16. November 2018,

Dem Böhmakeln auf der Spur

12. 03. 2014

Bamberger Sprachwissenschaftler forschen über die verschwundene Mischsprache

Wer erklären möchte, was es mit dem Begriff „Böhmakeln“ auf sich hat, kommt ohne einen historischen Abriss kaum aus. Denn wären um 1850 nicht zahlreiche Böhmen nach Wien ausgewandert, dann wäre diese Mischsprache vielleicht nie entstanden. Im Zentrum der österreich-ungarischen Monarchie war die Nachfrage nach Arbeitern damals durch die zunehmende Industrialisierung gewachsen. Deshalb suchten vor allem böhmische Handwerker bessere Verdienstmöglichkeiten und ließen sich oft langfristig in der Stadt nieder.

Die deutsche Sprache lernten sie durch Hörensagen: Hier und da schnappten sie ein paar Wörter und Wendungen auf, Wortschatzlücken füllten sie durch ihren eigenen Dialekt. Es entstand das sogenannte Böhmakeln, eine deutsch-tschechische Mischsprache. Gesprochen wurde sie von tschechischen Muttersprachlern, die sich ihre Deutschkenntnisse allein durch den Kontakt mit ihrer Umwelt angeeignet hatten, ganz ohne gesteuerten Sprachunterricht.

Dass das Böhmakeln endgültig in Vergessenheit gerät, will nun ein deutsch-tschechisch-österreichisches Forscherteam verhindern. Im vergangenen Jahr initiierte Helmut Glück, Professor für Deutsche Sprachwissenschaft und Deutsch als Fremdsprache an der Universität Bamberg, ein Projekt zu dieser historischen Mischsprache. Unterstützt vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, ergründen er und Projektleiterin Bettina Morcinek seit Herbst 2013 die Wurzeln des Böhmakelns. Sie betreten damit linguistisches Neuland. Denn eine systematische sprachwissenschaftliche Untersuchung zu der tschechisch-deutschen Mischsprache existiert bisher nicht. Zudem wird das Böhmakeln in der Form, wie Glück und Morcinek es untersuchen, heute nicht mehr gesprochen.

„Das Böhmakeln verschwand nach 1945 zusammen mit der tschechischen Minderheit aus der öffentlichen Wahrnehmung. Die Wiener Tschechen und ihre Nachkommen assimilierten sich zunehmend oder gingen in ihre alte Heimat zurück“, erklärt Bettina Morcinek.

Wie viele Personen tatsächlich geböhmakelt haben, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Einserseits unterschieden sich die individuellen Sprachfertigkeiten erheblich voneinander – „vom mühsamen Radebrechen einiger deutscher Wörter bis hin zur sehr guten Beherrschung des Deutschen“, so Morcinek. Andererseits kann auch die Anzahl der böhmischen Einwanderer nicht eindeutig bestimmt werden. Schätzungen zufolge lebten zwischen 200.000 und 600.000 Böhmen im späten 19. Jahrhundert in Wien. „Realistisch betrachtet waren es wohl um die 300.000“, erläutert die Sprachwissenschaftlerin.

Auf tschechischer Seite beteiligen sich die beiden Germanisten Karsten Rinas und Veronika Opletalová von der Palacký-Universität in Olomouc am Projekt. Auf österreichischer Seite helfen Hans Haider sowie Hilde Haider-Pregler von der Universität Wien an der Erkundung des Böhmakelns. Nach einem ersten Forschungstreffen im November 2013 in Wien wollen die Wissenschaftler im April in Bamberg zusammenkommen. Das Projektteam durchstöbert vor allem Archive und liest sich quer durch die deutsch- und tschechischsprachige Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts. Auch journalistische Texte und Fundus von Theater, Kabarett und Musik werden durchstreift. „Die Belege, die wir gefunden haben, sind nicht authentisch, sondern Nachahmungen der charakteristischen Merkmale des Böhmakelns“, so Morcinek.

Da das Böhmakeln eine gesprochene Sprache war und der Verständigung im Alltag diente, existierte es auch nicht als Literatursprache. Von Wiener Volksdichtern wurde es dennoch aufgegriffen und in Theaterstücken verwendet, um in Possen oder sogenannten Charakterbildern typische Figuren des Wiener Alltagslebens nachzuzeichnen. In Stücken von beipielsweise Johann Nestroy, Friedrich Kaier oder Alois Berla verkörperten Personen wie der böhmische Schuster oder das böhmische Stubenmädchen meist den komischen Part, die böhmische Witzfigur. „Man kann sagen, dass in dieser Zeit das Böhmakeln mit zärtlichem Spott bedacht worden ist, denn man war sich bewusst, dass die Wiener Tschechen durch ihre Arbeit einen wichtigen Beitrag zum Funktionieren der Gesellschaft leisteten“, weiß Morcinek.

Annähernd authentisch könnten laut Morcinek womöglich Werke Wiener Kaberettisten oder Literaturschaffender sein, die selbst in Böhmen aufgewachsen waren oder aus einem tschechisch-deutschen Milieu kamen und daher die Sprechweise imitieren konnten, wie zum Beipiel Maxi Böhm, Heinz Conrads, Hans Moser oder Georg Kreisler. „Von Kreisler gibt es einen Hörbeleg, der eine Vorstellung vom Böhmakeln gibt und obendrein lustig ist, nämlich die ,Telefonbuchpolka’. Man kann sie sogar auf Youtube hören“, wie Morcinek hinzufügt.

Ziel des Projektes ist es, möglichst viele Belege für das Böhmakeln in einem linguistisch kommentierten Sammelband zusammenzustellen. Die Resultate sollen Philologen, Historikern und Soziologen für weitere Recherchen dienen, aber auch jenen Lesern, die sich für die Geschichte der sprachlichen und kulturellen Kontakte zwischen Deutschen, Österreichern und Tschechen interessieren.  



Böhmakeln – eine Kostprobe
Auszug aus dem Theaterstück „Ein toller Tag oder: Noch ein Wiener Dienstbote“ von Carl Juin (Guigno), 1858

In der folgenden, gekürzten Szene sucht die Böhmin Babuschka eine Stelle als Bedienstete im Haushalt des Heu- und Strohlieferanten Herrn von Hitzig in Wien. Hitzig spricht Wienerisch, Babuschka böhmakelt. Die tschechischen Ausdrücke sind orthographisch so beschaffen, dass sie ein Nicht-Tschechischsprachiger lesen kann. Manche Schreibweisen sind aus heutiger Sicht altertümlich. Man erkennt einige typische Merkmale des Böhmakelns: die verschliffene Aussprache von Wiener Floskeln, die mit dem Spracherwerb durch das Hörensagen erklärbar ist („Schamster Diene“), falsche Wortstellung vor allem in Nebensätzen („Woher wissen Sie, daß ich bin Böhmin?“), fehlende Artikel bei Substantiven („Schaffte sich Herr an Rostbratl mit Knufl [Knoblauch] und Frau böhmische Dolken, da maschirte Militär bei Kuchelfenster vorbei, ich bin ich ganz weg, wie ich siech Regiment schöne“], nachgestellte Adjektive („Regiment schöne“). Inhaltlich und sprachlich ist die komische Funktion der Böhmin erkennbar.


Babuschka (knixend). Schamste Diene [Gehorsamster Diener]!
Hitzig. Was ist denn das für eine Erscheinung? Ist aber nicht übel.
Babuschka. (knixend). Schamste Diene wünsch ich Ihne. (Knixt). Ich bin ich Babuschka.
Hitzig. Ah, das is merkwürdig, das hätt’ ich ihr gar nicht angsehn. Was will sie denn?
Bab. O das is mir Alles eins, komm ich in Kuchel [Küche], komm ich in Zimmer oder komm ich zu Kindele klane [kleine].
Hitzig. Wo bist denn her, Böhmin?
Bab. A toje, woher wissen Sie, daß ich bin Böhmin? Vielleicht wissen Sie auch, daß ich bin aus Netedetzka und Wasele armes [armes Waisenkind], ich war ich Kind einziges von Mutter meinige, die ist storben in Kindsbett, wie ich acht Jahr alt war.
[…]
Hitzig. Na, und hat sie schon gedient, hat sie ein Zeugniß?
Bab. (stolz). Was? Zeugniß einzige nur und bin ich schon Jahr auf Wien? Das is e Zeugniß genug, daß ich bin verläßliches Dienstbot. (Oeffnet den Korb, der ganz mit Schriften voll ist.)
Hitzig. Was? Der ganze Korb ist voll Zeugniß?
Bab. Alle ne, nur oben, unten ist der Korb Wäschkasten meinige.
Hitzig. Warum ist sie denn aus dem letzten Dienst entlassen worden?
Bab. (tritt näher zu ihm). Weil bin ich wasserscheu.
Hitzig (springt ängstlich auf und will ihr ausweichen). Wird sie schaun, daß sie hinauskommt!
Bab. Ah nit su! Frau wohnt bei Schönbrunner Linie, und ich sollt ich täglich Schaffel Wasser bei Schanzel-Donau holen, zu Kindl waschen.
Hitzig (setzt sich beruhigt). Ach so!
Bab. O ja, mam schetzki Marel [Marel = Malheur] in Dienst. In vorletzte Dienst, wie me kommen zu Mittagmal, is e nix da von Rindfleisch und Frau sagte, ich hätt ich fressen.
Hitzig. Na, das ist doch klar.
Bab. (weint). Alle nenji prawda, war ich unschuldig. Sie wissens, bei Zentner Fleisch siedt sich immer 4 Pfund ein, da hab ich in Bank [Fleischbank; beim Fleischer] grad erwischt unglückliche
4 Pfund, was siedte sich bei Zentner ein.
[…]
Hitzig. Ah das is a feine.
Bab. In vorvorletzte Dienst bin ich wegkummen wegen Patriotismus.
Hitzig. Wie so?
Bab. Schaffte sich Herr an Rostbratl mit Knufl [Knoblauch]und Frau böhmische Dolken, da maschirte Militär bei Kuchelfenster vorbei, ich bin ich ganz weg, wie ich siech Regiment schöne, ich thu ich Knofl auf Dalken und streich ich Powidl auf Rostbratl!
O moui Bosche, wenn ich nicht hätte lauter Unglück, wär ich noch in gute Dienst erste meinige bei große Kaufmann auf Graben.

Text: fn/al, Foto: Uni Bamberg

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