24. November 2017,

Endstation Nostalgie

Alle 25 Jahre lässt sich in Osoblaha ein Präsident blicken. An Václav Havel erinnert noch heute das Porträt hinter dem Traktor.

25. 05. 2016

Im Rest des Landes wissen die meisten nichts über Osoblaha. Die Zugfahrt von Prag dorthin dauert einen halben Tag. Aber wer etwas über das Leben in der Provinz erfahren will, sollte sich auf den Weg machen


Alarm im Dorf – offenbar bin ich als Reporter genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort. „Das ist doch nicht möglich“, ruft ein junger Mann. Ich bin gerade aus dem Selbstbedienungsladen gekommen, wo ich ein Regal mit Vitacit-Brausepulver foto­grafiert habe. Schon lange habe ich vergessen, dass so etwas noch existiert. Vitacit war das Kokain meiner Kindheit. „So ein Mist“, flucht der etwa 20-Jährige. „Was soll denn das?“
Ich bin verstört. Ich wandere schon den vierten Tag durch Osoblaha, aber bisher habe ich nur ein einziges Drama erlebt: Gestern gegen Mittag ist aus dem Fenster im ersten Stock über der Kneipe „U Irči“ ein Langhaardackel verschwunden. Um halb eins saß der Dackel wieder auf seinem Platz, so wie immer. Aber jetzt geht es um mehr. „Sie haben mir mein Fahrrad gestohlen“, sagt der Einheimische. „Ich war nur drei Minuten im Laden und jetzt ist es weg.“ Ich heuchle Mitleid, aber innerlich mache ich einen Luftsprung. Endlich passiert etwas! Die Polizei kommt und ich bin sogar so etwas wie ein Zeuge!

Faszinierend an Osoblaha ist, dass es hier überhaupt nichts gibt, aber trotzdem vier Kneipen. Ich besuche sie alle, aber mein Basislager habe ich in der „Nostalgie“ aufgeschlagen. Sie befindet sich gleich neben einer der wenigen Sehenswürdig­keiten im Ort, einer Flugabwehr­kanone, die an den Sieg über den Faschismus erinnert. Obwohl im Krieg hier niemand aus ihr geschossen hat. In den siebziger Jahren wurde die Kanone aus irgendeinem Museum hierher gebracht, damit sie in Osoblaha wenigstens irgendwas haben. Nach der Wende schlug ein paarmal jemand vor, sie wieder wegzuschaffen. Aber nie hatte jemand mit diesem Vorschlag eine Chance auf Erfolg. Denn ausgerechnet bei der Kanone wurden in den vergangenen 40 Jahren angeblich sehr viele Kinder gezeugt.

Schon wegen des jüdischen Friedhofs lohnt sich ein Besuch in Osoblaha.

Die meisten von ihnen leben nicht mehr hier. Auf der Suche nach Arbeit sind sie nach Opava, Prag oder London verschwunden. Die Kanone ist geblieben und sie erfüllt die gleiche Funktion wie der Heilige Wenzel auf dem Prager Wenzelsplatz. Wie man sich in der Hauptstadt „unter dem Schwanz“ trifft – also unter dem Schwanz der Reiter­statue am Wenzelsplatz – so trifft man sich in Osoblaha „bei der Kanone“. Mit dem Unterschied, dass die sich vermehrenden Pärchen bei der Kanone weniger Zeugen stören.

Der zweite Ort, an dem sich die Leute in Osoblaha treffen, ist der Brunnen im Empirestil auf dem Marktplatz. Er befindet sich jedoch direkt unter dem Fenster des Bürgermeisters. Deshalb ist es bei Bedarf schlauer zur Kanone zu gehen, der Weg dorthin dauert nur zwei Minuten. Sonst ist der Brunnen schon interessant, denn er erinnert an das alte Osoblaha, das heißt eigentlich an Hotzenplotz. Der Rest des Ortes sieht sozialistisch aus. Bei der Befreiung (ich weiß nicht, ob das der richtige Begriff ist, wenn hier doch Deutsche gelebt haben) wurden 90 Prozent aller Gebäude zerstört.

Zum Brunnen kommen wir noch, aber zunächst geht es zurück zur Kanone und zur sozialistischsten aller sozialistisch aus­sehenden Gaststätten, zur „Nostal­gie“. Sie ist eine hässliche, graue Spelunke. Dafür sind auch die Preise wie in alten Zeiten. Wer sich vorher anmeldet, bekommt das Mittagsmenü für 62 Kronen, wer einfach so vorbeikommt, für 71. Heute gibt es Riesengebirgs­suppe und Hühnchen auf Pap­rika. Dazu ein Bier der Marke Ostravar. Ich bezahle mit einem Hunderter, der Rest ist Trinkgeld.

Ich finde es komisch, dass ich fast allein in der Kneipe esse; wir sind insgesamt zu fünft. Innerhalb einer halben Stunde kommen jedoch 15 Einheimische mit Behältern in den Händen herein, um ihr Mittagessen abzuholen. Für einen Prager ist das ein ungewöhnlicher Anblick: Um die Mittagszeit trifft man im Ort nur hungrig aussehende Menschen mit Dosen und gelangweilte Roma. Aber ich muss zugeben: Sie kochen gut in der „Nostalgie“.

„Die Kneipe gab es schon im Sozialismus und wir Älteren erinnern uns daran, wie voll sie immer war“, sind sich die Einheimischen einig. Heute sieht es anders aus. Abends kommt vielleicht ein Dutzend Gäste, aber großen Andrang kann man erst am Freitag und Samstag be­obachten. „Bei uns herrscht eine allgemeine Nostalgie“, sagt jemand. „Wir sehnen uns nach den Staatsbetrieben zurück, die uns Sicherheit gaben. Jeder hatte Arbeit, eine Wohnung, konnte Ausflüge machen, tanzen gehen …“

Zum Einkaufen nach Polen
Am längsten sitze ich mit dem örtlichen Intellektuellen zusammen, dem Geschichtslehrer Marian Hrabovský, der mit seinen 47 Jahren nicht an Nostalgie leidet. „Vor 30 Jahren hatten hier fast alle eine gut bezahlte Arbeit in der Landwirtschaft“, sagt er. „Sie fuhren mit ihren Traktoren aufs Feld, melkten Kühe und machten Urlaub in Jugo­slawien oder Bulgarien. Am Ende konnten sie sich sogar einen Video­rekorder leisten – das war der pure Luxus auf dem Land.“

Nach der Wende stellten die privaten Betriebe die Tierzucht ein, weil sie sich nicht mehr lohnte. Für den Ackerbau brauchten sie nur wenig Angestellte und moderne technische Geräte. Viele Traktorfahrer und die Melk­e­­­­­­­­­­­­­­r­innen landeten auf dem Arbeitsamt. Bis heute hat Osoblaha 17 Prozent Arbeitslose im Sommer; im Winter sind es 25 Prozent.

Lehrer Hrabovský gehört zu den Honoratioren in der Stadt. Er verdient mehr als 20.000 Kronen im Monat, das ist in Osoblaha ziemlich gut. Seine Frau Jana arbeitet ebenfalls, auch wenn sie nur die Hälfte verdient. Sie ist Pflegerin im örtlichen Seniorenheim.

Die beiden werden vielleicht hier bleiben. Abgesehen davon, dass sie Arbeit haben, gibt es noch ein paar andere gute Gründe. „Vor allem die himm­lische Ruhe“, erzählt Hrabovský. Durch Osoblaha fährt nur ausnahmsweise mal ein Auto. Wer Kinder hat, kann sie alleine aus dem Haus lassen. Ihnen wird bestimmt nichts passieren. „Dann die herrliche Natur. Angeln, Pilze sammeln, wandern, Fahrradfahren – in fünf Minuten ist man mit dem Rad sogar in Polen.“ Die unmittelbare Nähe zur Grenze ist ein Vorteil. Die Menschen aus Osoblaha überqueren sie zum Einkaufen. „In zehn Minuten ist man im polnischen Kaufland, wo vergleichbare Waren nur zwei Drittel des tschechischen Preises kosten. Bei uns in den Läden sind die Artikel teuer, weil alles von weit hergebracht werden muss“, sagt Hrabovský.



Nach Prag fährt dagegen fast niemand. Prag ist eine ferne Stadt aus dem Fernsehen. Die Stadt der Politiker, die nach Meinung der Einheimischen völlig losgelöst von der Realität leben und verpflichtet werden sollten, mal einen Monat hierherzu­ziehen, damit sie sich beruhigen.
Einmal war Havel hier, 23 Jahre später Zeman. Letzterem applaudierten die Leute, aber keineswegs fanatisch, so politikbegeistert sind sie nicht. „Dass Zeman ein Idol wäre, würde ich nicht behaupten“, meint der Lehrer. Aber wer dann? Hrabovský muss lange nachdenken. „Hier leben vor allem ältere Menschen, sie würden sich wohl alle auf einen Namen einigen. Und das ist Karel Gott.“

Nur nicht arbeiten
Auf halber Strecke zwischen der „Nostalgie“ und der Kanone nimmt der Besucher eine geheimnisvolle hölzerne Bahn wahr. Auf Nachfrage erfährt er, dass es sich um einen Rastplatz für Fahrrad­fahrer handeln soll. Aber gerade machen dort nur jugendliche Roma Rast. Sie rauchen, schlagen die Zeit tot und als ich sie anspreche, antworten sie: „Es war ein großer Fehler, dass Sie hierhergekommen sind, denn hier ist nichts. Das ist ein Ort nur für Rentner. Wir sitzen die meiste Zeit zu Hause vor dem Computer.“

Das Zusammenleben mit den Roma fällt den Einheimischen schwer. Früher gab es hier keine Angehörigen der Minderheit. Ein Satz, den man sehr häufig von Alteingesessenen hört, beginnt mit den Worten: „Ich bin kein Rassist, aber …“

Marian Hrabovský erklärt das aus der Lehrerperspektive: „Als sie vor vier Jahren begannen hierherzuziehen, haben wir das in der Schule früh bemerkt. Plötzlich habe ich Aufgaben verteilt, aber die neuen Schüler weigerten sich sogar, ihre Bücher aufzuschlagen. Ich fragte sie, ob sie wohl schlechte Noten bekommen wollen und sie antworteten mir, dass sie sowieso nirgends hinwollen als aufs Arbeitsamt.“

Das ist natürlich nicht nur ein Problem von Osoblaha. Aber hier ist es neu und deswegen ein Reizthema. Es begann damit, dass ein hiesiger Unternehmer im Zuge der Privatisierung sehr günstig ein paar Plattenbauten kaufte, die das Zentrum des Nachkriegs-Osoblaha bilden. Weil er will, dass die Wohnungen voll sind, konzentriert er sich in letzter Zeit auf Roma, die nicht arbeiten und deswegen Sozial­leistungen fürs Wohnen bekommen. Sie können ihm sogar das Dreifache der durchschnittlichen Mieten zahlen. Schwarz arbeiten allerdings fast alle Männer. Sie sind geschickt, Maurer- und Grab­arbeiten gehen ihnen gut von der Hand. In Osoblaha sieht man das und ist wütend. Auch wenn man andererseits zugeben muss, dass die Roma hier sonst keine Konflikte verursachen. Sie leben auf ihre Weise, isoliert. Sie sitzen auf dem Rastplatz für Fahrradfahrer. Wenn wirklich mal ein Fahrradfahrer vorbeikommt, fährt er lieber weiter.

Ein anderer Rom
Ein Rom, der von den Einheimischen geschätzt wird, ist Láďa Suchý, Assistent für Kriminalitätsprävention. Er ist 38, hat fünf Kinder und zwei Enkel, ist Leiter der örtlichen Laien­schauspielgruppe und sitzt sogar im Gemeinderat – eine angesehene Persönlichkeit in Osoblaha. Mir würde sein Beruf gefallen. Den ganzen Tag spaziert er durch die Gemeinde und schaut, dass alles seine Ordnung hat: „Wie geht es Ihnen, kann ich Ihnen bei irgendetwas helfen oder einen Rat geben?“ Alle winken ihm freundlich zu.

Ich lade Láďa auf einen Kaffee ein, er trinkt ihn mit vier Würfeln Zucker. Als er vor drei Jahren nach Osoblaha zog, haben die Einheimischen nicht mit ihm kommuniziert, erzählt er: „Ich war für sie einfach ein Rom, das war alles. Die zornigen Blicke habe ich wahrgenommen, aber wenn jemand zeigt, was in ihm steckt, sehen ihn die Leute anders.“ Auch er lebte mit seiner Familie im Plattenbau. Aber weil er Arbeit hatte, musste er seine Miete selbst zahlen. „Als sie 9.800 Kronen im Monat von mir wollten, habe ich mir stattdessen ein Einfamilienhaus gemietet, für das wir jetzt 5.000 Kronen Miete zahlen.“ Láďa fährt zwar nie in den Urlaub und isst Schnitzel nur an Feiertagen, aber er beschwert sich nicht, er führt ein würdevolles Leben.

Bürgermeister-Sorgen
Wer in Osoblaha übernachten möchte, hat zwei Möglichkeiten: Im Sommer auf dem schönen Campingplatz beim Schwimmbad, ganzjährig in der Pension von Václav Kalda, ein ehemaliger Bürgermeister, der seinen Lebensunterhalt als Masseur verdient und seine Garage zu einem Mini-Kurbad umgebaut hat. „250 Kronen pro Nacht und Person“, sagte er am Telefon fast entschuldigend, da muss man nicht lange überlegen.
Allein von den Einheimischen könnte er nicht leben. Die haben kein Geld für Massagen. Ähnlich erging es übrigens einer Konditorei: Wenn man jedes Wochenende nur 20 Törtchen verkauft, macht es keinen Spaß, Unternehmer zu sein. Kalda fährt deswegen zweimal pro Woche zum Massieren nach Ostrava. Die meisten Einheimischen pendeln zur Arbeit. Die erste Gruppe geht zehn vor vier Uhr morgens zum Zug und kommt eine Stunde später in Krnov an.

Kalda ist vielleicht der einzige in Osoblaha, der nicht pessi­mistisch in die Zukunft blickt. Er glaubt noch immer an staatliche Anreize: „Wenn der Staat diese schwache Region nicht dauerhaft mit Steuergeldern unterstützen will, bleibt ihm nichts anderes übrig, als die Unternehmer zu fördern.“ Seine Familie würde davon wahrscheinlich nichts mitbekommen. „Seit mehr als 20 Jahren ziehen intelligente und begabte junge Menschen weg. Unsere Kinder haben studiert. Der Sohn ist Anwalt, die Tochter Krankenschwester, was sollten sie hier machen? Unsere Tochter würde hier außerdem keinen Mann finden“, sagt Kalda. Auch er würde gerne wegziehen, auf sein Landhaus bei Luhačovice. Aber im Moment sieht es so aus, als ließe sich sein Haus in Osoblaha nicht verkaufen. „Niemand will es, nicht einmal für die Hälfte des Schätzpreises.“

Der amtierende Bürgermeister wartet im Rathaus. Antonín Rous schaut aus dem Fenster auf den Brunnen, unten sitzt einer von drei heimischen Obdachlosen, der Alkoholiker Štefan. Der Vorteil einer kleinen Gemeinde ist, dass sie ihre Obdachlosen kennt. Den beiden anderen hat sie sogar Wohnungen angeboten. Štefan wollte nichts. Sie lassen ihn in verfallenden Gebäuden eines ehemaligen Bauernhofs übernachten und Obstwein trinken. Ein paarmal am Tag schaut jemand nach ihm und fragt, ob er noch lebt.

Der Bürgermeister ist 56 Jahre alt. Er zog nach dem Militärdienst aus Brünn nach Osoblaha. Wie etwa die Hälfte der Ein­wohner kam er damals wegen der Arbeit und der billigen Wohnungen her. „Es gibt wenig Kriminalität, gewöhnlich wird nur Holz, Eisen oder Bier geklaut, das irgendwo in einem Garten steht. Unsere leicht hüge­lige Landschaft ist wunderschön – ich bin Jäger und gehe gern durch mein Revier, um den Kopf freizubekommen“, zählt der Bürgermeister die Vorzüge seiner Gemeinde auf. Auch das Sportangebot erwähnt er. Beliebt sind Volleyball, Fußball und Tennis. „Wer 200 Kronen im Jahr zahlt, kann jeden Tag auf unseren Anlagen trainieren.“ Die Kultur versucht er zu unterstützen. Aber das sei schwierig. Die Zeit des alten Regimes, als hier das Festi­val „Osoblaha baut, tanzt und singt“ organisiert wurde, kehrt wohl nie mehr zurück.
Heute muss die Jugend nach Krnov fahren, wenn sie ein Konzert besuchen oder in die Disco gehen möchte.

Was die Zukunft betrifft, gehört der Bürgermeister zu den zahlreichen schicksalsergebenen Pessimisten, denn er sieht, wie die heimische Bevölkerung altert. „Ich will die genaue Zahl lieber nicht hören, sonst würde ich wahrscheinlich feststellen, dass der Altersdurchschnitt jetzt bei 45 Jahren liegt, obwohl er kurz vor der Wende noch bei 30 Jahren lag.“ Wenn es keine Arbeit gebe, dann lasse sich diese Entwicklung nicht umkehren. „Aber selbst wenn hier Arbeitsplätze entstehen, haben wir ein Problem: Dann fehlen die Leute. Die jungen, die hier geblieben sind, haben keine gute Ausbildung und die meisten sind schon lange arbeitslos, falls sie überhaupt mal gearbeitet haben.“

Dass viele schon aufgegeben haben, zeigt ein Gespräch mit zwei Frauen, die am Brunnen herumsitzen. „Wir müssen bis elf warten, bis irgendeine Kneipe aufmacht, wo wir ein Bier trinken können“, sagt eine zur anderen. „Das hier ist wie lebenslänglich … warten auf den Tod.“
Der Bürgermeister hatte vorhin verraten, was ihn am meisten ärgere: Als die staatlichen Betriebe noch funktionierten, habe es einen großen Kampf um kleine Gärten gegeben. Jeder wollte einen haben. „Jetzt hat die Gemeinde genug zur Verfügung, aber niemand hat Interesse daran. Die Arbeitslosen liegen zu Hause und wissen, dass sie Sozial­leistungen bekommen, also warum sollten sie Energie investieren, um etwas anzubauen?“ Dabei würde die Gemeinde die Gärten für 200 Kronen im Jahr anbieten.

Der Erfolgreiche
Der Landwirt Ilja Miovský ist einer, der es geschafft hat. Um ihn zu treffen, gehe ich in Richtung Bahnhof. Gleich daneben liegt der jüdische Friedhof – die größte Attraktion im Ort, weil dort eine Schmalspurbahn endet und eine Dampflok den Sommer über jedes Wochenende ein paar hundert Touristen bringt.

Grundbesitzer Miovskýs Einkommen ist höher als der Durchschnittslohn. Der passionierte Jäger kann sich im Urlaub sogar eine Safari in Namibia leisten. Die neidischen Nachbarn tratschen, er habe es leicht gehabt, weil er als ehemaliger Chef­landwirt des Staatsbetriebs über gute Kontakte verfügte und die Böden kannte – deshalb habe er sich den besten kaufen können. Wohlwollende Nachbarn meinen, er habe sich eben Mühe gegeben und studiert, dadurch habe er einen Vorteil gegenüber den Traktorfahrern.

Ich treffe den Landwirt um acht Uhr morgens zwischen einem Traktor und einem Mäh­drescher. Dauerhaft beschäftigt er sechs Angestellte. Einmal wollte er in der Hochsaison 30 Aushilfen vom Arbeitsamt. Bereit zu arbeiten sei aber nur einer gewesen, sagt Miovský. „Er hatte keine Hacke dabei, also habe ich ihm eine von mir gegeben. Danach habe ich ihn und die Hacke nie wieder gesehen.“

„Ich hatte niemals Hunger“
Ich gehe zur Schule und frage Siebtklässler, was ihnen in Osoblaha gefällt. Die Antworten sind enttäuschend, alle sagen etwa dasselbe wie die 13-jährige Eliška: „Der Vorteil ist, dass es hier ruhig ist, und der Nachteil, dass es langweilig ist.“

Dann suche ich nach Zeit­zeugen und treffe die 81-jährige Frau Michalčíková. „Mit dem Alter“, sagt die ehemalige Kindergärtnerin, „setzt es mir zu, dass es hier schwierig ist, einen Arzt zu finden“. Wenn es ihr nicht gut geht, muss sie nach Krnov oder Opava fahren. „Aber ich bin es nicht gewohnt, zu klagen“, sagt die Wolhynien-Tschechin, die in der heutigen Ukraine geboren ist. Zu Hause sprach sie immer Tschechisch. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam sie mit ihrer Familie mit dem Zug. Die Fahrt dauerte zwei Wochen. Im Waggon reisten auch ihre beiden Pferde und zwei Kühe mit. Sie erinnert sich noch daran, wie ausgebombt Osoblaha war und wie schrecklich sie es als 13-jähriges Mädchen hier fand.

Die Revolutionsgardisten nahmen sich, was sie bekommen konnten; 1.500 Deutsche wurden vertrieben. In den zerfallenden Häusern kamen die Einwanderer unter, die aus allen Richtungen nach Osoblaha kamen. Nicht nur Wolhynien-Tschechen, sondern auch Griechen und Menschen aus der gesamten Tschecho­slowakei.

Frau Michalčíková sieht immer noch vor sich, wie später die Kirche in die Luft flog, in die sowieso immer weniger Menschen gingen. Daran änderte sich auch nach der Wende nichts. Heute ist es sinnlos, in Osoblaha einen Gottesdienst abzuhalten. Der Pfarrer kommt einmal pro Woche ins Seniorenheim, in dem noch ein paar wenige Schäfchen übriggeblieben sind. „Wichtig ist, dass ich nie im Leben hungern musste. Ich habe mich nie über etwas beschwert“, sagt Frau Michalčíková.

Fahrraddiebstahl aufgeklärt
Alle sind sich einig, wie sicher es hier ist. Und es geht wirklich ruhig zu – bis ich auftauche. „Sie haben mir mein Mountainbike gestohlen“, höre ich diesen Jungen noch einmal sagen, „es hat 11.000 Kronen gekostet“. Ob er einen Verdacht habe, fragt Láďa Suchý. „Ja, vielleicht die Zigeuner dort, die haben die ganze Zeit blöd geschaut. Wobei, Moment, da fällt mir ein: Manchmal machen ein Freund und ich das zum Spaß.“ Er holt sein Telefon hervor. „Andreas, hast du mein Fahrrad gesehen? (…) Du Idiot!!!“

Ganz Osoblaha fällt ein Stein vom Herzen. Die beiden Freunde machen sich gemeinsam auf den Weg in die „Nostalgie“. Und der Langhaardackel schaut selig aus dem Fenster.

 

Der Artikel erschien zuerst auf Tschechisch im Magazin „Reportér“ (Mai 2016). ­Übersetzung: Corinna Anton

Text: Tomáš Poláček, Foto: Jan Hromádko/Reportér

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