23. Februar 2018,

„Chef wollte ich nie sein“

21. 12. 2017

Im Sommer wollte ihn der Sender Eurosport, der alle Wettbewerbe der Olympischen Spiele live überträgt, als Reporter gewinnen. Doch Fritz von Thurn und Taxis entschied sich für ein Ende seiner Karriere. Seine Familie repräsentiert die böhmische Linie der großen Dynastie


Interview von Klaus Hanisch



Seit mehr als einem halben Jahr sind Sie Ruheständler, davor waren Sie fast ein halbes Jahrhundert am Mikrofon. Wie viele Fußballspiele haben Sie – grob geschätzt – in dieser langen Zeit beobachtet und reportiert?
Es wurde geschrieben, dass ich fürs Pay-TV rund 700 Fußball-Spiele übertragen hätte. Das kann sein, aber ich habe ja zwischen 1971 und 1993 für die ARD auch viele andere Sportarten kommentiert. Wahrscheinlich war ich unter allen deutschen Sportreportern mit am häufigsten live am Mikrofon – neben dem Fußball auch bei vielen alpinen Skirennen, Olympischen Spielen, einem Dutzend Eishockey-Weltmeisterschaften, allen Welt- und Europameisterschaften im Basketball.

In den Monaten vor Ihrem Abschied kam plötzlich ein regelrechter Hype um Sie auf. Ein Hashtag #fritzlove würdigte Sie nachdrücklich. Empfanden Sie das als bizarr oder hatten Sie das Gefühl, auf dem Höhepunkt Ihrer Karriere abzutreten?
Ich war schon überrascht, dass es in dieser Intensität passierte, aber ich habe mich natürlich sehr darüber gefreut. Es gab Erlebnisse, die mich sehr berührt haben.

Bedauern Sie daher schon den Abschied?
Nein, ich wollte immer den richtigen Moment dafür erwischen, auf keinen Fall sollte es zu spät passieren. Es gab noch Angebote, und ich hätte noch ein, zwei Jahre weitermachen können. Das war eine große Versuchung, aber ich bin ihr nicht erlegen.

Welche Persönlichkeit auf oder außerhalb des Rasens hat Sie über all die Jahre besonders beeindruckt?
Ich hatte immer einen guten Kontakt zu Walther Tröger, oft Chef de Mission von deutschen Olympiamannschaften – ein hochqualifizierter Funktionär und angenehmer Mensch. Bei Olympia 1988 in Calgary übertrug ich den Sieg von Marina Kiehl im Abfahrtslauf, danach sollte ich mit ihr im Zielraum auch noch das Sieger-Interview führen. Aber ich hatte nicht die passende Akkreditierung dafür, stieß in der Eile einen Volunteer beiseite und verschaffte mir quasi gewaltsam Einlass. Deshalb wurde ich vor eine IOC-Kommission gebeten und es drohte mir tatsächlich Gefängnis. Doch Tröger hat sich für mich verwendet und erreicht, dass ich nur eine kräftige Verwarnung bekam. Ich bin ihm heute noch dankbar!

Ihr Name steht für eine Dynastie mit über 500-jähriger Geschichte – und dann dieser berufliche Umgang mit dem lange so genannten Proleten-Sport Fußball. Wurden Sie in Ihren vielen Berufsjahren oft auf diese Diskrepanz angesprochen?
Natürlich war es für die Zuschauer anfangs ungewohnt, dass einer aus dem Hochadel im Fernsehen auftaucht – und dann noch über Sport spricht. Und dazu noch so ein junger Kerl. Das war für kurze Zeit aufregend, deshalb kamen viele Frauenzeitschriften auf mich zu, um Homestories zu machen. Im Sportjournalismus bin ich bis heute einer der wenigen Adeligen, doch die Leute haben sich sehr schnell an mich gewöhnt.

Und wie urteilte umgekehrt Ihre Familie darüber, dass Sie Ihre Zeit nicht, zum Beispiel, in einer Anwaltskanzlei verbrachten, sondern am Rande von Fußballfeldern?
Mein Vater ist früh verstorben, wir mussten sehen, dass wir über die Runden kommen. Meine Mutter war sehr zufrieden mit meiner Berufswahl, denn ich war kein sehr guter Schüler, aber immer top im Sport. Im Verein und in der Bayerischen Juniorenauswahl habe ich Basketball gespielt. Mein Abitur habe ich noch gemacht, aber schon damals war meiner Familie klar, dass der Sport meine Leidenschaft ist. Die Berufswahl war daher naheliegend. Trotzdem habe ich lange überlegt, ob ich nicht lieber doch das Hotelfach wählen sollte. Das wäre eine Alternative gewesen.

War der Beruf auch ein Gesprächsthema in Ihrer adeligen Verwandtschaft?
Die adelige Verwandtschaft hat ein bisschen gestutzt, aber sie war eher gerührt, einen der ihren im Fernsehen zu hören und zu sehen. Das fand sie super. Es gab ja damals nur zwei Programme. Und es war ein kleiner Zirkel von Personen, der überhaupt dafür arbeiten durfte. Man konnte sich nicht bewusst bewerben, ich kam auch nur durch Zufall dazu.




„Der Titel war mir nie wichtig. Aber ich bin stolz auf meine Familie.“





Vor vielen Jahren erklärten Sie einmal in einem Interview, auf den Ertrag Ihrer Stimme angewiesen zu sein, weil Sie der verarmten böhmischen Linie des Hauses Thurn und Taxis entstammen. War das damals Understatement?
Nein, nein, das war schon so. Die zweite Linie der Thurn und Taxis, also die böhmische, war in früheren Zeiten wirtschaftlich sehr potent. Nach dem Krieg lagen unsere Schlösser aber plötzlich hinter dem Eisernen Vorhang. Um  einigermaßen vernünftig leben zu können, musste ich also arbeiten und Geld verdienen. Das mussten viele Leute erst begreifen. Denn es gab natürlich Stimmen, die sagten: Was macht sich der Thurn und Taxis so wichtig, der hat das doch gar nicht nötig.

Welche Stellung nehmen Sie innerhalb der Familie ein? Hat man Sie mit Durchlaucht anzusprechen?
Mein Titel ist „Prinz“ und das Prädikat dazu ist „Durchlaucht“. Damit bin ich natürlich nicht aufgetreten, das wäre ja doch zu blöde gewesen. Von Thurn und Taxis hat schon gereicht (lacht). Der Titel war mir nie wichtig, ehrlich gesagt. Trotzdem bin ich natürlich auf die Familie stolz. Sie hat ja Außergewöhnliches geleistet, als Erfinder der Post oder durch ihre politische Stellung. Mit Fürsten, die dem Kaiser treu gedient haben.

Viele vermuten Fürstin Gloria in Regensburg an der Spitze des Hauses Thurn und Taxis. In einer Dokumentation wurden aber Sie als Chef genannt. Was stimmt nun?
Fürstin Gloria hat die Geschäfte übernommen, nachdem Fürst Johannes, ihr Ehemann, verstorben ist. Chef der Gesamtfamilie ist ihr Sohn Fürst Albert.

Ihr Vater wurde in Schloss Mzell (Mcely) geboren, Ihre Mutter ist eine gebürtige Prinzessin Lobkowicz. Die Güter Ihres böhmischen Zweiges wurden 1946 enteignet und Ansprüche auf Rückerstattung nach der Revolution 1989 abgewiesen, da die Familie während der Kriege nicht die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft hatte. Wie sehr hat Sie das beschäftigt?
Thurn und Taxis wurde nicht restituiert, aber meine Mutter und ihre Geschwister schon. Also Lobkowicz, eine der wichtigsten böhmischen Familien überhaupt. Ich habe als Ältester verzichtet, denn ich hätte meinen Job dafür wohl aufgeben müssen. Mein Bruder hat den Anteil meiner Mutter übernommen. Er hat vier Kinder und kann sich dieser schwierigen Aufgabe besser widmen.

Was hat Sie am Job des Fußball-Reporters so fasziniert?
Der Fußball hat immer mehr an Bedeutung gewonnen und somit war es sehr reizvoll, viele Menschen mit meinen Reportagen erreichen zu können und sie hoffentlich auch gut zu unterhalten.

Wollten Sie nicht trotzdem irgendwann mal weg vom Mikrofon und eine Management-Aufgabe übernehmen?
Das wurde tatsächlich Anfang der neunziger Jahre an mich herangetragen, als die Position des Sportchefs beim Bayerischen Rundfunk frei wurde. Ich habe mich zwar nicht beworben, aber man konnte sich sehr gut vorstellen, dass ich das machen würde, könnte, sollte – müsste. Denn ich war innerhalb der Redaktion durch meine Art immer ein Integrationsfaktor, mit sozialer Kompetenz und Empathie, weil ich mit Leuten gut umgehen kann. Aber mir fehlte die Härte für eine Chefposition, gerade beim Fernsehen. Wenn ich einem Kollegen hätte sagen müssen, dass er nicht mehr in seinem Job weitermachen darf, dann hätte ich nicht mehr schlafen können. Ich habe dies bei vielen Waldspaziergängen überdacht und mich dagegen entschieden. Zumal man als Chef tatsächlich vor allem Manager ist, aber nicht mehr Journalist – und ich wollte buchstäblich am Ball bleiben.




„Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass Kritik an mir abprallt.“





Nicht viel später wechselten Sie zum Pay-TV-Sender Premiere. Ich erinnere mich, dass Ihre Begründung dafür, nämlich der geplante Ausbau der Eishockey-Berichterstattung mit Helmkamera und so weiter, damals überrascht hat.
Sie dachten vielleicht, dass ich in Wirklichkeit sehr viel mehr Geld verdienen würde?

Zumindest klang diese Begründung vorgeschoben.
Keine Ahnung, wo Sie das gelesen haben. Aber ich habe diesen Wechsel tatsächlich „sachte“ verkauft, mit dem Hinweis auf ungeahnte neue Möglichkeiten des Rechteerwerbs zum Beispiel. Denn bei der ARD hatte ich in meinen Sportarten alles erreicht, nicht unbedingt aber im Fußball, weil die Sportchefs der diversen ARD-Sender bei großen Spielen den Vortritt hatten, obwohl ich auch Europacup-Spiele kommentiert habe und bei der WM 1990 als Live-Kommentator dabei war. Ich hatte von Premiere das Angebot, auch über Eishockeyspiele zu berichten, was aber mit meiner Arbeit für die ARD nicht vereinbar war. Dann kam die Chance, ganz nach Hamburg zu Premiere zu wechseln. Das musste ich mir aber schon sehr genau überlegen, denn die „Sportschau“ hatte damals am Samstag etwa zehn Millionen Zuschauer, Premiere dagegen nur etwa 400.000 Abonnenten. Ich entschied mich trotzdem für Premiere.

Wie jeder Fußball-Reporter wurden Sie während Ihrer Karriere oft auch verhöhnt. Manche Fans forderten einen „Anti-Fritz-Kanal“. Hat Sie das getroffen?
Ich bin weder auf Facebook noch bei Twitter und habe mir dadurch sicher viel Ungutes erspart. Aber ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass Kritik einfach so an mir abgeprallt sei. Jeder normale Mensch braucht Anerkennung für seine Leistung.  Das geht wohl allen Menschen so, die in der Öffentlichkeit stehen.  

Zeitungen schrieben, nicht frei von Ironie, „in Ihrer Sprache habe eine überkommene Schönheit überlebt, von der andere gar nichts ahnen.“ Standen Ihnen Erziehung und gute Umgangsformen bei der Arbeit zuweilen im Weg?
Im Gegenteil! Gutes Benehmen ist für mich selbstverständlich und hat mein Leben durchaus erleichtert.

Wie reagierten die Zuschauer auf Ihre Sprache?
Alle erfolgreichen Reporter haben einen eigenen Sprachstil und somit einen hohen Wiedererkennungswert – auch ich. Wir polarisieren bisweilen und bleiben nicht beliebig.

Wollten Sie absichtlich polarisieren?
Nein. Ich war immer ich selbst! Für mich war das einfach selbstverständlich, ich habe nie darüber nachgedacht. Auch wenn ich mich anfangs etwas anpassen musste, weil ich zu viel gesprochen habe und oft zu emotional war. Bei älteren Kollegen kam das nicht immer gut an, weil früher in der Regel weniger gesprochen wurde.




„Das Eröffnungsspiel der Fußball-WM 2002 in Seoul hat mich sehr berührt.“





Gibt es für Sie ein „Spiel der Spiele“, an das Sie sich stets erinnern werden?
Weniger ein Spiel, eher ein Erlebnis wie die Olympischen Spiele 1972 in München, als Avery Brundage den berühmten Satz sagte „The games must go on“. Ich habe damals den Überfall auf die israelische Mannschaft relativ nah miterlebt und war bei der Trauerfeier im Olympiastadion dabei. Das berührt mich heute noch sehr. Oder das Eröffnungsspiel bei der Fußball-WM 2002 in Seoul, das ich kommentiert habe. Nicht, weil der Senegal den Weltmeister Frankreich sensationell besiegte, sondern weil ich wusste, dass in diesem Stadion in den nächsten zwei, drei Stunden sozusagen die ganze Welt miteinander verbunden ist. Milliarden Menschen über Fernsehen und Radio – und ich sitze mittendrin.

Man hätte jetzt vermuten können, dass Sie das Endspiel um die Basketball-Europameisterschaft 1993 in der Münchner Olympiahalle nennen.
Natürlich war auch dieses Spiel für mich ein Höhepunkt, denn es ist ja bis heute eine der größten Sportsensationen, dass Deutschland damals Europameister wurde. Zudem war es 1993 meine letzten Reportage für die ARD. Am Vorabend habe ich mit dem Bundestrainer Svetislav Pešić bis nach Mitternacht im Hotel die Taktik für dieses Spiel besprochen, wie man die Russen besiegen könnte. Das war in der Tat sehr außergewöhnlich.

Fritz von Thurn und Taxis arbeitete von 1993 bis 2017 für die Pay-TV-Sender Premiere und Sky.   © Sky, Firo

Haben Sie bedauert, dass sich deutsche Sport-Berichterstattung über die Jahre immer mehr allein auf Fußball konzentrierte?
Fußball war immer die Nummer eins in Deutschland, aber früher war die Spanne zu anderen Sportarten nicht so groß. Mittlerweile ist so viel Geld im Spiel und die Übertragungsrechte sind so teuer geworden, dass man einfach mehr senden muss. Selbst Spiele der dritten Liga erzielen höhere Einschaltquoten als die meisten anderen Sportarten.

Ihre Frau, eine gebürtige Ungarin, war Chefhostess bei den Olympischen Spielen 1972. Haben Sie sie dort kennengelernt wie Silvia Sommerlath den schwedischen König?
Nein, das war erst ein paar Jahre später im privaten Kreis.





„Die Verwissenschaftlichung des Fußballs gefällt mir immer weniger.“





Ihnen sei gelungen, in einer zynischen und knochenharten Branche Mensch zu bleiben, wurde Ihnen zum Abschied nachgerufen. Wie sehr hat es Sie genervt, dass Fußball immer mehr zu einem Event wurde?
Zum Glück konnte ich mir in diesem Geschäft selbst treu bleiben, was nicht immer leicht war. Mir gefällt die wachsende Verwissenschaftlichung des Fußballs immer weniger: „Gegenpressing, Laufwege, Abwehrketten, Statistiken“. Mir wurde oft vorgeworfen, ich sei zu wenig analytisch in meinen Kommentaren, aber ich habe immer eine Mischung bevorzugt und gerne auch Bilder zum Spiel entworfen.

Sie werden jetzt schon als Reporter-Legende bezeichnet. Können Sie mit diesem Begriff etwas anfangen?
Nicht wirklich. „Legende“, „Kultreporter“ und so weiter sind Begriffe, die zu häufig verwendet werden.







ZUR PERSON

Sakko, Krawatte, Einstecktuch: Fritz von Thurn und Taxis galt als Gentleman-Reporter unter den Sportberichterstattern, denn stets achtete er auch auf Anstand und Höflichkeit in der rauen Branche. Er wurde 1950 in Linz geboren, als Sohn von Johann Thurn und Taxis (1908-1959) und Maria Julia (1919-2008), eine gebürtige Lobkowicz. Ab Anfang der 1970er Jahre arbeitete der extrovertierte Journalist für den Bayerischen Rundfunk und die ARD, ab 1993 dann beim Pay-TV-Sender Premiere, heute Sky. Dabei wurde er als ebenso einfühlsamer Interviewer wie emotionaler Kommentator bekannt. Durch seinen eigenwilligen und menschelnden Sprachstil, bei dem er immer wieder ein spontanes „Huiuiui“ oder „Heieiei“ einflocht, prägte er eine eigene Note, erntete dafür aber auch Spott. Ebenso, dass er Spielernamen zuweilen recht eigenwillig aussprach, wodurch etwa der Dortmunder Profi Dembélé bei ihm schon mal zu einem Dömbelééééé wurde.

 

Text: Fotos: Sky

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