25. Juli 2016,

Mission: Impossible?

26. 08. 2015

Kaum ein Land ist so atheistisch geprägt wie Tschechien. Missionare der Mormonen wollen das ändern

„Dobrý den! Wie geht es Ihnen? Schön, Sie endlich kennenzulernen!“ Besucher der Prager Zentrale der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ werden von allen Seiten mit einem strahlenden Lächeln empfangen. Bekannt sind die Mitglieder der Kirche als Mormonen, Anhänger eines christlichen Glaubens, der seinen Ursprung im 19. Jahrhundert hat. Ein amerikanischer Bauernsohn namens Joseph Smith soll damals von einem himmlischen Wesen den Auftrag erhalten haben, das Buch Mormon zu übersetzen und zu verbreiten, eine heilige Schrift und Ergänzung zum Alten und Neuen Testament.

Im großzügigen Büro der Mormonen-Mission nahe der Burg herrscht reges Kommen und Gehen. Gepflegte junge Männer in dunklen Anzughosen und weißen Hemden samt Krawatte plaudern in amerikanischem Englisch mit den älteren Damen am Empfang, fragen nach Medikamenten gegen Grippe und schielen nebenbei auf den Poststapel, den Schwester Holtová gerade sortiert – in der Hoffnung, dass sich ein Brief ihrer Familie darunter befindet. Die „Starší“ (im Deutschen „Ältesten“), wie die jungen Männer während ihrer zweijährigen Entsendung angesprochen werden, dürfen nur eingeschränkt Kontakt mit ihren Angehörigen aufnehmen: eine E-Mail pro Woche, zwei Skype-Gespräche im Jahr, zu Weihnachten und am Muttertag. Mit möglichst wenig Ablenkung sollen sie ihre Zeit in den Dienst Gottes und seiner Propheten stellen. Sie sind Missionare und wollen die Tschechen zum Glauben bekehren. Keine leichte Aufgabe in einem Land, in dem sich laut einer Umfrage 75 Prozent der Bevölkerung entweder als „nicht religiöse Person“ oder sogar als „überzeugter Atheist“ begreifen.

Starší Prohaska ist 22 Jahre alt, kommt aus der Schweiz, und gehört derzeit der Kongregation der Mormonen in Pilsen an. Heute ist er für einen Tag in Prag, um mit seinem finnischen Glaubensbruder Starší Karjalainen auf der Straße für das Buch Mormon zu werben. Beide sind mit ihrer europäischen Herkunft Exoten innerhalb der Mission und sprechen, ebenso wie die amerikanischen Missionare, nahezu perfekt Tschechisch. Das intensive Lernen der Landessprache gehört zur Vorbereitung auf den Auslandseinsatz. Bei der Entscheidung, wer wohin entsandt wird, haben die jungen Kirchenmitglieder kein Mitspracherecht. Sascha und Ville, wie die beiden im bürgerlichen Leben heißen, hätten überall landen können.

Überraschende Trefferquote
Die Bedingungen in Prag sind an diesem Tag nicht günstig: Die Luft über dem Asphalt flimmert, selbst im Schatten zeigt das Thermometer über 30 Grad. Die Missionare brauchen keine Aufwärmphase. Kaum haben sie ihre Zentrale verlassen, winken sie Passanten zu, grüßen in alle Richtungen und versuchen, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Allzu lange müssen sie sich nicht bemühen.

Anetas Hund zerrt nervös an seiner Leine, die junge Frau bleibt trotzdem neugierig stehen. „Glaubst du an Gott?“ Starší Karjalainen schaut sie mit seinen eisblauen Augen an und wartet geduldig auf die Antwort. Aneta ist etwa Anfang 20. Ihre Großmutter sei sehr gläubig gewesen, erzählt sie, ihre Mutter gehe nur noch an Weihnachten und Ostern in die Kirche. An Gott glaube sie schon, allerdings weniger an institutionalisierte Religion. Beim Abschied gibt sie Starší Karjalainen ihre Nummer. Anschauen würde sie sich das Ganze mal, zum Beispiel bei einem Gottesdienst. Sie hätte sich auch noch länger mit den Jungs unterhalten, es sind eher die beiden, die es weiterzieht – schließlich wollen sie möglichst vielen Leuten mit ihrer Botschaft helfen, wie sie sagen.

„Das Wissen, dank meines Glaubens auch im Jenseits mit meiner Familie zusammen sein zu können, beruhigt mich sehr“, sagt Karjalainen. „Glauben hilft immer“, stimmt das junge Paar zu, das sich als nächstes auf eine Diskussion einlässt. Sie trägt einen kurzen engen Rock, die schwarzen Haare sind zu einem modischen Bob geschnitten. Er ist sehr sportlich gebaut – einen wie ihn bekehren zu wollen, erfordert Mut. Aber auch hier rennen Starší Prohaska und Starší Karjalainen offene Türen ein. Olga und ihr Freund sind in Prag lebende Russen und gläubige Mitglieder der orthodoxen Kirche. Besonders interessant finden sie, dass die Mormonen fünfzehn lebende Apostel haben, welche die Gemeinschaft führen und repräsentieren. „Die würden wir gerne mal treffen.“ Sie sind enttäuscht, dass die Apostel in den USA leben und derzeit keine Audienzen in Prag geplant sind. Ihre Adresse geben sie den beiden Missionaren dennoch, ein Besuch für den kommenden Nachmittag wird verabredet. Auf den wenigen hundert Metern zur Metrostation haben Starší Prohaska und Starší Karjalainen eine überraschend gute Trefferquote im Land der Zweifler und Ungläubigen.

Strenge Routine
Es laufe nicht immer so gut, geben die beiden zu. Manchmal würden sich die Adressen und Telefonnummern als falsch herausstellen. Prohaska erzählt, dass er mit seinem Gefährten in Pilsen vor kurzem Opfer eines gewalttätigen Übergriffs wurde. „Der Mann rief ‚Ich glaube an gar nichts‘, dann ging er auf uns los. Ich habe zum Glück nur einen Tritt abbekommen. Satan hat einfach für kurze Zeit die Kontrolle über diesen Mann gewonnen“, erzählt der blasse, dunkelhaarige Schweizer, der an seinem Gürtel ein kleines Gerät trägt, das kontinuierlich seinen Zuckerspiegel misst. Er ist Diabetiker und muss auch in dieser Hinsicht ein diszipliniertes Leben führen. Ein strenges Gesundheitsregime ist aber allen Mormonen wichtig. Alkohol ist verboten, ebenso Kaffee und Tee. Ihren Tag beginnen die Missionare nach dem Aufstehen um 6.30 Uhr mit einer halben Stunde Frühsport. Alleine sind sie nie – die „Ältesten“ gibt es nur im Doppelpack. Sie wohnen zusammen, studieren gemeinsam die Schriften, gehen zu zweit auf die Straße. Alle neun Wochen wechseln sie ihren Partner, ungefähr fünf verschiedene Standorte der insgesamt 19 Kongregationen in Tschechien und der Slowakei lernen sie auf diese Weise kennen. Rund 100 Missionare sind derzeit in den beiden Ländern im Einsatz, die meisten von ihnen kommen aus den USA, wo die größte Gemeinschaft der Mormonen lebt.

Eine U-Bahn-Fahrt mit den Glaubensbrüdern kann dauern, auch wenn es nur ein paar Stationen sind. Überall ist ein guter Ort, um die Botschaft von Joseph Smith zu verbreiten: auf der Rolltreppe, auf dem Bahnsteig, in der Metro selbst. Für die Tschechen sind die Mormonen eine Attraktion. Bisweilen beschränkt sich die Aufmerksamkeit auf das fehlerlose aber doch deutlich von ausländischem Akzent geprägte Tschechisch und vor allem auf das Äußere. „Bei uns ziehen sich die jungen Männer nicht so ordentlich an“, lobt eine ältere Dame das Duo.

„Eine sehr gute Frage!“
Am Ausgang der Metrostation I.P. Pavlova haben sich bereits die Zeugen Jehovas mit ihren bunt bebilderten Zeitschriften postiert, als die Mormonen ankommen. „Einen Konkurrenzkampf gibt es nicht“, beteuert Prohaska. „Wir akzeptieren, wenn Leute einen anderen Glauben haben.“ Ein erfülltes Dasein ganz ohne Glauben an Gott und ein Jenseits können sich die beiden Missionare aber nicht vorstellen. Beide wurden als Kinder von Mormonen in die Kirche hineingeboren.

Das nächste Gespräch in der prallen Sonne. „Ich habe mich schon viel mit Religion beschäftigt. Aber wenn es einen Gott gibt, warum sind die einen arm und die anderen reich?“, bringt Honza ein Argument vor, das die beiden oft hören. „Eine sehr gute Frage!“ Starší Prohaska legt seinen Kopf schief und schaut den braungebrannten jungen Mann mit den Nike-Turnschuhen aufmerksam an. So funktioniert Mission für Prohaska und Karjalainen: aufmerksam zuhören, Fragen ernst nehmen. Ihre Antworten können Honza heute nicht überzeugen. Letztendlich laufen sie alle auf dasselbe hinaus. Man müsse einfach glauben – an die Wiederherstellung des Evangeliums durch Joseph Smith und die Apostel, an die grundlegende Rolle der klassischen Familie und die strengen Glaubensregeln der Kirche – dann werde schon alles gut.

Am Ende des Vormittags haben die Mormonen oft „keine Zeit“  gehört, „nein danke“, oder nur ein stummes Kopfschütteln als Reaktion auf ihren missionarischen Eifer geerntet. Viele Passanten sind aber auch stehen geblieben und haben sich über ein nettes Gespräch und das Interesse an ihrer Person gefreut.

Ob Aneta morgen ans Telefon geht, wenn der blonde Finne sie anruft, ob Olga und ihr Freund zuhause sind, wenn die Missionare an der Tür klingeln, ob Bauarbeiter Jarda wirklich nächsten Sonntag in die Kirche kommt – das wagen auch die „Ältesten“ nicht mit Sicherheit zu sagen. Aber vielleicht ist Missionieren in Tschechien doch nicht ganz so unmöglich, wie die Umfragen glauben lassen.



Mormonen – Im Dienst Jesu Christi
Die „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ ist mit 14,8 Millionen Mitgliedern weltweit die größte mormonische Gemeinschaft. In Tschechien und der Slowakei hängen laut Angaben der Kirche rund 2.700 Personen dem Glauben an. Die Mission ist für die jugendlichen Mitglieder zwischen 18 und 27 Jahren nicht zwingend, wird aber dringend empfohlen. Für Männer dauert sie zwei Jahre, Frauen stellen sich 18 Monate in den Dienst der Glaubensverbreitung. 400 Missionen existieren weltweit. Die Auslandsaufenthalte müssen von den Mitgliedern und ihren Familien selbst finanziert werden. Kritisiert werden die Mormonen oft für die vom Religionsgründer Joseph Smith als gottgewollt verstandene und auch praktizierte Polygamie, von der sich die Kirche offiziell bereits 1890 distanzierte. Heute stehen die Mormonen für ein streng konservatives Familien- und Geschlechterbild.   (kw)

Text: Katharina Wiegmann, Foto: S. Kohoutek

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