30. April 2017,

Sehnsucht nach Entgrenzung

20. 03. 2014

Die Leipziger Choreografin Heike Hennig setzt sich in einem Theaterstück mit der Droge Crystal Meth auseinander

 

Im deutsch-tschechischen Grenzgebiet blüht der Handel mit Crystal Meth. Innerhalb weniger Jahre hat sich die Mode­droge in einigen Regionen zu einem gesellschaftlichen Problem entwickelt, das beunruhigende Ausmaße annimmt. Die Droge hat auch Heike Hennig nicht mehr losgelassen. Bei einem Elternabend an der Schule ihres jüngsten Sohnes erfuhr die Leipziger Choreografin vom Crystal-Schmuggel unter den Jugendlichen. Die Bestürzung und Sorge der Eltern, der Alptraum von der Abhängigkeit und der zerstörerische Rausch – das Thema beschäftigte Hennig anderthalb Jahre, bis sie es choreografisch in eine Form brachte. Ende Februar schließlich feierte „Crystal – Variationen über Rausch“ in Leverkusen Premiere, seit März ist es in Leipzig im Theater der Jungen Welt zu sehen.

Ernsthaft, aber mit Leichtigkeit thematisiert das Theaterstück mittels Musik und Tanz die euphorische Ekstase, die schließlich in Schmerz und Zerstörung mündet. Drei Tänzer und drei Schauspieler loten auf der Bühne mit dynamischen Bewegungen und wenigen Worten die Grenzen von Körper, Raum und Zeit aus. Sie tanzen sich in Trance, verlieren sich im Liebeswahn und entladen ihre Aggressionen in Prügeleien. Die drastische Inszenierung von Hennig spielt auch auf die Geschichte von Crystal Meth an. 1938 offiziell als Pervitin von den deutschen Temmler-Werken in Umlauf gebracht, wurde die Droge im Zweiten Weltkrieg als sogenannte Panzerschokolade eingesetzt. Sie sollte die Soldaten der Wehrmacht leistungsfähiger machen und Angstgefühle dämpfen.

Grundlegende Fragen
Was mit einem schwerelosen Glückstaumel begann, endet in Isolation und Verzweiflung. Crystal – im Stück als wunderschöne, unnahbare Frau verkörpert, nach der sich alle verzehren – entpuppt sich als Teufelszeug, als „Krieg gegen sich selbst“, wie Hennig erklärt. Denn Crystal bedeutet Selbstzerstörung und Kampf gegen den eigenen Körper. Das weiß die 46-jährige Choreografin und Regisseurin aus eigenen Beobachtungen. Ein Jahr lang recherchierte sie ausgiebig für ihr Stück, traf Abhängige, Angehörige von Drogensüchtigen und Psychologen. Was Hennig erfuhr und sah, schockierte sie zutiefst. Vom Menschen lässt die Droge oftmals nicht viel übrig.

Aber „das Stück ist kein Therapietheater“, betont sie. Ihr geht es vielmehr um ganz grundlegende Fragen: Warum werden Drogen überhaupt genommen? Was macht uns heute so anfällig für den Rauschgiftkonsum? Dabei zielt Hennig nicht vordergründig darauf ab, Drogen per se zu verteufeln.

„Der Rausch ist ja inhärent in uns – wir können in uns bleiben, aber auch aus uns heraustreten“, erklärt die Tänzerin. Das Dionysische, Rauschhafte gilt seit Jahrtausenden als Weg, Grenzen zu überschreiten. Ob man sich in Trance tanzt oder singt, mit einem Bungee-Jumping-Seil von einer Brücke springt oder im Rennauto über die Straßen rast – die Menschheit kennt viele Variationen des Rausches. Dass sich Drogen dabei zu einem beliebten Vehikel entwickelt haben, liegt vor allem an der Gesellschaft. „Sie helfen, den heftigen Alltag zu bewältigen, mit dem Druck, den Anforderungen und Befehlen umgehen zu können“, so Hennig. Mit der Choreografie will sie daher vor allem einen Impuls für eine menschenfreundlichere Gesellschaft geben. Sie ist auch ein Appell daran, an sich zu glauben, so wie man ist. „Verzichte auf diese Höllendroge! Tanze, lebe, lies, treff dich mit Freunden und vor allem lass dich nicht manipulieren von irgendwelchen Vorbildern“, fasst Hennig ihre Botschaft zusammen.

Bisher sei diese sehr positiv aufgenommen worden, sagt die Choreografin. Nach den Vorstellungen hätten sich rege Gespräche mit dem Publikum entwickelt. So sind im Anschluss an die Aufführungen nun meist Podiumsdiskussionen eingeplant. Im Frühsommer und Herbst soll das Stück auf Reisen gehen. Auf dem Programm stehen Auftritte in Dresden und der Justizvollzugsanstalt Waldheim. Auch über eine Einladung nach Prag würde sich Hennig freuen. 



Nächste Aufführungen

Theater der Jungen Welt Leipzig
29. März, 19.30 Uhr
31. März, 11 Uhr
1. April, 11 und 19.30 Uhr
Karten: 9 Euro (ermäßigt 6 Euro), www.theaterderjungenweltleipzig.de

Text: Franziska Neudert, Foto: Mathias Rümmler

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