Montag, 28. Juli 2014

Grandioses Geflimmer

06. 03. 2013

Das Internationale Film-Festival „Febio Fest“ feiert seinen 20. Geburtstag. Es beginnt in Prag und endet in Zlín

Ein Leben lang jung bleiben, in den Tag hinein leben und sich nicht weiter um das Morgen kümmern: So bestreitet der aus Schottland stammende Ex-Punk Lachlan sein Dasein im kalifornischen „Exil“. Er arbeitet auf einer Bio-Farm, trinkt gern über den Durst hinaus und ist mit Ende Vierzig ziemlich kindlich geblieben – bis ihn eine Polizeikontrolle hart auf den Boden der Realität zurückholt und er um seine Aufenthaltsbewilligung bangen muss. Der orientierungslose Altlinke wird von Robert Carlyle gespielt, einem der derzeit herausragendsten englisch Mimen. Vielen mag der Name nicht allzu geläufig sein, doch auf der Leinwand gesehen hat ihn schon fast jeder. Carlyle ist extrem wandlungsfähig, spielt den Bösewicht im James-Bond-Blockbuster („Die Welt ist nicht genug“) genauso überzeugend wie den arbeitslosen Stripper („Ganz oder gar nicht“) oder den Polit-Aktivisten („Carlas Song“). Somit stehen er und der Streifen „California Solo“ des amerikanischen Regisseurs Marshall Lewy stellvertretend für das am Donnerstag beginnende Filmfestival „Febio Fest“, das in diesem Jahr sein 20. Jubiläum feiert.

Das Febio Fest präsentiert sich so vielseitig wie der 51-jährige Carlyle schauspielert und so tiefgründig wie Lewys Film, der auch beim berühmten Independent-Festival „Sundance“ im Wettbewerb lief. Nicht weniger als 190 Beiträge flimmern in 23 verschiedenen Kategorien in Prag über die Leinwände – da kann der interessierte Cineast schon mal den Überblick verlieren.

Nach dem Karlsbader Film-Festival ist das Febio Fest inzwischen der renommierteste Anlass seiner Art im Lande. Und so betreten jährlich auch immer wieder internationale Größen des Genres den roten Teppich vor dem Kinokomplex „Cinestar“ in Prag-Smíchov. In der Vergangenheit erwiesen Stars wie Roman Polanski, Volker Schlöndorff, Claudia Cardinale oder Sandrine Bonnaire dem Festival die Ehre. Zum runden Geburtstag erwarten die Veranstalter unter anderem Geraldine Chaplin und den österreichischen Filmemacher Ulrich Seidl. Letzterer gehört zur europäischen Regie-Avantgarde und wird bei den bedeutendsten Film-Festivals des Kontinents immer wieder mit Jury- und Kritikerpreisen geehrt. Für den Massengeschmack sind seine kontroversen Mischungen aus Dokumentation und Fiktion eher nicht gemacht. Das Febio Fest widmet dem 61-jährigen Wiener eine kleine Retrospektive und stellt zugleich dessen neuestes Werk „Paradies: Hoffnung“ vor.

Laien als Experten
Hoffnungen auf den Festival-Preis „Kristián“ braucht sich Seidl nicht zu machen, denn sein Streifen läuft nicht in der offiziellen Konkurrenz. Unter der Kategorie „New Europe Competition“ stellen sich 14 Filme den kritischen Rezensionen der 33-köpfigen Jury, die sich wie immer aus Laien zusammensetzt – eine Eigenheit des Festivals. Bis zwei Wochen vor Startschuss kann sich jeder um einen Sitz in diesem Gremium bewerben.

Als herausragend gilt es den Beitrag des erst 18-jährigen tschechischen Jungfilmers Matěj Chlupáček zu erwähnen, der mit seinem Beziehungs-Drama „Bez doteku“ („Ohne Berührung“) für Aufsehen sorgt. Etwas weniger anspruchsvoll, aber nicht minder unterhaltsam geht es in den Großproduktionen „Gambit“ von Michael Hoffman mit Cameron Diaz und Colin Firth (Drehbuch: Joel und Ethan Coen) oder dem norwegischen Action-Film „Kon-Tiki“ über eine abenteuerliche Pazifik-Überquerung zu. Es ist also für vielerlei Geschmäcker etwas dabei im umfangreichen Programm des Festivals, das auch außerhalb der Kinosäle zu punkten weiß. In der Tiefgarage des Komplexes finden täglich Konzerte und Partys statt. Essensstände bieten den Gästen kulinarische Genüsse an, die weit über Popcorn und Cola hinausgehen. Auch hier bleibt sich das Febio Fest treu und glänzt mit einer Vielseitigkeit, mit der höchstens Robert Carlyle mithalten kann.

Febio Fest, 14. bis 22. März, Cinestar Anděl, Radlická 1, Prag

Von 25. März bis 12. April in zwölf weiteren Städten, mehr Informationen unter www.febiofest.cz

Text: Stefan Welzel, Foto: Febio Fest

^ nach oben