16. November 2018,

Kurbäder wollen Weltkulturerbe werden

29. 08. 2013

Karlsbad führt europaweite Initiative „Great Spas of Europe“ an – auch das fränkische Bad Kissingen ist beteiligt und erhofft sich neue Impulse

Kooperation statt Konkurrenz: Europas bekannteste Kur- und Badestädte wollen UNESCO-Weltkulturerbe werden und sich gemeinsam um eine Aufnahme in die Liste bewerben. Dafür werden sie voraussichtlich im Frühjahr 2014 einen Antrag unter dem Projektnamen „Great Spas of Europe“ stellen. Die Bewerbung erfolgt unter Federführung der Stadt Karlovy Vary (Karlsbad). Denn allein aus Tschechien nehmen nach derzeitigem Stand vier der 13 europäischen Kurorte teil: neben den weithin bekannten Städten des westböhmischen Bäderdreiecks Karlsbad, Marienbad (Mariánské Lázně) und Franzensbad (Františkovy Lázně) auch das weniger renommierte Luhačovice, das im südöstlichen Mähren liegt.

Karlsbads Oberbürgermeister Petr Kulhánek (KOA) ist somit gleichsam der Kopf für die länderübergreifende Initiative, die vom tschechischen Kulturministerium initiiert wurde. Auch die fünf beteiligten Kurorte aus Deutschland nutzen das tschechische Ticket, ohne andere deutsche Bewerbungen zu blockieren.

Dafür unterzeichneten die „Great Spas of Europe“ bereits eine gemeinsame Vereinbarung. Allen Teilnehmern ist gemein, dass sie schon im 19. und frühen 20. Jahrhundert anerkannte Kur- und Moorbäder waren und das Phänomen „Kur und Kurgesellschaft“ in Europa prägten. Mit der Deklaration wurde die Zusammenarbeit für die transnationale Bewerbung um die UNESCO-Aufnahme auf den Weg gebracht. „Wir zählen zur ersten Liga der Bäder in Europa, deshalb gehören wir ohne Frage dazu“, begrüßt Bad Kissingens Oberbürgermeister Kay Blankenburg (SPD) die gemeinsamen Anstrengungen.

Intensive Vorbereitungen


Seine Stadt steht beispielhaft für die international anerkannten Kurstädte Europas. Die Bad Kissinger Kurarchitektur und -infrastruktur, Siedlungstopografie und der Zustand des baulichen Erbes erfüllen nach Ansicht der Stadtverwaltung „in hohem Maß die von der UNESCO geforderten Kriterien von Authentizität und Integrität.“ Die im 19. Jahrhundert geschaffene „Kurlandschaft“ ist weitgehend erhalten geblieben. Bad Kissingen weist zudem herausragende historische Gebäude wie den Anfang des 20. Jahrhunderts geschaffenen Regentenbau und die Wandelhalle auf, die größte Trinkkurhalle der Welt. Ebenso eine imposante und über Jahrhunderte entwickelte Kuranlage.

„In welcher anderen Stadt werden die traditionellen Kurgebäude noch heute in ihrer ursprünglichen Funktion genutzt?“, fragt Oberbürgermeister Blankenburg rhetorisch, um gleich selbst die Antwort zu geben: „Das gibt es so fast nur bei uns.“ Gerne erinnert sich Bad Kissingen auch seiner historischen Gäste: Reichskanzler Otto von Bismarck und Österreichs Kaiserin Elisabeth – die berühmte Sissi – kamen mehrfach zur Kur an die Fränkische Saale, ebenso Zaren und andere Mitglieder europäischer Königshäuser.

Das „Who is Who“ vergangener Zeiten feiert die Stadt, die nach einer Umfrage der bekannteste Kurort in Deutschland ist und etwa 1,5 Millionen Übernachtungen pro Jahr zählt, regelmäßig mit ihrem nach dem ungarischen Freiheitskämpfer benannten Rákóczi-Fest. Bad Kissingen bereitet sich schon seit Jahren intensiv auf die Bewerbung vor. In diesem Rahmen empfingen die Stadtverantwortlichen bereits im Januar 2012 eine Delegation aus Karlsbad mit Oberbürgermeister Kulhánek an der Spitze. Wenige Tage später trafen sich Abgesandte aller Städte in Karlsbad zu einem ersten Arbeitstreffen. Eine Steuerungsgruppe, die politische und Management-Aufgaben übernimmt, kam Ende März im englischen Bath zusammen.

Gerade hat Bad Kissingen eine wichtige Hürde genommen: Die fränkische Kurstadt wurde von der Konferenz der Kultusminister der Bundesländer in die deutsche Vorschlagliste aufgenommen. Zwei Kriterien waren dafür entscheidend. Zum einen das materielle Erbe der Stadt, also die Architektur der Kurgebäude. Zum anderen das immaterielle Erbe – neben den berühmten Kurgästen auch die Entwicklung der Kurmedizin im 19. Jahrhundert und die therapeutische Landschaft. Mit der Aufnahme in die Vorschlagsliste wurde eine Grundvoraussetzung dafür erfüllt, dass Bad Kissingen am transnationalen Projekt „Great Spas of Europe“ teilnehmen kann. Und für Bad Kissingen ist sie ein Beweis, dass der Freistaat Bayern und die Bundesrepublik hinter der Bewerbung stehen. „Ich begrüße es sehr, dass sich Bad Kissingen gemeinsam mit anderen bedeutenden Kurorten Europas um eine Eintragung in die Liste des UNESCO-Welterbes bemüht“, sagte Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU). „Diese Städte waren wichtige Kommunikationszentren des 19. Jahrhunderts, in denen sich die bürgerliche Gesellschaft erstmals zusammenfand.“

Positive Wirkkraft

Die Bäder erhoffen sich von ihrer gemeinsamen Initiative nicht nur ideell „den Rang, der ihnen von ihrer historischen und kulturgeschichtlichen Bedeutung her gebührt.“ Vielmehr wollen sie als UNESCO-Welterbe ihren internationalen Bekanntheitsgrad weiter steigern. Eine durchaus reelle Hoffnung.

„Die positive Wirkkraft einer Auszeichnung als Weltkulturerbe-Stätte ist nicht in Zahlen zu fassen“, weiß etwa Klaus Stieringer, Leiter des Stadtmarketing von Bamberg, aus Erfahrung. Die fränkische Universitätsstadt, schon lange dem ersten Prager Stadtbezirk partnerschaftlich verbunden, ist seit 20 Jahren eine UNESCO-Weltkulturerbestadt. Für die Bürger wie für die Vermarktung der Stadt böte sich über diese weltweit anerkannte Marke ein unschätzbares Potential, so Stieringer.

Bad Kissingen erhofft sich davon eine noch stärkere Identifikation seiner Bürger mit der eigenen Stadt und deren Rückbesinnung auf die Geschichte hin zu einem Weltbad. Zudem setzen die Planer auf eine weitere Steigerung der Gästezahlen. „Es gibt einen regelrechten Tourismus vermögender Leute, die gezielt Welterbestädte aufsuchen“, sagt Kulturreferent Peter Weidisch. Kommt es zur Anerkennung, wären in Bad Kissingen vor allem die Kuranlagen und zentralen Gebäude geschützt. „Das heißt aber nicht, dass damit gleichsam eine Glaskuppel über die Stadt gestülpt und sie zu einem einzigen Museum wird“, so Weidisch. Es dürfe nur keine gravierende Veränderung eintreten und gewisse Sichtachsen müssten erhalten bleiben. Weidisch geht davon aus, dass künftig deshalb eher mehr als weniger in die Substanz investiert wird. „Ich sehe durch die Bewerbung keinen einzigen Nachteil“, fügt er an. „Macht es, jetzt bietet sich die Chance“, rät auch Klaus Stieringer den Kurstädten.

Mitte September kommt die Lenkungsgruppe aus Vertretern aller Städte nach Bad Kissingen, um weitere Schritte abzustimmen und das Budget zu klären. Ob die Kurorte gemeinsam Weltkulturerbe werden, entscheidet sich frühestens 2015.

Text: Klaus Hanisch, Foto: franzfoto

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