12. Dezember 2017,

"Ich nenne mich Roma-Cop"

Als Kind wollte Petr Torák Superheld werden. Nun trägt er eine britische Uniform.

01. 12. 2016

Petr Torák ist tschechischer Rom und britischer Polizist. Für die Queen hätte er sich fast eine neue Hose gekauft

 

Schon als Kind träumte Petr Torák aus Liberec davon, eine Polizeiuniform zu tragen. Als der Rom vor 17 Jahren mit seinen Eltern aus Tschechien auswanderte, ahnte er aber nicht, dass es eine britische Uniform sein würde – und dass ihm die Queen einmal einen Orden für seine Arbeit verleihen würde.


Woran arbeiten Sie gerade?
Ich arbeite in der Abteilung für schwere Verbrechen, dort habe ich etwa zehn Fälle. Es geht unter anderem um Prostitution, Banden­kriminalität und Betrug.

Was genau ist Ihre Aufgabe?
Ich bin zum Beispiel der erste Kontakt für Prostituierte, die mit uns zusammenarbeiten. Im aktuellen Fall habe ich sie in Zivil getroffen und mit ihnen geredet. Vor allem hörte ich zu, ohne jemanden zu verurteilen. Ein Jahr lang sprach ich so mit etwa 80 Frauen, meistens aus Rumänien und Thailand.

Haben Sie schon einmal Gebrauch von Ihrer Dienstwaffe gemacht?
Ich trage keine Waffe. Bewaffnet ist hier nur das Spezialkommando, das bei den schwersten Fällen ausrückt. Meine Waffe ist mein Mund. Ich muss jede Situation durch Kommunikation lösen. Bisher ist mir das immer gelungen, zum Beispiel, wenn ich einen Betrunkenen überreden musste, ein Messer wegzulegen.

Zurück ins Jahr 1999, als Sie mit Ihren Eltern und Ihrem Bruder von Tschechien nach Großbritannien auswanderten …
Wir lebten in Liberec. Nachdem Skinheads im Stadtzentrum mich und meinen Bruder und später auch meine Mutter angegriffen hatten, sagte uns mein Vater, dass er Flugtickets nach London gekauft habe. Zwei Tage später ging der Flug ins Blaue, wir kannten dort niemanden. Am Flughafen beantragten wir Asyl. Nach einem Jahr bekam ich eine Arbeitserlaubnis und zog nach Peterborough.

Warum leben ausgerechnet in Ostengland, viele tschechische und slowakische Roma?
Vor allem, weil es viele Fabriken und landwirtschaftliche Betriebe gibt, man findet genug Arbeit. Als ich ankam, musste man sich nicht einmal bewerben. Die Chefs kamen zu uns nach Hause und boten uns Jobs an, wenn auch oft für weniger als den Mindestlohn. Damals wohnten vielleicht fünf bis zehn Roma­familien in Peterborough. Heute leben etwa 4.000 Roma hier.

Wie kamen Sie zur Polizei?
Ich habe alles Mögliche gemacht. Ich habe Rosen auf einem Feld geschnitten, Kartoffeln in einer Fabrik sortiert und Zwiebeln in Salat gemischt. Etwa im Jahr 2004 trat ich eine Stelle als Sicherheitsmann in einem Supermarkt an. Von da war es zur Polizei nicht mehr weit.

Wie schwierig war es, britischer Polizist zu werden?
In Großbritannien war das viel einfacher als in Tschechien. Dort muss man sehr schwierige psychologische Tests bestehen und sich einer anspruchsvollen Fitnessprüfung unterziehen. Man muss nicht nur laufen, sondern auch Sit-ups, Liegestütze und das alles machen. In Großbritannien muss man nur sprinten, 35 Kilo heranziehen und wegschieben und dann einen Logiktest absolvieren. Das ist alles.

Warum wollten Sie zur Polizei?
Als Kind wollte ich Actionheld werden – ein „Superman“, der Uniform trägt und Gutes tut. Und ich erinnere mich, wie wir in der Schule etwas über Statistiken lernten. Ich las zum ersten Mal von einer Volkszählung und mich schreckte der Gedanke, dass ich einmal nur eine Zahl in einer Statistik sein werde. Ich wollte etwas machen, das bleibt.

Wie haben Sie die Abstimmung über den Brexit erlebt?
Ich muss zugeben, dass ein paar Tage nach dem Referendum viele Zuwanderer noch ziemlich betroffen waren. Wir leben hier, zahlen Steuern, fallen der Gesellschaft nicht zur Last und trotzdem haben mehr als 50 Prozent der Briten gesagt: „Wegen euch wollen wir raus aus der Europäischen Union.“ Ich hatte das Gefühl, dass mich mein britischer Nachbar plötzlich nicht mehr neben sich haben wollte.

Wie war es, als tschechischer Rom nach Großbritannien zu kommen?
Es gab von Anfang an Hilfe. Das System ist so angelegt, dass die Menschen so schnell wie möglich auf eigenen Beinen stehen. Es geht aber auch um die Einstellung der Briten. Einmal spazierte ich morgens um sechs durch einen Park. In Tschechien wären mir die Menschen aus dem Weg gegangen und hätten die Straßenseite gewechselt. Hier haben sie mich auf einmal gegrüßt und dabei sogar gelächelt. Das war ein Schock für mich – ein sehr angenehmer natürlich.

Was bedeutet dieses System für Roma, die aus viel schlechteren Verhältnissen kommen als Sie – die zum Beispiel wegen der Sozialleistungen auswandern?
Ich höre oft, dass ich eine Ausnahme sei. Aber das stimmt nicht. Das beginnt hier schon im Kindesalter. Junge Roma aus slowakischen Ghettos oder tschechischen Sonderschulen gehen hier sofort in Regelschulen, so überwinden sie schnell die erste Barriere. Ähnlich geht es weiter. Bei der Polizei zum Beispiel gilt, dass sie die Gemeinde repräsentieren soll, in der sie arbeitet. Wenn dort 20 Prozent Muslime leben, sollte auch der Anteil muslimischer Polizisten etwa so hoch sein. Auf diese Weise muss die Polizei mit ihren Stellen­angeboten auch die jeweilige Gemeinde ansprechen.

Was ist wichtig, wenn man sich integrieren will?
Zu den Schlüsseln der Inte­gration gehört die Fähigkeit der Gesellschaft, Menschen unabhängig von ihrer Ethnie aufzunehmen. Und es ist wichtig, Vorbilder zu unterstützen.

Was heißt das?
Wenn ein junger Rom in seinem Umfeld nur Arbeitslosigkeit und Ausweglosigkeit sieht, hat er keine Helden, denen er nacheifern will. In Großbritannien kommen pakistanische Polizisten und Politiker in die Schulen, ich als Roma-Polizist besuche Roma-Kirchen und Hochzeiten. Ich trete dort in Uniform auf, damit sie mich sehen und sagen: „Ich möchte, dass mein Sohn auch so wird wie dieser Polizist. Wenn er es geschafft hat, kann mein Sohn es auch schaffen.“

Haben Sie auch Kontakt zu tschechischen Polizisten?
Ich arbeite oft mit tschechischen und slowakischen Polizisten zusammen. Vor ein paar Wochen habe ich den tschechischen Polizeipräsidenten Tuhý getroffen. Er wollte mich kennenlernen, weil er von mir gehört hatte. Er bedankte sich für meine Arbeit.

Was raten Sie Ihren Kollegen, wie Sie das Zusammenleben in nordböhmischen Orten wie Varnsdorf verbessern könnten, wo es immer wieder Probleme zwischen Roma und Nicht-Roma gibt?
Es war ein Fehler, dass die Stadt die armen Familien alle in zwei oder drei Hochhäuser umge­siedelt hat, die jetzt überfüllt sind. Die Kinder haben dort nur eine kleine Ecke, wo sie spielen können. In Großbritannien werden Flüchtlinge in der ganzen Stadt verteilt, damit keine Ghettos entstehen. Ich beobachte aber auch, dass Tschechien heute anders ist als 1999. Damals waren Rassismus und Hass ein Privileg vor allem von Skinheads und Leuten dieses Typs. Jetzt ist er – wie wir bei den Demonstrationen gegen Einwanderer gesehen haben – bei den normalen Bürgern und im Mainstream der politischen Debatten verbreitet. Das ist beunruhigend und es macht es schwieriger, die Menschen aus den Ghettos herauszubekommen.

Hat sich Ihre Selbstwahrnehmung in Großbritannien verändert?
In Tschechien habe ich mich, genau wie mein Vater, immer als Italiener ausgegeben, weil ich mich schämte, Rom zu sein. Es war überwältigend für mich, diesen Teil meiner Identität neu zu entdecken und stolz darauf zu sein. Wenn ich heute irgendwo ankomme, sage ich immer gleich am Anfang, dass ich ein Rom aus der Tschechischen Republik bin.

So stellen Sie sich vor?
Meistens. Oder als Roma-Cop. Weil meine Identität sich jetzt darauf begründet, dass ich stolz bin, Rom zu sein und Polizist zu sein. Ein englischer Polizist, ein Cop. Ein Freund hat mir deswegen den Spitznamen Roma-Cop gegeben.

Haben Sie mittlerweile die britische Staatsbürgerschaft?
Nein. Ich habe sie erst nach dem Brexit-­Referendum beantragt.

Warum?
Wegen der Unsicherheit darüber, wie es weitergeht. Ob ich als Ausländer hier bleiben kann oder nicht. Ich will auf der sicheren Seite sein.

Denken Sie manchmal darüber nach, zurück nach Tschechien zu gehen?
Ich hasse diese Frage.

Warum?
Weil sich meine Antwort darauf so häufig ändert wie das britische Wetter. Vor allem mein Vater will, dass wir bleiben, weil Großbritannien unsere neue Heimat ist. Unsere Kinder haben hier eine bessere Zukunft als in Tschechien. Meine Frau würde jedoch sehr gern zurückkehren. Sie ist keine Romni, sie ist Optikerin und wegen ihrer Familie zieht es sie zurück nach Prag. Ich glaube, ich könnte die Situation der Roma in Tschechien mit meiner Erfahrung weitaus effektiver dort beeinflussen als von England aus.

Wie würden Sie versuchen, in Tschechien etwas zu verändern?
Ich würde das machen, was für die Gesellschaft am besten wäre.  Wenn eine politische Partei ein überzeugendes Programm anböte, könnte ich mir vorstellen, in die Politik zu gehen.

Wie haben Sie davon erfahren, dass Sie den Verdienstorden „Order of the British Empire“ bekommen?
Die Nachricht kam per Post. Meine Frau hat den Brief geöffnet. Ihre ersten Worte waren: „Du wirst eine neue Hose brauchen.“ Ich hielt den Brief zuerst für eine unseriöse Gewinnmitteilung. Von dem Orden hatte ich noch nie gehört. Etwa einen Monat später kam aber ein weiteres Schreiben, in dem stand, dass die Queen unterzeichnet habe und ich den Orden bekäme.

Wissen Sie, wer Sie nominiert hat?
Mein Vorgesetzter, der Inspektor in Peterborough, und noch einige weitere Vertreter der Polizei. Aber von der Nominierung erfährt man nichts. Ich habe es de facto erst verstanden, als mein Chef mich aus heiterem Himmel zu sich rief und fragte, ob ich Brite sei. Warum er das wissen wollte, konnte er mir angeblich nicht verraten, sagte er, aber es gehe um einen Preis.

Warum fragte er nach Ihrer Staatsbürgerschaft, wenn doch auch Ausländer den Orden bekommen können?
Weil ihn Ausländer nicht direkt von der Queen entgegennehmen dürfen. Ich bekam ihn vom Minister, der für die Polizei zuständig ist. In dem Moment habe ich bedauert, dass ich nicht zur Queen fahren durfte. Ich ärgerte mich, dass ich den britischen Pass noch nicht beantragt hatte. Aber so hatte ich zumindest nicht den Stress mit einer neuen Hose.



Das Interview erschien zuerst auf Tschechisch im Magazin „Respekt“ Nr. 45 vom 7. November 2016.
Übersetzung: Corinna Anton

Interview: Kateřina Šafaříková und Petr Horký, Foto: Natalie Vinova/CC BY-SA 4.0

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