12. Dezember 2017,

„Wir stehen als Partner zur Verfügung“

Bernd Posselt diskutierte am Samstag auch mit Nina Nováková, Parlamentarierin der Partei TOP 09.

14. 09. 2016

Bernd Posselt hat Sudetendeutsche und Kommunalpolitiker nach Pilsen eingeladen – mit Protesten hatte er gerechnet

Manche wollen ihm die Hand schütteln, andere eine Umarmung. Und immer wieder muss er mahnen: „Sprich doch ins Mikrofon.“ Wenn sich die Sudetendeutschen treffen, ist Bernd Posselt so etwas wie der Hirte, der seine Schäfchen zusammenhält. Er duzt sie und nennt sie beim Vornamen. Sie lauschen bedächtig, wenn er spricht, nicken immer wieder bestätigend, freuen sich über die Anekdoten aus München, Brüssel und Prag. Nicht immer sind alle Mitglieder seiner Meinung, aber damit kann der Bundesvorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft, CSU-Politiker und Ex-Europaparlamentarier ganz gut umgehen. PZ-Redakteurin Corinna Anton hat ihn beim Kommunalkongress der Sudetendeutschen in Pilsen gesprochen.


Die Sudetendeutschen haben sich am Wochenende zum ersten Mal in Tschechien zu einem Kommunalkongress getroffen. War es Ihre Idee, die Veranstaltung in Pilsen auszurichten?
Der ganze Kongress war meine Idee. Ich besuche Pilsen oft, weil ich ständig zwischen München, Prag und Straßburg unterwegs bin. Pilsen war nach dem Fall des Kommunismus eine der hässlichsten Städte Europas und jetzt ist es eine der schönsten. Es ist bewundernswert, was die Menschen hier für den Aufbau geleistet haben. Im vergangenen Jahr war Pilsen Kulturhauptstadt – dafür hab ich selbst im Europaparlament gestimmt. Ich war in dieser Zeit mehrfach hier, es gab unter anderem einen Bayern-Tag auf dem großen Platz. Die Stadt ist ein guter Boden für ein solches Treffen.

Auf tschechischer Seite sahen das nicht alle so. Am Freitag haben etwa 20 bis 30 Menschen in der Nähe des Veranstaltungsortes demonstriert.
Ich wäre traurig gewesen, wenn es keinen Protest gegeben hätte. Das gehört zur Demokratie wie das Salz zur Suppe.

Sie hatten damit gerechnet?
Selbstverständlich. Das ist doch normal. Wenn mir etwas nicht passt, protestiere ich auch dagegen.

Wie haben die Teilnehmer aus Deutschland darauf reagiert, dass Sie sie nach Pilsen eingeladen haben?
Bei den meisten ist das sehr gut angekommen. Es gab auch Kritik, allerdings weniger am Ort Pilsen, sondern an der Idee, einen Kommunalkongress abzuhalten. Manche waren der Meinung, wir müssten mit den führenden Politikern reden. Aber als Europapolitiker sage ich: Die wichtigsten Politiker sind die Bürgermeister. Sie stehen vor ihren Leuten gerade für das, was getan wird und sie beeinflussen das Klima. Natürlich ist es wichtig, dass der tschechische Kulturminister Daniel Herman beim Sudetendeutschen Tag war, und dass wir Kontakte auf oberster Ebene haben. Demnächst kommt Premierminister Bohu­slav Sobotka nach Nürnberg – darauf freue ich mich schon. Aber das wichtigste sind dennoch die Kommunalpolitiker. Viele davon sind heute hier versammelt, aber auch Praktiker aus den Kommunen, Vertreter von Bürgerinitiativen und der Minderheit sind gekommen.

Mehrere Kommunalpolitiker und Praktiker haben auf die Satzungsänderung vom vergangenen Jahr verwiesen. Damals haben die Mitglieder der Sudetendeutschen Landsmannschaft beschlossen, die „Wiedergewinnung der Heimat“ als Ziel zu streichen. Heute haben einige Redner gelobt, dass der Schritt manche Türen geöffnet habe. Sind die Kritiker nun verstummt?
Nein. Auch heute sind zwei von ihnen anwesend. Aber das sind immer dieselben.

Ärgern Sie sich darüber?
Wir haben einen Vorschlag gemacht, von dem ich überzeugt bin, dass er richtig ist. Er wurde von 72 Prozent der Bundesversammlung unterstützt. Jetzt gibt es ein Gerichtsverfahren, weil die Gegner sagen, es hätten 75 Prozent sein müssen. Sollte das der Fall sein, stimmen wir eben nochmal ab, dann werden wir 75 Prozent erreichen, hoffe ich. Nach allen Unterlagen, die wir haben, sind wir rechtlich auf der sicheren Seite. Aber Kritik ist legitim.

Auch das Thema Flüchtlinge wurde angesprochen. Wie einig sind sich die Sudetendeutschen in dieser Frage? Sie wissen ja, was es heißt, die eigene Heimat verlassen zu müssen.
Bundespräsident Joachim Gauck hat kürzlich in Berlin herausgearbeitet, was wir gar nicht wussten: Er sagte, dass einer Studie zufolge in Deutschland über ein Drittel der freiwilligen Flüchtlingshelfer entweder deutsche Heimatvertriebene oder deren Nachkommen sind. Ich meine, in Bayern sind es sogar noch mehr. Mein Büro liegt fünf Minuten vom Münchner Hauptbahnhof entfernt. Als die erste Fluchtwelle dort angekommen ist, habe ich mit den jungen Helfern gesprochen und sie gefragt, warum sie sich engagieren. Fast jeder zweite hat mir gesagt: „Meine Großeltern wurden auch vertrieben und daher wissen wir in der Familie, was das bedeutet.“

Kann man die Situation vergleichen?
Es gibt natürlich Unterschiede zwischen Arabern und Sudetendeutschen. Damals hatte man eine gemeinsame Sprache und eine gemeinsame Religion, das ist jetzt nicht der Fall. Aber entscheidend ist erstens die Opferperspektive. Ein Opfer ist immer ein Opfer zu viel. Das zu sehen, ist wichtiger als die politischen Hintergründe. Die muss man auch betrachten, aber zunächst muss man helfen. Zweitens muss man erkennen, dass es eine Gemeinsamkeit zwischen allen Vertreibungen gibt. Immer wird jemand vertrieben, weil er anders ist, als sich der Machthaber das vorstellt; weil er eine andere Sprache spricht, eine andere Religion hat, eine andere Kultur, ein anderes Aussehen – deshalb werden Menschen kollektiv entrechtet.

Auch viele Tschechen sollten wissen, was es heißt, auf der Flucht zu sein. Dennoch lehnt eine große Mehrheit die Aufnahme Schutzsuchender ab. Wie schwer ist es für Sie, beim Thema Flüchtlinge hierzulande Überzeugungsarbeit zu leisten?
Ich habe mit Spitzenpolitikern der Partei TOP 09 diskutiert, aber auch mit Vizepremier Bělobrádek von der KDU-ČSL und mit Sozialdemokraten. Die meisten sind sehr vernünftig. Gut, man ist sich beim Thema Quoten nicht einig, aber dann muss man das mal beiseite legen und das machen, was man kann, zum Beispiel beim gemeinsamen Schutz der Außengrenzen und der Aufnahme und Registrierung von Flüchtlingen in Griechenland oder Italien – da können sich die Mittelosteuropäer beteiligen. Wer hindert zum Beispiel Polen daran, 2.000 Beamte zu entsenden? Ich finde, man muss ein bisschen mehr Fantasie entwickeln, keinen Stellungskrieg führen. Man muss miteinander reden und die Standpunkte annähern. Da sehe ich von allen vier Visegrád-Staaten in der Tschechischen Republik die meisten Vernünftigen. Auf der anderen Seite gibt es natürlich furchtbare Leute, auch ganz oben, die nur Polemik betreiben.

Als Angela Merkel kürzlich in Prag zu Besuch war, kam es zu heftigen Gegendemonstrationen. Die Proteste richteten sich vor allem gegen ihre Flüchtlingspolitik, die viele Tschechen nicht verstehen – und die ihnen auch nicht erklärt wurde. Bekommt die deutsche Politik jetzt die Quittung dafür, dass sie sich nicht genug für das Nachbarland interessiert?
Es war lange Zeit so, dass man sich nicht genügend für Tschechien interessiert hat. In den letzten Jahren ist das besser geworden. Was Angela Merkel betrifft: Sie hat eine emotionale Bindung an Prag, weil sie als Studentin einige Zeit in der Stadt verbracht hat. Wenn ich sie treffe, zeigt sie Interesse und fragt nach. Auch die Zusammenarbeit zwischen Außenminister Frank-Walter Steinmeier und seinem Amtskollegen Lubomír Zaorálek läuft gut. Und wir haben in Prag einen sehr guten Botschafter, der unheimlich engagiert ist. Nur: Die breite deutsche Öffentlichkeit weiß zwar über Kleinigkeiten in anderen Ländern Bescheid, aber über wichtige Dinge, die hier passieren, erfährt sie nichts.

Wird in absehbarer Zukunft wieder ein Treffen der Sudetendeutschen in Tschechien stattfinden?
Im Moment ist noch nichts geplant, aber wir sind in Vorbereitung. Die Stadt Brünn hat uns bereits eingeladen, eine Veranstaltung dort zu organisieren. Nordböhmen ist auch im Gespräch. Das würde mich besonders freuen, weil meine Familie von dort kommt. Wenn die Regionalwahlen vorbei sind, wird man sehen, in welchen Regionen die Gewählten Interesse zeigen. Dort stehen wir gerne als Partner zur Verfügung.

Interview: Corinna Anton, Foto: H. Fischer/Sudetendeutsche Landsmannschaft

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