31. Juli 2016,

Zwischen Ignoranz und Imageschaden

07. 08. 2013

Kritische Bestandsaufnahme der nach wie vor schwierigen deutsch-tschechischen Nachbarschaft

Wer jenseits der Grenze eine Lanze für Tschechien brechen will, hat keinen leichten Stand. Das erfuhr PZ-Autor Klaus Hanisch in den vergangenen Jahren häufig. Und dies hat sich bis heute kaum geändert. Für viele Deutsche ist das Nachbarland nach wie vor ein „Restposten“ in Europa, der keine größere Beachtung verdient. Eine ebenso subjektive wie polemische Bestandsaufnahme.

Den Stellenwert Tschechiens in Deutschland machte kürzlich die brisante Affäre um den Regierungschef überdeutlich. Der Skandal wurde in elektronischen Medien mit großer Reichweite erst dann zum Thema, als Premier Petr Nečas definitiv zurücktrat. Seriöse Fernsehanstalten platzierten ihre Berichte darüber jedoch nicht an prominenter Stelle zu Beginn, sondern im Laufe ihrer Beiträge. In der Vorausgabe einer der wichtigsten deutschen Nachrichtensendungen wurde der Name des Ministerpräsidenten zudem fälschlicherweise als „Nekas“ ausgesprochen.

Diese Geringschätzung des tschechischen Nachbarn hat Tradition. Schon Bundeskanzler Helmut Schmidt ermahnte seine Landsleute dazu, besonderes Augenmerk auf die Nachbarn Frankreich und Polen zu legen. Der Nachbar Tschechoslowakei war ihm damals keine Rede wert. Dass Tschechien für die deutsche Politik auch nach Schmidt eine vernachlässigbare Größe geblieben ist, unterstreichen Spitzenpolitiker dadurch, dass sie zu ihren Antrittsbesuchen in der Regel spät bis sehr spät nach Prag reisen.

Solch eine Missachtung „von oben“ muss nicht ins Gewicht fallen, sofern die Nachbarschaft „unten“ an der Basis funktioniert. Immerhin hat Deutschland mit keinem Land eine längere gemeinsame Grenze als mit Tschechien. Vergleichbar nur mit Österreich, das als Urlaubsland jedoch bekannter und beliebter und wohl auch deshalb bei Deutschen deutlich besser beleumundet ist als der östliche Nachbar.

In den zwei Jahrzehnten seit der politischen und gesellschaftlichen Wende in Tschechien gab es tatsächlich eine Vielzahl an vorbildlichen Projekten und Kooperationen von Bürgern und Organisationen. Sie wurden durch Partnerschaften zwischen Städten und Gemeinden ergänzt. Doch trifft dies in den meisten Fällen nur auf den grenznahen Raum zu. Dahinter hält sich die Wertschätzung für den Nachbarn stark in Grenzen.

Es war kein Zufall, dass die „Bild“-Zeitung einen Bericht über die angebliche Einleitung von Giftstoffen kürzlich pauschal mit der Frage „Was kippen die Tschechen in die Elbe?“ betitelte – im Wissen, damit einen latenten Nerv bei seinen Lesern zu treffen: den von den „bösen“ Tschechen.

Vielen Bundesbürgern sind die Nachbarn mehr oder weniger suspekt. Konkret: Für sie ist Tschechien bis heute nichts anderes als ein Land der billigen Zigaretten und vermeintlich günstigen Benzinpreise. Diese „Vorzüge“ sind speziell bei Jüngeren deutlich präsenter als selbst alte Stereotypen wie Bier und Karel Gott.

Dazu gesellte sich in jüngster Zeit das Bewusstsein vom „billigen Drogenland“, weil Crystal grenznah hergestellt und vertrieben wird. Wobei deutsche Behörden (und Medien) von jährlich 300 aufgedeckten Drogenlaboren berichten, tschechische dagegen von lediglich 30. Prinzipiell steckt „Otto Normalbürger“ tschechische Nachbarn gerne in ein (klein-)kriminelles Milieu. Zu einer Einbruchserie in Wohnungen im Raum Regensburg fand ein Bundesbürger im Hinterland eine simple Erklärung: „Die Grenze zu Tschechien ist ja nicht weit…“

Als ein älterer Mann in Westbayern verstarb und eine Obduktion angeordnete wurde, wusste ein Bekannter schon vorab das Ergebnis: „Er hatte ja eine Pflegerin aus Tschechien…“ Damit spielte er auf Raub und Erbschaft an, verdeutlicht durch den Nachsatz: „Soll doch keiner glauben, dass die das an der Grenze einfach zurücklassen…“

Derartige Stammtisch-Parolen haben eine erstaunlich lange Haltbarkeit, obwohl Kriminalitätsstatistiken deutlich widersprechen. In Bayern geht die Zahl der tschechischen Straftäter seit Jahren zurück. Dort wurden im vergangenen Jahr insgesamt 284.084 Tatverdächtige registriert. Davon kamen lediglich 1.834 Personen aus Tschechien. In Sachsen stammten die meisten nichtdeutschen Tatverdächtigen aus den Nachbarländern. Dabei war jeder achte Ausländer ein Tscheche. Doch dies ist seit Jahren eine Konstante, auch wenn die absoluten Zahlen variieren.

Woher kommt also dieses permanente Imageproblem des Landes und seiner Bürger? Viele Deutsche hätten die Tschechen überhaupt nicht im Visier, erklären Soziologen seit Jahren. Sie seien einfach weniger interessant oder nützlich als etwa die Urlaubsländer Spanien oder Italien, die zwar geografisch weiter, den Deutschen aber dennoch erheblich näher (am Herzen) liegen als der unscheinbare Nachbar Tschechien. Tschechen sind vielen Durchschnittsbürgern schlichtweg egal. Aus Desinteresse an der „grauen Maus“ Tschechien erwächst bestenfalls Ignoranz.

Nicht selten entstehen aber auch Vorurteile. Sie führen in breiten Kreisen der Bevölkerung letztlich zur gleichen Geringschätzung, wie sie von der hohen Politik vorgelebt wird. In der sächsischen Kriminalitätsstatistik spielen Ausländer bei schweren Straftaten wie Mord und Totschlag oder Raub und gefährlicher Körperverletzung kaum eine Rolle. Bestenfalls einer von acht Tatverdächtigen ist ein Ausländer. Sie fallen stattdessen wegen Kfz-Hehlerei oder Diebstählen auf. Auch in Bayern gehen Tschechen am häufigsten als Diebe oder Fälscher in die Statistik der Verdächtigen ein.

„Wir sind doch keine Polen“, schieben Tschechen gerne den „Schwarzen Peter“ weiter, wenn sie darauf angesprochen werden. Gleichwohl bekennen zumindest Tschechen, die selbst schon Opfer von Dieben in ihrer Heimat wurden, dass sie nicht unbedingt jedem Landsmann bei Geld und Sachwerten über den Weg trauen. Sie meinen, dass zum Beispiel das Risiko, während kultureller Anlässe oder bei Ausflügen bestohlen zu werden, in Tschechien viel höher sei als in Deutschland.

Ein Problem der Mentalität? In den neunziger Jahren begründeten deutsche Kriminalbeamte Diebstähle durch Tschechen damit, dass in den langen kommunistischen Jahren das „Gefühl für Eigentum und Eigentümer“ abhanden gekommen sei. Heute führen sie dafür das immer noch vorhandene Einkommens- und Wohlstandsgefälle zwischen beiden Ländern als Argument an, trotz gestiegener Löhne in Tschechien.

Eine regelmäßige deutsch-tschechische Annäherung findet derzeit vor allem nach Mitternacht statt. Und zwar beim deutschen Fernsehsender „Sport1“, der täglich nach 24 Uhr mangels Masse und zur eigenen Finanzierung ein Erotik-Programm abspult.

Darin lassen die Programmmacher nackte Tschechinnen Autos waschen und Kamerateams begleiten tschechische Mädchen in die Umkleidekabinen heimischer Einkaufspassagen, um sie beim Entkleiden zu beobachten.

Damit setzt „Sport1“ nahtlos die Berichterstattung seines Vorgängers „Deutsches Sport-Fernsehen“ fort, das zu Fußball-Großereignissen gerne „WM-Strips“ zeigte. Dabei zogen sich Tschechinnen in heimischen Stadien aus, wie an Bandenwerbungen mit „Gambrinus“ und „Fortuna“ unschwer zu erkennen war. Auf diese Weise gibt „Sport1“ eine Steilvorlage für ein anderes Stereotyp: Auch Sex und Prostitution verbinden viele Durchschnitts-Deutsche nach wie vor ziemlich häufig mit Tschechien.

Und anscheinend sogar Prominente. Alice Schwarzer spendete einen Teil ihres Gewinns in einem Prominenten-Spezial der ZDF-Quiz-Show „Rette die Million“ kürzlich für ein Hilfsprojekt, das sich mit tschechischen Zwangsprostituierten befasst. Es solle der Arbeit gegen den „längsten Straßenstrich Europas“ zugutekommen, ließ sie ein Millionenpublikum wissen. Doch den vermuten Fachleute längst nicht mehr auf der tschechischen Seite des Erzgebirges, wie nach der Wende, sondern längst weiter östlich.

In dem deutschen Krimi „Die Tote ohne Alibi“, erst am vorigen Sonntag auf ZDFneo ausgestrahlt, war eine junge Tschechin nicht nur Mordopfer, sondern – was sonst? – natürlich auch Prostituierte. Und der als Mehrfach-Mörder entlarvte Consultant behauptete zu seiner Entlastung, dass sein Auto geklaut „und sicher längst schon irgendwo in Tschechien“ sei. Alles ganz selbstverständlich eben!



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Text: Klaus Hanisch, Foto: ce-press

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