11. Dezember 2017,

Wer hat Angst vor den Sudetendeutschen?

Kongressteilnehmer in Pilsen

14. 09. 2016

Die Heimatvertriebenen sind keine Ewiggestrigen mehr, zumindest nicht alle. Ein Kommentar

Ich habe so meine Schwierigkeiten mit den Sudetendeutschen. Nicht mit einzelnen Personen. Aber mit den Assoziationen, die das Wort auslöst. Obwohl auch meine Großeltern sich vor langer Zeit für die Sudetendeutsche Landsmannschaft engagierten, würde ich nie auf die Idee kommen, mich als sudetendeutsch zu bezeichnen. Schon gar nicht in Tschechien. Schließlich bin ich nicht von gestern, weiß genau, wer den Zweiten Weltkrieg begonnen hat, und erhebe keinerlei Ansprüche auf ein Haus oder Grundstück im Egerland.

Nun fahre ich nach Pilsen, um vom Kommunalkongress der Sudetendeutschen zu berichten. Den Notizblock habe ich im Rucksack und irgendwie auch die Vorurteile. Die sind wohl mit schuld daran, dass ich eines übersehen habe: Die Landsmannschaft hat laut Programm ausdrücklich zu einem „Deutsch-Tschechischen“ Kongress geladen. Die Veranstaltung wird gedolmetscht, der Ablaufplan ist zweisprachig. Etwa die Hälfte der 130 Teilnehmer kommt einer der Organisatorinnen zufolge aus Tschechien.

Ob ich vielleicht im falschen Film bin, überlege ich, als die Regierungspräsidentin von Oberfranken Heidrun Piwernetz die erste Rede hält. Ihre Vorfahren kommen aus dem Isergebirge, sie spricht nun von einem „engen Band“ zwischen Tschechien und Bayern, das von „engagierten Akteuren“ getragen werde, von „gemeinsamen Zielen“ in der Grenzregion und von europäischen Fördergeldern, die an deutsch-tschechische Projekte verteilt werden – klingt alles sehr vernünftig und zukunftsorientiert. Nicht neu zwar, aber eben auch nicht das, was einem zuerst einfällt, wenn man an die Sudeten­deutschen denkt.

„Wir sind alle Europäer“
Anders, meine ich, wird sich bestimmt Peter Barton anhören, Leiter des Sudetendeutschen Büros in Prag. Allein schon, dass es eine solche Einrichtung gibt, kommt mir suspekt, mindestens überflüssig vor. Und was macht er? Wirbt dafür, „miteinander zu reden, miteinander zu leben“, sagt Sätze wie „Wir sind alle Europäer“, „Ich bin selbst als illegaler Migrant nach Deutschland gekommen und habe etwas zu Essen bekommen“ und „Der Islam gehört zu Deutschland“. Dass am Vorabend „höchstens 30 Menschen“ gegen den Kongress demonstriert haben, dafür hat er Verständnis: ein „Kalkül der Kommunisten“, die damit Stimmen gewinnen könnten. Er dagegen wünscht sich: „Die tschechische Gesellschaft soll sehen, dass die Sudeten­deutschen auch normale Menschen sind.“ Bis zum Mittagessen habe ich noch nicht einmal das Wort Beneš-Dekrete gehört und bin fast ein wenig begeistert von der Veranstaltung.

Nach der Pause fällt das Wort dann doch noch. Einer der Teilnehmer sagt, er fühle sich nicht willkommen in Tschechien. „Über meinem Kopf schweben immer noch die Beneš-Dekrete“, meint er und appelliert an Bernd Posselt: „Bitte stellen Sie die Werte wieder her.“ Manche sehen das offenbar ähnlich, der Redner bekommt verhaltenen Applaus und Posselt antwortet diplomatisch. Als vor fast 20 Jahren die Deutsch-Tschechische Erklärung unterzeichnet wurde, habe man das Thema ausgeklammert. Endgültig vom Tisch ist es aber auch für Posselt nicht, die Erklärung von 1997 noch immer „kränkend“, weil die Sudetendeutschen nicht wahrgenommen wurden. „Wir sind nicht irgendwelche Fremden“, sagt Posselt, der 1956 in Pforzheim geboren ist, „wir gehören auch zu diesem Land“.

Das sind dann wieder Töne, die besser ins herkömmliche Bild passen. Die Reise nach Pilsen hat sich dennoch gelohnt, denn sie hat gezeigt, dass man mit „den Sudetendeutschen“ sprechen kann – und muss. Sie wollen „Brückenbauer“ sein zwischen beiden Ländern, sagen sie immer wieder. Und das gelingt ihnen auch schon sehr gut, wie zahlreiche Initiativen und Begegnungen auf beiden Seiten der Grenze belegen. Dass die Sudetendeutschen in der breiten Öffentlichkeit bisher nicht so wahrgenommen werden, ärgert sie. Aber letztendlich ist es nur noch ein Imageproblem.

Text: Corinna Anton, Foto: HF/Sudetendeutsche Landsmannschaft

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