18. Oktober 2017,

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Zu Hause im Egerland: Ernst Franke (links) und Alois Rott vor dem Begegnungszentrum in Cheb

22. 12. 2016

Wie sieht eigentlich die deutsche Minderheit in Tschechien aus? Eine Spurensuche mit Ausflug ins Egerland

Über die Roma-Minderheit in Tschechien weiß man einiges. Mindestens ein paar Klischees fallen jedem ein, im Idealfall auch Geschichten, die mit Vorurteilen brechen. Von den „tschechischen Vietnamesen“ hat man auch gleich ein paar Bilder im Kopf. Vielleicht kennt man sogar welche, die keinen ­Laden haben, sondern Filme über ihre Wurzeln drehen. Und man hat auch mitbekommen, dass es ziemlich viele Russen gibt, die teure Wohnungen in Prag und Karlsbad besitzen. Aber was ist eigentlich mit der deutschen Minderheit? Wie lebt sie, wie sieht sie aus? Warum begegnet man ihr nie – abgesehen von Konferenzen, die sich meistens irgendwie um die angebliche „Brückenfunktion“ der deutschen Minderheit drehen?

Die Antwort lautet: Man trifft sie wahrscheinlich sehr viel öfter als man denkt, man merkt es nur nicht. Und nicht selten wissen die Betroffenen selbst nicht, dass sie deutsche Vorfahren haben, oder sie interessieren sich zumindest nicht dafür.

Glaubt man den Statistiken, dann ist ein großer Teil der deutschen Minderheit nach der Wende verschwunden. Bei der Volkszählung 1991 hatten noch rund 48.600 tschechische Bürger als Nationalität „deutsch“ angegeben. Zehn Jahre später waren es immerhin noch mehr als 39.100. Bei der letzten Erhebung 2011 aber nur noch knapp 18.700 – also 0,18 Prozent der ­Gesamtbevölkerung.

Der Grund für den Rückgang wird schnell klar, wenn man sich auf die Suche nach Mitgliedern der Minderheit macht: Es sind vor allem die Älteren, die sich noch als Deutsche bezeichnen. Fragt man sie nach ihren Kindern oder Enkeln, heißt es oft, die hätten kein Interesse am Thema. Die Sprache ihrer Vorfahren lernen sie höchstens in der Schule. Eine E-Mail an die „Jugend-Kontakt-Organisation“ der „Landesversammlung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien“ bleibt unbeantwortet. Auch der Vorsitzende der Landesversammlung ­reagiert nicht.

Wer wissen möchte, wie „die Minderheit“ aussieht, muss zum Beispiel nach Cheb fahren. Oder Eger, je nachdem, ob man den tschechischen oder den deutschen Namen schreiben möchte. Im Begegnungszentrum am Marktplatz warten Ernst Franke und Alois Rott, 63 und 53 Jahre alt, und so etwas wie die Gesichter der Minderheit im Egerland. Franke leitet das Begegnungszentrum, Rott ist Vorsitzender des „Bundes der Deutschen Landschaft Egerland“, der in fünf Ortsgruppen etwa 250 Mitglieder hat („Eger, Karlsbad, Wildstein, Falkenau und Neudek“, zählen die beiden Herren auf).

„Psst, sei still“
„Meine Eltern haben mit mir überhaupt nicht Deutsch gesprochen, darum ist mein Deutsch auch nicht so gut“, sagt Rott entschuldigend. Wenn sich die Ortsgruppen im Egerland treffen, zum Kaffeetrinken oder zur Weihnachtsfeier, unterhalten sich die Mitglieder meist auf Tschechisch miteinander, denn das beherrschen alle.

Bei Franke war es anders. Tschechisch habe er erst im Kindergarten gelernt, erzählt er. Die Familie seiner Mutter lebe bereits seit dem 13. Jahrhundert im Egerland, die des Vaters sei 1908 mit einem Textilfabrikanten gekommen. Während die meisten Verwandten nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben wurden, blieben Frankes Eltern. „Vielleicht hatten sie es leichter, weil mein Opa als Antifaschist in Dachau im Konzentrationslager war.“ Außerdem war sein Vater Facharbeiter, der in der Textilfabrik gebraucht wurde.

Und wie war das, in den fünfziger, sechziger Jahren als Kind deutscher Eltern in der Tschechoslowakei aufzuwachsen? „Wir wohnten mit mehreren deutschen Familien direkt in der Textilfabrik, da wurde Deutsch gesprochen. Wenn ich mit meiner Mutter ins Dorf zum Einkaufen ging, sagte sie immer ,psst, sei still‘“, erzählt Franke, der 1959 eingeschult wurde. Es habe ein paar „blöde Jahre“ gegeben, sagt er, dann sei es besser geworden.

Der zehn Jahre jüngere Rott berichtet: „Das war nicht so schlimm. Natürlich wurde man mal Nazi oder Hitler gerufen, es flogen auch ein paar Steine, aber das war nur kurze Zeit.“ Sie haben sich angepasst, sind sich die beiden Männer einig. Dennoch bezeichnen sie sich „selbstverständlich“ als Deutsche. „Ich habe mich dafür nie geschämt“, meint Franke. Was ihn von „den Tschechen“ unterscheide? „Der Drang zur Ordnung“, glaubt er. „Und dass man manche Sachen anders gesehen hat. Wir lebten im Grenzgebiet, konnten deutsches Fernsehen empfangen. Wir wussten, was andere nicht wussten, und dass uns hier etwas vorgelogen wurde.“

Aber deswegen selbst auf die andere Seite des damals noch Eisernen Vorhangs zu ziehen, kam für Franke nicht in Frage. „Das Egerland ist unsere Heimat. Darauf sind wir stolz.“ Mit den Kommunisten habe man sich wohl irgendwie arrangiert, sagt Franke rückblickend. Verbittert klingt er nicht, er schiebt es nicht auf seine deutschen Wurzeln, dass er nicht studieren konnte, macht nur Andeutungen. „Man hat irgendwie gelebt“, sagt der Kfz-Mechaniker im Ruhestand. Nach der Wende verdiente er zwei Jahre in Deutschland seinen Lebensunterhalt, eine Weile habe er im Marketing gearbeitet, sei durch ganz Europa gereist, auch Russland und die USA habe er gesehen. „Aber am schönsten ist es hier“, sagt er.

Das würde auch Rott unterschreiben. Nur im Jahr 1968 sei mal von Emigration die Rede gewesen, erinnert er sich. „Der Tschechoslowakische Staat verlangte damals viel Geld, wenn man auswandern wollte.“ Also blieben einige – und mit ihnen ein Kapitel, das sowohl zur deutschen als auch zur tschechischen Geschichte gehört. „Das Egerland war schon immer ein Treffpunkt für beide Seiten“, ­erklärt Franke.

Das will auch das Begegnungszentrum am Marktplatz sein. Hier finden Deutschkurse für Tschechen statt („Ich bräuchte das auch, aber ich habe keine Zeit“, sagt Rott), geplant sind Vorträge für Erwachsene. Und immer mal wieder schaut an diesem Freitagnachmittag jemand zur Tür rein. Ein älteres Paar aus Deutschland hat sich verirrt, Touristen auf der Suche nach einem Café. Ein grauhaariger Herr spricht einen süddeutschen ­Dialekt und fragt nach Informationen übers Egerland. Und ein dritter Besucher, ebenfalls im Rentenalter, möchte Ahnenforschung betreiben. Er hat einen Taufschein dabei und will auf Tschechisch wissen, wie er herausfinden kann, wer der Mann seiner Großmutter war und welcher Nationalität er angehörte.

„Jünger“ heißt um die 50
Dass gerade an diesem Tag nur Senioren reinkommen, ist wohl kein Zufall, sondern eher die Regel. Rott plant zwar ein Schulprojekt – an einem Gymnasium in Cheb will er über die Jahre 1918 bis 1946 sprechen – doch dass sich Jugendliche von selbst für die Minderheit und deren Geschichte begeistern, ist selten. Wenn Franke und Rott von „Jüngeren“ sprechen, dann meinen sie Menschen um die 50.

Eine Ausnahme sind sie damit nicht. Sucht man nach Aktivitäten der Minderheit, findet man im Internet zum Beispiel einen Bericht vom „Kulturverband Aussig“ vom Mai: „Anlässlich des Muttertags veranstalteten wir etwas verspätet eine Busfahrt. Geplant und vorbestellt war eine Fahrt mit der Kirnitschtalbahn von Bad Schandau zum Lichtenhainer Wasserfall und zurück“, erfährt man auf der Homepage. Und außerdem: „In Pirna-Copitz fügten wir eine Pause beim Kaufland ein – ohne die würde gar nichts gehen! Aber auch hier verfolgte uns das Pech – einer unserer Damen wurde die Geldbörse gestohlen.“

Dass sich in den Ortsgruppen hauptsächlich Senioren zum Plaudern und Kaffeetrinken treffen, bestätigt Irena Nováková, seit zehn Jahren Vorsitzende des „Kulturverbandes der Bürger deutscher Nationalität in der Tschechischen Republik“. Die Organisation vertritt etwa 1.000 Mitglieder. Die Vorsitzende ist in Jablonec nad Nisou (auf Deutsch Gablonz an der Neiße) aufgewachsen. „Wir haben zu Hause nur Deutsch gesprochen, weil mein Vater nie richtig Tschechisch gelernt hat. Es war für mich normal, dass wir andere Deutsche besuchten und dass im Kindergarten und in der Schule alles auf Tschechisch lief“, erinnert sich die 59-Jährige. Für die ältere Generation sei das aber nicht so einfach, einige hätten bis heute Angst, sich zur deutschen Nationalität zu bekennen. Und in kleineren Orten in den Grenzgebieten seien Anfeindungen „leider keine Ausnahme“.

Zwar werde dagegen einiges unternommen, zum Beispiel veranstalteten Gemeinden Semi­nare mit Historikern. Von staatlicher Seite würde sich Nováková aber noch mehr Engagement für die Minderheiten wünschen. „Die deutsche Minderheit in Tschechien hat dieselben Bedingungen wie die anderen Minderheiten. Die sind leider nicht sehr positiv. Die Frage der Minderheiten steht in Tschechien weit am Rande, die Mehrheitsgesellschaft wird sehr wenig informiert über die Geschichte der Minderheiten, ihre Schicksale.“

Ist das denn überhaupt noch zeitgemäß, wenn sich kaum jemand unter 50 dafür interessiert? Und ist es nötig? Nováková hofft, dass das Interesse irgendwann zunimmt und ihr Verband auch in 20, 30 Jahren noch bestehen wird. „Es ist ein kultureller Reichtum für die Gesellschaft, wenn man eine Vielfalt an Traditionen hat; man kann sich gegenseitig bereichern und aufklären.“ In Cheb klingt die Prognose ein bisschen anders. „Die Deutschen hier sterben langsam aus“, sagt Franke. „Meine Enkel fühlen sich als Europäer, wie alle Kinder in Europa, die in die Europäische Union hineingeboren wurden.“

Text und Foto: Corinna Anton

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