24. März 2017,

Schlussstrich

23. 12. 2016

Die PZ wird eingestellt. Warum es nach 25 Jahren (vorerst) nicht weitergeht

Ein tschechischer Regierungschef spricht über fremdenfeindliche Tendenzen in der Slowakei und Polen. Eine Historikerin erklärt, warum Slowaken ein weitaus positiveres Bild von Russland haben als Tschechen. Und ein Inder verrät, warum er gemeinsam mit seiner tschechischen Frau ein ehemaliges Hotel im Erzgebirge renoviert.

Ganz ehrlich: In keiner anderen deutschsprachigen Zeitung wären diese Menschen so zu Wort gekommen. Und künftig erscheinen solche Artikel auch nicht mehr in der „Prager Zeitung“. Denn 25 Jahre nach ihrer Gründung wird sie zum 31. Dezember eingestellt.

Im Sommer 2015 schaffte es die Flüchtlingsunterkunft Bělá pod Bezdězem wegen der dortigen „unmenschlichen Zustände“ auch in ausländische Medien. Nach der Faustregel „Only bad news are good news“ war später allerdings keine Rede mehr davon. Die „Prager Zeitung“ hielt ihre Leser hingegen auf dem Laufenden und wollte ein Jahr später vor Ort erfahren, wie es den Asylsuchenden ergeht.

Solche Berichte werden mit dem Ende dieser Zeitung voraussichtlich in der deutschsprachigen Medienlandschaft fehlen. Ob stattdessen andere über den Tellerrand schauen und die entstehende Lücke füllen, darf bezweifelt werden. Wenn selbst große Tageszeitungen ihre Korrespondenten aus Prag abziehen, und Journalisten mit Sitz in Wien oder Warschau über sieben Länder aus Mittel- und Osteuropa schreiben, büßt die Berichterstattung zwangsläufig an Qualität ein. Und wer weiß, dass selbst Presseagenturen und öffentlich-rechtliche Sendeanstalten ihren Berichterstattern in Prag zum Großteil vorschreiben, welche Beiträge sie liefern und dass sie dabei vor allem Klischees bedienen sollen, begreift den Stellenwert der „Prager Zeitung“.

Dem deutschen Publikum werden stets die gleichen Bilder aus Tschechien präsentiert, sodass der Eindruck entstehen könnte, das Land sei ein einziges Drogenlabor (Stichwort: Crystal Meth) oder habe nur eine Stimme, nämlich die von Karel Gott. Das Ende dieser Zeitung ist ein großer Verlust. Aber hätte man es nicht aufhalten können?

Klare Grundsätze

Die „Prager Zeitung“ hat von Anfang an eine besondere Stellung eingenommen, in vielerlei Hinsicht. Die Mehrzahl ihrer Leser lebt nicht in dem Land, in dem sie entsteht – was in Europa wohl seinesgleichen sucht, aber auch mit hohen Vertriebskosten und geringen Einnahmen einhergeht. Als eine von wenigen Zeitungen in Tschechien konnte sich die PZ als unabhängig bezeichnen – in Zeiten, in denen milliardenschwere Unternehmer und Politiker immer mehr den hiesigen Medienmarkt bestimmen. In einem Umfeld, in dem es eine untergeordnete Rolle spielt, das Anzeigengeschäft und die redaktionelle Arbeit klar voneinander zu trennen. Das Beharren auf diesem Grundsatz hat den Verlag um viele Einnahmen gebracht. Dabei war die „Prager Zeitung“ gerade auf den Anzeigenverkauf angewiesen. Und, das versteht sich von selbst, auf den guten Willen der Entscheidungsträger. Denn natürlich erzielt eine Anzeige in einer auflagenstarken Tageszeitung in der Regel bessere Ergebnisse als in einer fremdsprachigen Wochenzeitung.

Die Wirtschaftskrise hat den tschechischen Medienmarkt um das Jahr 2010 erreicht, und auch die „Prager Zeitung“ getroffen. Mit wenig Mitteln hat die PZ doch einiges bewirkt. So setzte sich der Verlag für die Förderung der deutschen Sprache ein, indem er hunderte Freiexemplare für den Deutschunterricht an tschechischen Schulen bereitstellte – und sich damit gegen den Rückgang der Deutschlerner stemmte.

Nicht förderungswürdig

Auf staatliche Fördermittel, wie sie fast alle deutschen Auslandszeitungen erhalten, musste die PZ verzichten. So sehr sich die Verantwortlichen auch darum bemühten, die Reaktionen fielen stets negativ aus. Auch beim tschechischen Kulturministerium, das mit seinem „Hilfsprogramm zur Verbreitung von Informationen in Sprachen von nationalen Minderheiten“ in diesem Jahr knapp 21 Millionen Kronen (umgerechnet etwa 770.000 Euro) für fremdsprachige Periodika bereitstellte, ging die „Prager Zeitung“ leer aus. Das Gremiumsmitglied, das über den Antrag befand, gehörte dem Verband der deutschen Minderheit an und entschied sich gegen eine Förderung. In einem persönlichen Gespräch bedauerte er den Entschluss, andernfalls wären jedoch die Mittel der eigenen Verbandszeitung gekürzt worden.

Auch das vom Auswärtigen Amt in Berlin finanzierte Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) unterstützt deutschsprachige Medienprojekte. Nicht aber die „Prager Zeitung“, da sie sich nicht an die „historische“, sondern an eine „neue Minderheit nach 1989“ richte. Der Antrag beim Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds, der seit 1998 insgesamt rund 50 Millionen Euro für mehr als 9.000 Projekte zur Verfügung stellte, scheiterte ebenso an den Richtlinien. Obwohl es dort heißt, „er fördert gezielt Projekte, welche die Menschen beider Länder zusammenführen und Einblicke in die Lebenswelten, die gemeinsame Kultur und Geschichte ermöglichen und vertiefen“ – und die „Prager Zeitung“ diesen Anspruch über 25 Jahre erfüllte.

Gegen den Trend

Die „Prager Zeitung“ wird aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt. Die Einnahmen sind in den vergangenen Jahren immer mehr zurückgegangen. Der Traum des Mitgründers und langjährigen Chefredakteurs Uwe Müller, aus dieser Zeitung eine „ZEIT Mitteleuropas“ zu machen, hat sich als unrealistisch erwiesen. Und trotzdem ist es ihr zuletzt gelungen, eine Vielzahl neuer Leser zu gewinnen. Entgegen dem allgemeinen Trend ist sogar die Zahl der Abonnenten gestiegen. Von einem schwindenden Interesse an Tschechien kann also keine Rede sein.

Zum 25. Jubiläum dieser Zeitung – die erste Ausgabe erschien am 5. Dezember 1991 – schrieb der inzwischen aus seinem Amt geschiedene deutsche Botschafter in Prag, Arndt Freiherr Freytag von Loringhoven, die PZ „füllt im deutschsprachigen Raum die leider festzustellende Informationslücke über diesen kleinen, aber wichtigen Nachbarn und Partner“. Und Jakub Štědron, Direktor des Hauses nationaler Minderheiten in Prag, zählt sie sogar zu einem der „Symbole Mitteleuropas“. Die „Prager Zeitung“ wird vielen fehlen.

Text: Marcus Hundt, Chefredakteur

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