21. November 2018,

Kalenderblatt: 2. März

Georg von Podiebrad wird am 2. März 1458 im Altstädter Rathaus zum böhmischen König gewählt. (Gemälde von Adolf Liebscher (1857-1919))

02. 03. 2018

Vor 560 Jahren: 1458 wird Georg von Podiebrad in Prag zum böhmischen König gewählt





König Georg von Podiebrad (Jiří z Poděbrad; eigentlich: Jiří z Kunštatu a Poděbrad) steht bei den Tschechen bis heute in hohem Ansehen. In mehrfacher Hinsicht nahm er eine Ausnahmestellung ein: Abgesehen von dem kurzen Zwischenspiel des „Winterkönigs“ 1619/20 war Georg der einzige nichtkatholische Herrscher auf dem böhmischen Thron. Zudem entstammte er keiner Herrscherdynastie, sondern dem Podiebrader Zweig eines der ältesten einheimischen Adelsgeschlechter, der Herren von Kunstadt in Mähren. Und er war nach der Přemyslidenzeit, die mit König Václav II. 1305 zu Ende gegangen war, der einzige tschechische Träger der Wenzelskrone. Doch mehr noch als durch diese außergewöhnlichen Attribute hat er sich als Hussitenkönig und als eine besonders fähige, besonnene und dabei entscheidungsstarke Führungsfigur in einer schwierigen Zeit der konfessionellen Auseinandersetzungen einen dauernden Platz im kollektiven Gedächtnis erworben.

Georg wurde zu Beginn der Hussitenkriege im Jahre 1420 geboren, höchstwahrscheinlich im April, aber weder über seinen Geburtsort noch über seine Mutter gibt es Gewissheit. Seinen Vater Viktorin von Podiebrad, einen engen Gefährten des hussitischen Heerführers Jan Žižka, verlor er mit sieben Jahren. Georgs Großvater Boček zählte zu den Initiatoren des berühmten Beschwerdebriefs vom 2. September 1415 gegen die Verbrennung von Jan Hus, den 452 böhmische und mährische Herren unterzeichnet und an das Konstanzer Konzil gerichtet hatten. Vater Viktorin war einer der Kämpfer, die der erblindete Jan Žižka mit der Ausführung seines politischen Vermächtnisses beauftragte. Hier ist vielleicht die Wurzel zu suchen für die Überlieferung, Žižka sei der Taufpate Georgs gewesen.

Nach dem frühen Tod seines Vaters kam Georg unter die Vormundschaft seiner Onkel Boček von Kunstadt und danach Haralt von Kunstadt. Mit letzterem erlebte er als 14-Jähriger die Schlacht bei Lipan auf der Seite der siegreichen gemäßigten Utraquisten gegen die radikalen Hussiten: „Žižkas Waisen“ und die Taboriten. Im Unterschied zu seinen Vorgängern Karl IV. und Sigismund oder zu seinem Nachfolger, dem Jagellonen Vladislav II., hat Georg keine gründliche Bildung genossen. Er sprach kein Latein und nur gebrochenes Deutsch. Statt einer systematischen Schulbildung eignete er sich militärische Fähigkeiten, politischen Weitblick, Urteilskraft und Kombinationsvermögen dank seiner raschen Auffassungsgabe seit frühester Jugend durch unmittelbare Anschauung im Umgang mit befähigten und großzügigen Förderern an.

Kaum volljährig führte er 1438 bei Tabor ein siegreiches Scharmützel gegen Albrecht II. von Habsburg an. Diesen hatte die katholische Seite zusammen mit den Prager Kelchanhängern Ende 1437 als neuen böhmischen König durchgesetzt, nachdem der letzte Luxemburger, Kaiser Sigismund, verstorben war. Der ostböhmische Adel, traditionell streng kelchgläubig, versuchte gemeinsam mit den Taboriten den Bruder Kasimir des polnischen Königs Vladislav an Albrechts Stelle zu setzen, doch vergebens. Als im Jahr darauf Albrecht II. überraschend starb, begann 1439 eine etwa 14-jährige Thronvakanz, denn Albrechts Gemahlin Elisabeth, die einzige Tochter Sigismunds, brachte den Thronfolger Ladislaus Posthumus erst vier Monate nach des Vaters Tod zur Welt.

Zwischen den gegnerischen Lagern in Böhmen, angeführt auf der katholischen Seite von Ulrich von Rosenberg und auf der utraquistischen Seite von Ptáček von Pirkstein, dem Hauptmann der vier ostböhmischen Bezirke, einigte man sich auf eine Art Burgfrieden, da keine der Seiten der anderen ihren Willen aufzwingen konnte. Als Ptáček von Pirnstein 1344 starb, konnte sein Schützling Georg dessen Platz und damit auf Seiten der Kelchanhänger eine führende Rolle einnehmen. Und vor allem konnte der von Kindesbeinen an eng mit dem böhmischen Konfessionsstreit vertraute Georg nun beginnen, seine eigene politischen Vorstellungen zu entfalten. Im ostböhmischen Raum befanden sich auch die ausgedehnten Herrschaften Georgs, die die materielle Grundlage seines Aufstiegs bildeten. Die Besitzungen vermochte er durch Erwerbungen beträchtlich zu erweitern, so dass Georg um die Mitte der 1450er Jahre als reichster der böhmischen Herren galt.

Eine Weile beobachtete er misstrauisch die Entwicklung in Prag, wo sich die Anzeichen einer schleichenden Rekatholisierung mehrten. Anfang September 1448 war es so weit: Georg nahm in einer nächtlichen Militäraktion Prag ein und beendete damit die Zeit der Machtteilung. Und mit Aplomb war er als einer auf die zentrale politische Bühne getreten, mit dem von nun an zu rechnen war. In der Folgezeit behauptete sich Georg militärisch und politisch erfolgreich gegen die unter den Rosenbergern vereinte katholische Adelspartei Süd- und Westböhmens, aber auch gegen die radikalen Taboriten. Das ihm vom böhmischen Landtag mit Zustimmung von Kaiser Friedrich III. verliehene Amt des Landverwesers bildete dafür die Rechtsgrundlage. 1453 kam mit der Krönung des noch nicht volljährigen Habsburgers Ladislav Posthumus zum böhmischen König die herrscherlose Zeit an ihr Ende. An Ladislavs Seite übte Georg weiterhin sein Amt als Landverweser aus, also praktisch die eigentliche Herrschaft im Lande.

Büste von Georg aus Podiebrad im Altstädter Rathaus (Prag)

Der frühe Tod des jungen und kinderlosen Königs – er erlag, noch nicht 18 Jahre alt, im September 1457 in Prag vermutlich der Beulenpest – stellte die Wenzelskrone erneut zur Disposition. Ansprüche wurden von manchen Seiten erhoben, unter anderen aus Sachsen und Polen, wohin Schwestern von Ladislav verheiratet waren, von den Habsburgern und sogar von den Franzosen. Und alle hatten unter den böhmischen Parteiungen ihre Fürsprecher und Gegner. Natürlich machte sich auch der nun fast 38 Jahre alte Georg Hoffnungen, doch war die Krone für ihn trotz seiner unbestrittenen Verdienste um das Wohl des Landes, kein Selbstläufer. Entstammte er doch keinem der Herrscherhäuser, keinem fürstlichen, herzoglichen oder gar königlichem Geschlecht. Und selbst wenn diese Voraussetzung gegeben wäre, so war ein „Ketzerkönig“ schwer vorstellbar und außerhalb Böhmens, zum Beispiel als erster Kurfürst des Reiches, noch schwerer vermittelbar. Auch in den Kronländern Schlesien, den beiden Lausitzen und vor allem in Breslau war die Stimmung gegenüber Georg alles andere als günstig.

Zum 27. Februar 1458 hatten die böhmischen Stände für die Königswahl den Landtag nach Prag in das Altstädter Rathaus einberufen. Auch die katholischen Stände nahmen teil, da auch sie eine rechtmäßige Königswahl als Vorbedingung für die Vergabe der Wenzelskrone betrachteten. Erst nach mehrtägigen Verhandlungen vor unter hinter den Kulissen kam es am 2. März zum Wahlakt, und Georg von Podiebrad wurde von allen Anwesenden einstimmig zum neuen böhmischen König gewählt. In seiner kurzen Antrittsrede versprach er Respekt und Toleranz gegenüber den Kelchgläubigen und den Katholiken sowie die Einhaltung der Kompaktate. Damit hatte er die Themen angesprochen, die ihm während seiner ganzen 13-jährigen Regierungszeit immer wieder sehr zu schaffen machen sollten und an denen in den letzten Jahren sein Königtum zu zerbrechen drohte. Der Wahlakt fand in einem Saal des früheren neugotischen Nordflügels des Rathauses statt; dieser Flügel ist während des Prager Aufstandes Anfang Mai 1945 ebenso durch Beschuss aus deutschen Panzern in Flammen aufgegangen wie andere Teile des Rathauses, vor allem Turm und Astronomische Uhr. Letztere wurden bald nach dem Kriege wiederhergestellt und werden zur Zeit renoviert. Den Nordflügel hat offenbar auf Dauer ein Rasen ersetzt. Deshalb trägt heute ein Saal im südlichen Teil des Rathauses zu Ehren des im Rathaus gewählten Königs den Namen Georgssaal (Jiříkova síň).

Am 7. Mai 2018, dem 560. Jahrestag seiner Kröning im Veitsdom, wird die „Prager Zeitung“ auf Georg von Podiebrad zurückkommen und das Bild dieses ungewöhnlichen und bis heute von vielen Tschechen als Ausnahmeerscheinung verehrten Herrschers abrunden.



Text und Foto: Josef Füllenbach

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