18. Februar 2019,

Von Schuld und Sühne

02. 10. 2013

Im Roman „Erben des Schweigens“ schickt Sabine Dittrich eine junge Frau auf Spurensuche in der deutsch-tschechischen Vergangenheit

 

Jael ist selbstständige Grafikerin. Im Urlaub mit der Familie ihrer Schwester entdeckt sie zufällig einen verwahrlosten Friedhof. Sie tritt näher, streift zwischen den Grabsteinen umher und erblickt plötzlich eine Inschrift : „Jael Winterstejn“. Jeder andere Name hätte sie nicht weiter verwundert, doch dieser bestürzt sie. Es ist ihr Name, der ihr bisher einmalig erschien – allein ihre Großmutter hatte genauso geheißen. In diesem Moment tauchen wage Erinnerungen in der jungen Frau auf. Geschichten über ihre Herkunft und Bilder aus einer überlieferten Vergangenheit. Jael möchte mehr erfahren über ihre Großmutter, deren jüdische Wurzeln ihr zum Verhängnis wurden. Und sie möchte wissen, woher sie eigentlich kommt und wer sie ist. Also begibt sich Jael nach Prag, die Stadt, in der sowohl ihre Mutter als auch ihre Großmutter zur Welt kamen. Die Stadt, die Jael als fremder, düsterer Ort in ihren nächtlichen Träumen heimsucht.

„Nicht jüdisch genug“
Prag empfängt Jael mit seiner goldenen Seite, schnell verliebt sie sich in die Stadt. Und in den Lehrer Radek, dem sie gleich am Tag ihrer Ankunft begegnet. Mit Radek geht Jael auf Streifzug durch die Zeitgeschichte, setzt sich mit der deutsch-jüdischen und tschechisch-deutschen Vergangenheit sowie mit Krieg und Vertreibung auseinander. Immer wieder stellt Jael dabei Fragen nach der Schuld und wie diese verarbeitet und überwunden werden kann. Auch sich selbst hinterfragt sie. Bei einem Besuch der Gedenkstätte Theresienstadt erinnert sich Jael an einen Schulausflug nach Dachau, bei dem sie nicht die erwartete Betroffenheit gezeigt hatte: „Während einige meiner Schulkameradinnen sich vorübergehend schämten, Deutsche zu sein, schämte ich mich insgeheim, nicht jüdisch genug zu empfinden.“

Sabine Dittrich gelingt es in ihrem Roman, ein komplexes Thema auf nahezu leichtfüßige Art zu beleuchten. Aus der Ich-Perspektive geschrieben, verpackt in eine milde Liebesgeschichte, macht sie ihre Protagonisten zu Verfechtern für Vergebung und Unvoreingenommenheit. Am Ende des Buches erklärt die Autorin im Kapitel „deutsch-tschechische Geschichte im Schnelldurchlauf“ dem Unkundigen kurz und knapp die Gründe für das komplizierte Verhältnis beider Länder.

Sich selbst bezeichnet sie als eine Erbin des Schweigens, redete ihr Vater doch bis zu seinem Tod nie über seine Kindheit in Schlesien, die Erlebnisse an der Ostfront oder seine russische Gefangenschaft. Für Leser, die mehr erfahren möchten, hat Dittrich eine Webseite erstellt. Unter www.erbendesschweigens.de sind Materialien, Literatur- und Filmtipps sowie Informationen über die Autorin zu finden. 

Sabine Dittrich: Erben des Schweigens. Schwarzenfeld 2013. Neufeld-Verlag. 141 Seiten, 12,90 Euro, ISBN 978-3-86256-042-4

Text: fn, Foto: Neufeld-Verlag

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