrem Leben heraus auf Kafka und eben nicht nur auf ihn als Autor, sondern auf den Menschen.

Hat Ihr erster Aufenthalt in Prag Sie bei Ihrem Projekt vorangebracht?

Schubert: Ich will ja nichts Neues über Kafka, sondern einen anderen Zugang zu ihm finden. Hier in Prag war mein Anliegen, seine Welt zu sehen. Das ist mir gelungen; es ist eine kleine Welt. Auch wenn vieles nicht mehr da ist, lässt sich seine Welt gut erschließen. Ich habe jetzt ein Gespür dafür bekommen, ein körperliches Gespür, das ist sehr, sehr hilfreich und auch notwendig. Ansonsten geht es mir um einen fremden Blick, eben den Blick aus jenen Frauenleben heraus, wie wirkt er, wenn man als Frau auf ihn blickt. Ich weiß nicht, ob es gelingen wird, es ist ja ein schwieriges Unterfangen. Mein Aufenthalt hat auf jeden Fall dazu beigetragen, das Vorhaben zu vertiefen.

Foto: Björn Steinz

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