11. Dezember 2017,

Links denken, rechts wählen

Die Einstellung vieler junger Leute wirft Fragen auf.

24. 11. 2016

„Generation What?“ hat das Leben und Denken junger Erwachsener erforscht

Wie leben junge Erwachsene in Europa? Was wünschen sie sich und was fürchten sie? Das herauszufinden, hat sich das Projekt „Generation What?“ vorgenommen, an dem unter anderem das Tschechische Fernsehen und der Tschechische Rundfunk beteiligt sind. Sender und Produzenten erstellten mit einem Team von Soziologen einen Fragebogen, der jungen Europäern in elf Ländern vorgelegt wurde. Hierzulande beantworteten etwa 40.000 Menschen zwischen 18 und 34 Jahren die Fragen zu Politik und Gesellschaft und zu ihren persönlichen Wünschen und Werten.

Im Fokus der Forscher standen die 1982 bis 1998 Geborenen. Man könnte hierzulande auch sagen: die erste postsozialistische Generation. Denn selbst die ältesten Teilnehmer der Umfrage wurden erst 1988 oder 1989 eingeschult, haben also nur sehr wenig bis kaum eigene Erfahrungen und Erinnerungen an die Zeit vor der Samtenen Revolution. Oder wie Jan Červenka es formuliert: „Obwohl mich altersmäßig nur ein Jahrzehnt von den ältesten Mitgliedern der Generation What trennt, komme ich tatsächlich aus einer ganz anderen Welt, wenn nicht aus einem anderen Universum.“ Červenka ist Meinungsforscher am Institut für Soziologie der Akademie der Wissenschaften und hat den tschechischen Abschlussbericht für „Generation What?“ geschrieben.

Die ältesten Teilnehmer der Studie durften bei den Wahlen zum Abgeordnetenhaus 2002 zum ersten Mal ihre Stimme abgeben – eine Möglichkeit zur Mitbestimmung, die viele nicht nutzten, schreibt Červenka, ebenso wenig bei etlichen folgenden Wahlen. Eine wichtigen Anteil hatten Erst- und Jungwähler dem Wissenschaftler zufolge jedoch 2006 am Erfolg der damals relativ neuen Partei der Grünen; 2010 stimmten viele von ihnen für die rechtskonservative Partei TOP 09 und für die mittlerweile aufgelöste „Věci veřejné“ („Öffentliche Angelegenheiten“). Zwei junge Schauspieler, Jiří Mádl und Martha ­Issová, hatten ihre Altersgenossen damals aufgerufen, ihre Großeltern zu überreden, diesmal nicht links zu wählen.

Geld regiert die Welt
Beim Thema Politik sind die Ergebnisse der Umfrage auf den ersten Blick widersprüchlich: Die jungen Tschechen bevorzugen seit mehreren Jahren Mitte-rechts-Parteien wie ANO, TOP 09, ODS, außerdem die Grünen und die Piraten. Bei den Kommunisten oder den Sozialdemokraten machen Menschen unter 35 dagegen seltener ihr Kreuz als ältere Wähler. Andererseits sprachen sich in der Studie aber zwei Drittel der Generation What dafür aus, dass Gewerkschaften mehr Einfluss haben sollten – eine Position, die kaum von den Parteien vertreten wird, die sie mehrheitlich wählen.

Mehr als zwei Drittel stimmten zudem der Aussage zu, dass Solidarität wichtig sei, und mehr als neun von zehn sagten, dass Geld in der modernen Gesellschaft zu viel Bedeutung beigemessen werde. Fast 90 Prozent waren der Meinung, dass Banken und Geld die Welt regierten. Etwa vier Fünftel denken, es gibt zu viele arme Menschen in Tschechien und mehr als zwei Fünftel sind der Ansicht, es gebe zu viele Reiche. Und die große Mehrheit hat den Eindruck, dass der Unterschied zwischen arm und reich immer weiter zunehme.

Die Einstellungen und Meinungen der tschechischen Jugendlichen, folgert Červenka, ähneln denen typischer Wähler linker Parteien – genau wie die der Gleichaltrigen in den meisten westeuropäischen Ländern. Mit dem Unterschied, dass die jungen Tschechen eben nur links denken, aber rechts wählen, wenn sie überhaupt ihre Stimme abgeben.

Eine mögliche Erklärung liegt in der wirtschaftlichen Situation des Landes. Es fehlt an Fachkräften, die Arbeitslosigkeit ist in vielen Regionen sehr gering.Auch junge Menschen müssen kaum Angst haben, keine Stelle zu finden – das unterscheidet sie von Gleichaltrigen anderswo in Europa. Außerdem sind TOP 09 und ANO vergleichsweise jung. Das könnte ein anderer Grund sein, warum sich manche Jugendliche von ihnen besser vertreten fühlen als von linken Parteien, die sie eher mit dem Establishment in Verbindung bringen – unabhängig davon, was in den Parteiprogrammen steht. Und drittens fehlt auf der linken Seite des Parteienspektrums auch eine Persönlichkeit wie Konzernchef und Finanzminister Andrej Babiš (ANO) oder Ex-Außenminister Karel Schwarzenberg (TOP 09).

Sorgen wegen Immigration
Die Forscher untersuchten aber nicht nur die politische Einstellung der jungen Erwachsenen. Die Themen reichen von Toleranz über Liebe bis Korruption, vom Verhältnis zu den eigenen Eltern über die Wirtschaftskrise und den Arbeitsplatz bis zu Drogenkonsum und Sucht. So gaben zum Beispiel 83 Prozent der jungen Tschechen an, dass sie auch ohne Alkohol glücklich sein könnten, 17 Prozent verneinten. Ein glückliches Leben ohne Handy können sich 66 Prozent vorstellen. Der Aussage, sie könnten sich in ihrem Leben nur auf sich selbst verlassen, stimmten 55 Prozent der befragten Tschechen zu. Zum Vergleich: In Deutschland teilten diese Meinung 34 Prozent, in Österreich 35.

Auch die Haltung zu Europa wurden erfragt. Zwar gaben die meisten Tschechen an, sich als Europäer zu fühlen (89 Prozent). Enger verbunden sind sie ihren Antworten zufolge aber ihrer Region oder ihrem Heimatland. Europa ist für sie letztendlich vor allem ein notwendiges Konstrukt (34 Prozent) oder der Name eines Kontinents (31 Prozent).

In diesem Zusammenhang gaben die jungen Erwachsenen hierzulande an, Immigration als das derzeit wichtigste Problem wahrzunehmen. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung sind die Tschechen unter 35 zwar etwas weniger besorgt um ihre Sicherheit. Bei der Frage, ob und unter welchen Bedingungen Tschechien Flüchtlinge aufnehmen sollte, unterscheiden sich ihre Aussagen aber nicht von denen älterer Landsleute (siehe Kasten). Auf die Frage, ob Immigration die Kultur bereichere, sagten 52 Prozent der Tschechen ja – zum Vergleich: In Deutschland ­waren es 80, in Österreich 62 und in Polen 36 Prozent.

Text: Corinna Anton, Bild: APZ

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