20. April 2018,

Leidenschaft zwischen den Zeilen

08. 10. 2014

„Wahnsinnig traurige Geschichten“ der tschechischen Bestsellerautorin Tereza Boučková sind soeben in deutscher Übersetzung erschienen

Sie wollte Schauspielerin werden. Es kam anders. Tereza Boučková wurde Putzfrau, noch dazu eine, die nicht jeder anstellen wollte. Und das deswegen, weil sie die Tochter eines Regimegegners war, des Schriftstellers Pavel Kohout, der nach Wien ging und seine Familie in Prag zurückließ. Die Jugendjahre zu Zeiten der kommunistischen Diktatur sind ein bitteres Kapitel im Leben von Tereza Boučková. Damals, sagt sie, habe sie darunter gelitten, die Talente, die sie in sich spürte, nicht nutzen zu dürfen.

Heute ist sie eine erfolgreiche Autorin, ihre autobiografischen Romane „Indianský běh“ („Indianerlauf“) und „Rok kohouta“ („Das Jahr des Hahns“) wurden Bestseller in Tschechien. Sie schrieb auch Bühnenstücke und Drehbücher zu zwei Filmen. In „Das Jahr des Hahns“, erschienen 2008, erzählt Boučková ein weiteres bitteres Kapitel ihres Lebens – ihr Scheitern als Adoptivmutter zweier Roma-Kinder. Eine harte Erfahrung, ein hartes Buch. Im Ausland wollte den Roman keiner verlegen. Das wird sich bald ändern.

Unverhofft gelang der tschechischen Schriftstellerin nämlich ein Durchbruch. Ihr neuestes Werk, eine Kurzgeschichtensammlung, ist gerade in deutscher Übersetzung im Karl-Rauch-Verlag erschienen. Im kommenden Frühjahr soll „Das Jahr des Hahns“ folgen.

Ihre Erzählungen nannte Tereza Boučková „Wahnsinnig traurige Geschichten“ („Šíleně smutné povídky“). In knapper, dichter Sprache erzählt sie von zerfallenden Ehen, zerstörten Freundschaften, von Krankheit, Enttäuschung, Einsamkeit. Doch die Tragödien, dreizehn an der Zahl, erdrücken nicht. Denn die Autorin hat sie mit feinem Witz durchwoben. Allesamt spielen sie im Alltag. Jeder Mann, jede Frau kann sich in den tragischen Helden wiederfinden, die Boučková zeichnet. Da ist zum Beispiel Ingenieur Mrázek, ein erfolgreicher Unternehmer. Denn er leidet unter allgegenwärtigem Lärm, der ihn am Arbeiten hindert. Straßenlärm. Nachtlärm. Hundebellen. Und wenn er am Samstag im Garten seines Wochenendhauses in Ruhe zu arbeiten hofft, fangen die Nachbarn mit dem Rasenmähen an. Am Waldrand fährt ein Traktor und im Wald schreit die Motorsäge …

„Ich bin Ingenieur Mrázek“, sagt Tereza Boučková und lacht. Sie sitzt in einem Café, ein Glas Bier vor sich und erzählt mit klarer Stimme von ihrem Leben auf dem Land, in einem Naturschutzgebiet nahe Prag. Mitten im Wald, gegenüber einem Felsen steht ein Häuschen, das sie von ihrem Großvater erbte. Dort lebt sie seit knapp dreißig Jahren, dort hat sie viele Kämpfe ausgefochten, viele schöne, aber auch sehr bittere Situationen erlebt und durchgestanden.

Sie sehnte sich danach, eine Familie zu haben, doch die Ärzte diagnostizierten bei ihr Unfruchtbarkeit. Gemeinsam mit ihrem Mann beschloss Tereza Boučková also, vernachlässigten, ausgesetzten Kindern ein Zuhause zu schenken. Das Ehepaar adoptierte zwei Roma-Jungen aus einem Kinderheim, beide im Alter von einem Jahr. Später kam dann doch noch das ersehnte eigene Kind zur Welt, ein dritter Sohn. Die beiden Roma-Jungen verschmähten schließlich die Liebe ihrer Adoptiveltern und all ihre Mühe, ihnen ein gutes Leben zu schenken. Als sie in die Pubertät kamen, rissen sie aus, wollten sich an keine Regeln und Verpflichtungen mehr halten. Sie fingen an zu stehlen, zu lügen, zu betrügen. Sie nahmen Drogen. Sie wollten nicht mehr in die Schule gehen, wollten auf der Straße leben.

Tereza Boučková verlor den Boden unter den Füßen, rutschte in eine tiefe Lebenskrise. Sie spricht offen darüber, senkt die Augen nicht, sitzt kerzengerade, immer wieder lacht sie kristallklar. Gebrochen wirkt sie nicht, vielmehr wie eine, die ihre Lebenskraft kaum bändigen kann. Funken sprühen aus ihren Augen. Auch dann, wenn sie davon spricht, wie sie als Autorin leidet: „Ich quäle mich beim Schreiben, schrecklich“, sagt sie. Und hinter dem Gesagten pulsiert die Leidenschaft. Oft genug habe sie sich gewünscht, eine normale Frau zu sein, frei von dem Bedürfnis zu schreiben. „Es geht nicht“, sagt sie. Und zitiert eine weise alte Dame, die Nichte von Franz Kafka und ihre Freundin Věra Saudková: „Der arme Schriftsteller schreibt, bis er verrückt wird oder er schreibt nicht – bis er verrückt wird.“ Wie wahr das sei …

Tereza Boučková entschied sich für das erstere. Und so leidet sie. Nicht nur unter Lärm, wie Ingenieur Mrázek in einer ihrer wahnsinnig traurigen Geschichten. Sie leidet an ihrem Anspruch an sich selbst und vor allem auch daran, dass sie vieles innerlich bewegt. Gleichgültigkeit ist nicht ihr Gemütszustand. Der russische Komponist Dmitri Schostakowitsch soll einmal gesagt haben: „Die beste Art und Weise das zu behalten, woran wir hängen, ist Achtlosigkeit. Alles, was wir zu sehr lieben, geht verloren.“ Dieser Satz ist Tereza Boučková sehr wichtig, er scheint ihr Kraft und Hoffnung zu geben. Etwas mehr Achtlosigkeit will sie lernen, dann würden Dinge auch besser gelingen, meint sie. Doch ganz und gar beruhigen will sie sich nicht: „Mein Arbeitsinstrument sind Gefühle“, sagt sie. „Als Schriftstellerin muss ich empfindlich bleiben, um im Leser Gefühle zu wecken.“

Derzeit arbeitet sie an einem neuen Buch, das gibt sie zu. Was es ist, das will sie nicht verraten. Vielleicht will sie noch einmal das Schicksal ihrer verlorenen Adoptivsöhne zu Literatur machen, wer weiß.


Tereza Boučková: Wahnsinnig traurige Geschichten. Übersetzt von Raija Hauck, Karl-Rauch-Verlag, September 2014, 18 Euro

Zur Frankfurter Buchmesse: Lesung mit anschließender Diskussion, Donnerstag, 9. Oktober, 19.30 Uhr, Freimaurerloge zur Einigkeit (Kaiserstraße 37, 60329 Frankfurt)


Weitere Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt:

Jaroslav Hašek: Die Abenteuer des guten Soldaten Svejk im Weltkrieg. Neue zeitgemäße Übersetzung, mit einem Nachwort von Jaroslav Rudiš, Reclam-Verlag, Februar 2014, 29,95 Euro (Artikel in PZ-Ausgabe 7/2014 vom 13. Februar)

Jaroslav Rudiš: Vom Ende des Punks in Helsinki. Roman, Luchterhand Literaturverlag, März 2014, 14,99 Euro (Artikel in PZ-Ausgabe Nr. 11/2014 vom 13. März)

Jährlich erscheinen etwa 200 Titel tschechischer Literatur im Ausland, etwa die Hälfte davon stammt von Autoren, die ihre Werke nach 1989 verfasst haben.

Text: Maria Sileny, Foto: Martin Vítek

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