16. Januar 2019,

Verboten, aber toleriert

28. 01. 2015

Der „längste Straßenstrich Europas“ gehört der Vergangenheit an. Doch die Probleme der Prostitution bleiben bestehen

In den Neunzigern und auch noch Jahre danach waren Prostituierte meist die Ersten, die Autofahrer aus Deutschland nach der Grenzkontrolle „begrüßten“. Vor allem die im Erzgebirge an der einstigen E55 gelegene Kleinstadt Dubí (Eichwald) erlangte einen zweifelhaften Ruf, den sie noch heute nicht ganz los ist. Vom Kurort Altenberg kommend, winkten unzählige leicht bekleidete Frauen den Ausländern zu und boten ihnen ihre Dienste an. Der Schriftsteller Jáchym Topol erinnerte sich in einem Ende 2006 erschienenen Artikel in der „Prager Zeitung“ mit Schrecken an die einstigen Zustände.

„Wenn ein Besucher nach Dubí fuhr und nicht gerade die roten Räder der Lust vor Augen hatte, musste sich ihm eher der Magen umdrehen. Armselige (…) Gestalten entsprangen den Straßengräbern, tummelten sich haufenweise auch im Regen an Haltestellen, winkten vor Bordellen und lockten die Besucher in Großbordelle wie Bihač, Harmony und Eurostar. Heute ist die Straße Ruská, die durch das Städtchen verläuft (…), voller geschlossener Bars, die Fenster der ehemaligen Bordelle sind verschmutzt und einige jämmerlich aussehende Priesterinnen der Liebe winken den Autos nur am Stadtrand zu. Prostitution ist in der Stadt nach einem Beschluss der Ratsherren verboten, wird aber hinter ihren Grenzen und im Privaten toleriert.“

An diesem Bild hat sich heute – mehr als zehn Jahre nach dem EU-Beitritt Tschechiens und sieben Jahre nach dem Wegfall der Grenzkontrollen – kaum etwas verändert. Doch obwohl die Zahl der Prostituierten im Grenzgebiet zu Sachsen merklich abgenommen hat, sind die sozialen Probleme, die mit der „käuflichen Liebe“ einhergehen, geblieben. Viele Frauen auf der tschechischen Seite der Grenze, die damals auf den Straßenstrich gegangen seien, würden nun entweder in nahegelegenen Bordellen arbeiten oder in Deutschland, wo die Prostitution seit 2002 nicht mehr als sittenwidrig eingestuft werde. Diese Ansicht vertritt Anna Lüttich vom gemeinnützigen Verein Karo mit Sitz in Plauen, der sich seit 2004 gegen Zwangsprostitution, Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung von Kindern einsetzt.

Aufschwung nach 1990
Das Interesse deutscher Freier habe nicht nachgelassen, auch wenn „der längste Straßenstrich Europas“, als der die E55 früher bekannt war, eindeutig der Vergangenheit angehört. Noch immer würden laut Sozialarbeiterin Lüttich viel zu viele Frauen der Prostitution nachgehen, weil sie drogenabhängig seien und für ihre Sucht ein höheres Einkommen bräuchten als in der Region Ústí nad Labem (Aussig) im Durchschnitt gezahlt werde. Sie kenne Beispiele, bei denen Prostituierte von ihren Zuhältern bedroht und erpresst würden: Falls sie ihre Tätigkeit beendeten oder mit Sozialarbeitern über ihre Probleme sprächen, so müssten sie sterben.

Die Prostitution im deutsch-tschechischen Grenzgebiet erlebte nach der Wende einen massiven Aufschwung. Für die Stiftung Brücke/Most, die in der vergangenen Woche zu einer Veranstaltung zum Thema nach Dresden eingeladen hatte, sei das Problem auf die Transformation der mitteleuropäischen Staaten nach dem Ende des Kommunismus zurückzuführen. Während die Gehälter in der ehemaligen DDR vor 1989 etwa so hoch wie in der Tschechoslowakei waren, gab es nach der deutschen Wiedervereinigung plötzlich gewaltige Unterschiede. Das Durchschnittseinkommen eines Sachsen sei in den neunziger Jahren zeitweise achtmal so hoch gewesen wie das eines Tschechen. Für Sextouristen, gerade aus dem benachbarten Sachsen, hätten damals „paradiesische Zustände“ geherrscht – sexuelle Dienstleistungen kosteten hinter der Grenze viel weniger.

Text: mh/čtk, Foto: Element Pictures

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