30. September 2016,

Zurück zu den Wurzeln

02. 07. 2014

Drei junge Frauen aus Brünn möchten die Tschechen für „Do it yourself“-Bestattungen begeistern. Bald eröffnen sie den ersten Baumfriedhof im Land

Sie sind Mitte Zwanzig und denken über Begräbnisse nach. Alžběta Živá, Blanka Dobešová und Monika Suchánská finden, dass der Bestattungskult in Tschechien in der Krise steckt – und wollen das ändern. Sie haben ein Projekt ins Leben gerufen, das sich „Ke kořenům“ nennt (zu Deutsch „Zu den Wurzeln“) und mit dem sie zeigen wollen, dass Beisetzungen human, kreativ und ökologisch sein können. Noch in diesem Jahr wollen sie den ersten Baumfriedhof in Tschechien eröffnen. Ihr Projekt findet Beachtung.

Mit ihrer Idee gewannen die drei Studentinnen den tschechischen Social Impact Award. Der Preis unterstützt Projekte aus dem Bereich des Social Business, also Unternehmen, die zwar nach den Grundsätzen des Kapitalismus wirtschaften, dabei jedoch einen sozialen Mehrwert schaffen. Ziele solcher Unternehmen sind gesellschaftliche, finanzielle und ökologische Nachhaltigkeit.

„Wir wollen grüne Impulse für diesen sehr wichtigen Übergangsritus setzen“, beschreiben die drei Brünnerinnen, die sich als Ökobestattungstrio bezeichnen, ihr Projekt „Ke kořenům“. Sie möchten Hinterbliebenen helfen, Begräbnisse ökologisch und nach deren eigenen Vorstellungen zu gestalten. „Wenn die Hinterbliebenen selbst an der Planung und Organisation beteiligt sind, hilft es ihnen, den Verlust ihrer geliebten Angehörigen zu verarbeiten. Auch das ästhetisch ansprechende Umfeld natürlicher Begräbnisstätten hat einen therapeutischen Effekt“, meinen die drei jungen Frauen.

Blanka Dobešová hat sich in ihrer Diplomarbeit im Fach Umweltforschung mit ökologischen Bestattungen im Ausland beschäftigt. Der Trend entstand bereits in den neunziger Jahren in Großbritannien. In Deutschland etwa gibt es inzwischen mehr als fünfzig sogenannter Friedwälder. Mit der Beisetzung der Asche im Wurzelbereich der Bäume werden die sterblichen Überreste dem Naturkreislauf zurückgeführt, der Baum, Symbol der Beständigkeit, dient als Grabmal. In Tschechien ist dieses Bestattungskonzept völlig neu.

Laut dem Tschechischen Statistikamt wurden im Jahr 2012 bis zu 80 Prozent der Verstorbenen eingeäschert. Dobešová merkt außerdem an, dass ein großer Teil dieser Beisetzungen ohne Trauerzeremonie stattfindet. In Prag, so Dobešová, betrifft das die Hälfte aller Begräbnisse.

Zusammen mit Živá hat sie einen Sommer lang in einer großen Brünner Bestattungsfirma gearbeitet. Dort, so das Ökobestattungstrio, gehe man nicht auf die Bedürfnisse der Klienten ein, alles laufe nach Schema F. Und da die Bestatter kein angenehmes Umfeld für die Hinterbliebenen schaffen, möchten auch die die Angelegenheit so schnell wie möglich hinter sich bringen.

Aktiv den Verlust verarbeiten
Genau hier will „Ke kořenům“ ansetzen. „Wir bieten den Hinterbliebenen eine Beratung an, bevor sie überhaupt zur Bestattungsfirma gehen“, erklärt Dobešová. In einer Beratungsstelle in Brünn sollen die Angehörigen erfahren, wie sie der Trauerzeremonie eine persönliche Note geben können. „Sie sollen aktiv am Übergangsritual teilhaben“, sagt Živá. Die Tante könne einen Strauß binden, der Enkelsohn eine Rede schreiben, man könne gemeinsam die Urne herstellen.

Gleichzeitig möchte das Ökobestattungstrio in Kürze den ersten Friedwald in Tschechien eröffnen. Entstehen soll er auf dem Grundstück eines bestehenden Friedhofs im Prager Stadtteil Ďáblice. Der „Wald der Erinnerungen“ soll Platz für rund 400 Baumgräber bieten. „In der Mitte des Friedhofs befindet sich ein Waldstück, das bislang nicht genutzt wird. Wir wollen die Asche der Verstorbenen in den Wurzeln der Bäume beisetzen“, erklärt Dobešová.

Ursprünglich sollte der „Wald der Erinnerungen“ bereits im Herbst eingeweiht werden. Im Moment verhandeln die drei jedoch noch über ein zwei Meter hohes Kunstwerk, das im Wald stehen soll. Es soll die Form einer Schale haben und mit seichtem Wasser gefüllt sein – ein zentraler Ort, um Kerzen für die Angehörigen anzünden zu können. Da die Finanzierung des Kunstwerks noch nicht geklärt ist, werde sich die Eröffnung vielleicht auf Frühjahr verschieben.

Helfen könnte den Projektleiterinnen der Social Impact Award. Von der Siegprämie von 3.000 Euro sollen allerdings auch Menschen etwas abbekommen, die ihnen bisher unentgeltlich zum Beispiel bei der Gestaltung des visuellen Auftritts des Bestattungsdienstes geholfen haben. Als Preisträger wird das Bestattungstrio zudem bei der Professionalisierung ihres Unternehmens unterstützt. Im Moment gehe es in den Trainings vor allem darum, die Zielgruppe zu definieren und sich auf die speziellen Bedürfnisse dieser Klienten einzustellen.

Laut Suchánská seien vor allem Frauen an den Ökobestattungen interessiert. „Das sind kreative Menschen, Leute, die selbst sozial aktiv sind“, sagt Suchánská. Ein Ziel des Bestattungstrios ist es aber, die Idee der „Do it yourself“-Bestattung einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Denn die meisten könnten sich bisher gar nicht vorstellen, dass ein Begräbnis anders aussehen kann als die Standardabfertigung in den tschechischen Krematorien.

Text: Martin Nejezchleba, Foto: Michal Jenčo

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