17. Oktober 2018,

Zwischen Dichtung und Wahrheit

24. 04. 2013

Vor 200 Jahren besuchte Goethe zum letzten Mal Teplitz. Dort traf er auf die ambitionierte Bettine von Arnim und einen ungehobelten Beethoven

Am 26. April 1813 traf Goethe zu seinem letzten und mit Abstand längsten (107 Tage!) Besuch in Teplitz ein. Davor war der Dichter bereits in den Jahren 1810 und 1812 von Karlsbad, dem häufigsten Ziel seiner insgesamt 17 Reisen zu den nordböhmischen Heilquellen, nach Teplitz gereist. Der Aufenthalt von 1813 war allerdings nicht nur von langer Dauer, sondern auch von langer Weile. Hatte sich die politische Großwetterlage inzwischen doch deutlich verändert. Napoleon war Ende 1812 stark angeschlagen aus Moskau zurückgekehrt, in Deutschland gärte es gewaltig und die Preußen hatten sich gegen den französischen Feldherrn erhoben. Als Resultat zahlreicher Scharmützel waren seit Mai unzählige Verwundete und Flüchtlinge unterschiedlichster Herkunft in Teplitz angelangt. Nach Metternichs Kriegserklärung an Napoleon am 11. August formierten sich die Armeen in Nord- und Nordostböhmen. Goethe hatte noch am Tag vor Ausbruch der Kämpfe Teplitz verlassen, um über Dresden rasch wieder nach Weimar zu gelangen.

Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass der Dichterfürst dieses Mal nicht die bunte und anregende Gesellschaft vorfand, die ihm bei den vorangegangenen Aufenthalten manche Zerstreuung gebracht hatte. Viele Gäste hatten vorzeitig das Weite gesucht oder waren erst gar nicht gekommen. Goethe konstatierte, „Teplitz (ist) für mich zur Wüste geworden. Innerhalb des Ortes begegnet mir nichts Vergnügliches. Was bleibt mir daher übrig, als meinen Schimmeln zuzusprechen, die mich in alle vier Weltgegenden führen.“ Auch wird er, als Bewunderer Napoleons und von diesem mit dem Orden der Ehrenlegion ausgezeichnet, angesichts der dramatischen Wendung allzu politischen Gesprächen eher aus dem Wege gegangen sein. Vor allem aber vermisste er die Anwesenheit der österreichischen Kaiserin Maria Ludovika. Drei Jahre zuvor hatte Goethe die junge Frau in Karlsbad kennengelernt, seit 1812 verband sie eine vertrauliche Beziehung. So nutzte er die langen Wochen 1813 mehr aus Verlegenheit denn aus innerem Bedürfnis zu zahlreichen Ausflügen in die Umgebung, um sich seinen naturkundlichen Studien zu widmen, und auch seine Autobiographie „Dichtung und Wahrheit“ kam mangels Ablenkung ein gutes Stück voran.

Wie anders verliefen dagegen die beiden vorhergehenden Aufenthalte in Teplitz! Goethe, der auch 1810 zunächst – wie bereits sechsmal vorher – in Karlsbad Linderung seiner Beschwerden suchte, brach Anfang August auf Anraten von Freunden seine Zelte dort ab und reiste erstmals nach Teplitz, in das älteste böhmische Heilbad. Dort hatte sich bereits eine illustre Gesellschaft eingefunden, in deren Mittelpunkt die österreichische Kaiserin stand. Der Anwesenheit seines Gönners und Freundes, des Herzogs von Weimar Carl August, verdankte es Goethe, „daß ich viele Menschen sehe und an viele Orte hinkomme, die mir sonst vielleicht fremd wären“ – für Abwechslung und Ablenkung war also gesorgt.

Eine unerwartete und bis heute rätselhafte „Ablenkung“ trug sich schon bald nach Goethes Ankunft zu: Zufällig kam Bettine Brentano – als Schwester von Clemens Brentano und spätere Gattin Achim von Arnims eng mit der Romantiker-Szene verbandelt – auf ihrer Reise von Prag nach Berlin durch Teplitz. Kaum hatte sie von der Anwesenheit des angebeteten, ja geliebten Dichters erfahren, suchte sie diesen spontan in dessen Zimmer auf. Soweit ist das auch von Goethe in einem Brief an seine Frau Christiane überliefert. Über das weitere Geschehen wissen wir nur aus Bettines brieflichen Erinnerungen nach Goethes Tod: Er habe ihr die Kleidung geöffnet und „heftige Küsse“ auf Brust und Hals gedrückt. Dann habe er ihr die Versicherung abgerungen, künftig stets seiner Küsse zu gedenken, „wenn du (...) abends dich entkleidest und die Sterne leuchten dir in den Busen wie jetzt“.

Glühende Verehrerin
Bettine verfolgte Goethe schon seit Jahren mit ihren Besuchen und Briefen. Seit sie die Briefe entdeckt hatte, die Goethes einstige Zuneigung zu ihrer Mutter Maximiliane von La Roche offenbarten, schien ihr Eifer geweckt. Später, erst nach Goethes Tod, brachte sie „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde“ heraus. Darin übertrafen Bettines Briefe an Länge, Anzahl und romantisch-exaltierter Sentimentalität die wenigen Briefe Goethes bei weitem. Vor allem aber hatte Bettine sowohl ihre eigenen, wie auch Goethes Briefe nachträglich im Sinne ihrer erträumten Romanze redigiert, also geschönt. Als die Originalbriefe viel später, in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, bekannt wurden, trat auch diese tendenziöse Diskrepanz (oder sollen wir es Fälschung nennen?) zu Tage. Milan Kundera hat in seinem Roman „Die Unsterblichkeit“ den Fall analysiert mit dem Ergebnis, es sei Bettine nicht um Liebe, sondern um ihre Unsterblichkeit gegangen. Es liegt daher nahe, dass sie auch die abendliche Szene in Goethes Teplitzer Hotelzimmer mit feurigen Farben im Sinne einer wie auch immer motivierten „höheren Wahrheit“ kräftig ausgemalt hat.

Zwei Jahre später, 1812, reiste Goethe erneut von Karlsbad nach Teplitz, diesmal von Carl August, der dort schon die Gesellschaft der Kaiserin Maria Ludovika genoss, geradezu herbeizitiert. Die Kaiserin wollte Goethe nun näher kennenlernen und sich von ihm aus seinen Dichtungen vorlesen lassen. Obwohl sie – ganz im Gegensatz zu Goethe – eine entschiedene Gegnerin Napoleons war und ihn sogar aktiv bekämpfte, kamen sich beide auf poetisch-künstlerischer Ebene rasch nahe. Dass Maria Ludovika als eine geborene d’Este ausgerechnet dem italienischen Adelsgeschlecht entstammte, in dessen Mitte Goethes Drama „Torquato Tasso“ spielt, wird die beiderseitige Sympathie zusätzlich befeuert haben. Bis zur Abreise der Kaiserin am 10. August sahen sie sich fast täglich, tafelten, scherzten und pflegten die Poesie. Goethe war von der Klugheit seiner Gesprächspartnerin ebenso hingerissen wie von ihrer weiblichen Anmut. Die 25-jährige Maria Ludovika fand nicht weniger Gefallen an dem Dichter, der immerhin auf die 64 zuging. Wie schon so oft, war Goethe wieder einmal für eine Unerreichbare entflammt. Zwar blieben die Grenzen zum Unschicklichen wohl unverletzt, aber die Kaiserin musste sich ausdrücklich strengste Diskretion erbitten.

Ungebändigte Persönlichkeit
Der Aufenthalt in Teplitz ging dennoch in die Klatschspalten der Literaturgeschichte ein, woran Maria Ludovika buchstäblich nur am Rande beteiligt war. Beethoven, der ebenfalls zur Bäderkur angereist war, begegnete Goethe in Teplitz zum ersten und einzigen Mal. Einige Tage im Juli trafen sich beide sehr häufig, sei es zum Gespräch beim Tee oder zu Spaziergängen im Schlosspark. Und bei einem dieser gemeinsamen Spaziergänge kam ihnen die Kaiserin samt zahlreichem Gefolge entgegen. Während Goethe artig zur Seite trat, seinen Zylinder lüftete und sich grüßend verbeugte, schritt Beethoven stramm und grimmig durch die sich zwangsläufig zum Spalier aufteilende Adelsgesellschaft hindurch und ließ sich von der Kaiserin zuerst grüßen. Danach soll Beethoven dem 20 Jahre Älteren „den Kopf gewaschen (...) und ihm alle seine Sünden vorgeworfen haben“.

So jedenfalls berichtet es uns Bettine, die diese und weitere Einzelheiten aus einem Brief von Beethoven erfahren haben will. Dass Bettine nicht nur die eigenen, sondern auch fremde Briefe nachträglich für ihre Zwecke zu überarbeiten pflegt, ist bekannt. Sie hatte guten Grund, Goethe gram zu sein. Nachdem nämlich Bettine und Goethes Frau Christiane im Herbst 1811 in Weimar heftig aneinandergeraten waren, angeblich mit Handgreiflichkeiten, war Bettine bei Goethe in Ungnade gefallen. In Teplitz – mit ihrem Mann Achim von Arnim war Bettine ebenfalls anwesend – ignorierte er sie einfach; seiner Christiane schrieb er: „Von Arnims nehme ich nicht die geringste Notiz, ich bin sehr froh daß ich die Tollhäusler los bin.“ Ganz erfunden hat Bettine die Begebenheit vermutlich nicht, denn verbürgt ist Beethovens Feststellung: „Goethe behagt die Hofluft sehr. Mehr als einem Dichter ziemt.“ Und Goethe resümiert: „Er (Beethoven) ist eine ganz ungebändigte Persönlichkeit, die zwar nicht unrecht hat, wenn sie die Welt detestabel findet, aber sie freilich dadurch weder für sich noch für andere genußreicher macht.“

Untröstlich war Goethe, als Maria Ludovika im April 1816 mit noch nicht 30 Jahren an Lungenschwindsucht starb. „Der große Verlust“, so schrieb er seinem Verleger Cotta, „den ich dieses Jahr durch den Tod (...) der Kaiserin von Österreich erlitten, hat mich so getroffen, daß mein poetisches Talent darüber verstummt.“ So weit ist es glücklicherweise nicht gekommen. Bekanntlich fand er in den verbleibenden 16 Jahren seines Lebens noch die Kraft für einige seiner schönsten Dichtungen.

Text: Josef Füllenbach, Foto: APZ

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